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Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Partei neuen Typs

Die Kehrseite des Purpose

Form ohne Inhalt: Hanno Burmester und Clemens Holtmann entwerfen eine Partei für die Vorhut des Bürgertums
Von Peter Köhler
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Ratlos unter der Reichstagskuppel: Wo sind sie denn, die Werte?

Es ist fast schon eine Binsenweisheit, dass es in der Politik nicht vor und zurück geht und grundlegende, vielleicht grundstürzende Reformen vonnöten sind. Ebenso, dass Minister, Abgeordnete und Funktionäre ratlos unter der Reichstagskuppel sind: Eingespannt in die Routinen der Regierungs- oder Parteiarbeit, fehlen ihnen Zeit, Wille und vielleicht Verstand, um über den täglichen Krimskram hinauszudenken.

Genaugenommen tun das auch ­Hanno Burmester und Clemens Holtmann in ihrem Buch »Liebeserklärung an eine Partei, die es nicht gibt. Warum wir Politik radikal neu denken müssen« nicht. Die großen Probleme, die hierzulande wie im Weltmaßstab einer Lösung harren, erkennen und benennen sie, wobei sie außer um die ökonomischen und ökologischen auch um die sozialen wissen; Themen wie Klimawandel, Migration, Nationalismus bzw. Populismus werden brav abgearbeitet. Nur geht das wieder nicht über Gemeinplätze hinaus, die so ähnlich und unverbindlich die Mehrheit der im Bundestag vertretenen Parteien teilt, sieht man von der FDP ab, der die soziale Frage schnuppe ist, und von der AfD.

Die alte Frage, die sich der »Organisationsentwickler und Fellow des Progressiven Zentrums« Burmester und der Mitgründer der erfolglos gebliebenen Partei »Demokratie in Bewegung« Holtmann stellen, lautet deshalb: Was tun? Genau wissen die beiden das in der Sache auch nicht, aber sie wissen über die Form Bescheid: zum einen, dass Bewegungen wie Fridays for Future oder Ende Gelände nicht genügen, weil sie ohne übergreifendes gesellschaftspolitisches Programm antreten und ihnen am Ende die Durchschlagskraft fehlen wird. Zum anderen, dass es deshalb eine neue Art von Partei geben muss, um das versteinerte politische System zu sprengen.

Die Überraschung: Die projektierte Partei neuen Typs trägt Züge einer alten Kaderpartei. Die Autoren vermeiden dieses und andere Worte aus dem bolschewistischen Arsenal und schreiben statt dessen von der »Kerngruppe«, die zunächst die Wirklichkeit analysiert und Ideen formuliert, »um daraus einen klaren und inspirierenden Purpose zu entwickeln« (englische Imponiervokabeln und Quatschworte inklusive). Diese »kleine Gruppe Führungspersonen« sucht Menschen »mit eher praktischen Führungsfähigkeiten«, die dann »die erweiterte Kerngruppe« bilden. Die sorgt für die »Grundlagen der Organisation« und soll »in wenigen Monaten über persönliche Einladungen die ersten fünfhundert Mitglieder und Freiwilligen« einwerben.

Bekunden daraufhin weitere Leute Interesse, kommen sie, Schritt vier, auf die Warteliste. Am Ende öffnet sich die Partei für alle, »die sich mit dem Purpose und den Werten der Partei identifizieren«, und wird zur Massenpartei. D. h. nicht ganz, denn nach wie vor »kann eine Warteliste sinnvoll sein, um Eintrittswellen, zum Beispiel nach einer Wahl, abzufedern. So erhöht die Partei die Wahrscheinlichkeit, dass neue Mitglieder das Onboarding bekommen, das sie verdienen« und hoffentlich verstehen.

Auszeichnen soll diese Partei ihr »transformativer« Charakter: Sie saugt die Ideen der breiten Masse (dieses Wort vermeiden die Autoren tunlichst) auf und verwandelt sie in Waffen des politischen Kampfes. Je nach Ziel und Zweck ist auch freiwillige Mitarbeit ohne Mitgliedschaft erwünscht, wodurch die Nähe zu Kampagnen und politischen Bewegungen wie den oben genannten gewahrt wird. Auch das soll dafür sorgen, dass es anders zugeht als bei den heutigen Parteien, wo gute Leute und brauchbare Ideen oft schon im Ortsverein ausgebremst bzw. abgetan werden.

Das alles klingt nicht übel. Staunend nimmt man zur Kenntnis, dass ­brave Bürgersleut’ in den Spuren Lenins wandeln, weil sie spüren, dass ihre ureigene bürgerliche Gesellschaftsformation sich einem Punkt nähert, der ein toter sein kann. Doch um auf die originale Frage »Was tun?« zu kommen: Die Form braucht einen Inhalt.

Beim historischen Vorbild ist er bekannt. Bei Burmester und Holtmann gibt es keinen und auch keinen genauer benannten Adressaten: Es gibt nur das »Wir«, das tätig werden soll. Was aber will dieses »Wir«? Will es Flüchtlinge aufnehmen? Will es auf Wohlstand verzichten? Will es wirklich eine gerechte Gesellschaft – oder doch die alte, in der die Menschen »in Hierarchie zueinander« stehen?

Und will es wichtigtuerische Anglizismen wie »Whiteboard« und »Referrals«, will es eine Sprache, in der es eine »geschaffene Tatsache« und sogar ein »mitreißendes Fundament« gibt? Will es eine Partei, die bloß eine Hülse ist und folglich sogar mit radikal rechtem Inhalt gefüllt werden könnte? Die Stilblüte »Werte sind die Kehrseite des Purpose« lässt Böses ahnen.

Hanno Burmester/Clemens Holtmann: Liebeserklärung an eine Partei, die es nicht gibt. Warum wir Politik radikal neu denken müssen. Bastei Lübbe, Köln 2021 223 Seiten, 16 Euro

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