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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 16 / Sport
Corona

»Die Räume werden enger«

Über Tischtennis, Selbstrettung und Berlin unterm Coronajoch. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Andreas Merkel
Von Frank Willmann
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»We take it back to the streets!« Pandemietrendsport Tischtennis (am Görlitzer Ufer in Berlin)

Ihr letzter Roman war ein Tennisroman. Nun arbeiten Sie an einem Tischtennisroman. Müssen wir kleiner denken?

Auf jeden Fall. Downsizing ist das Gebot der Stunde, die Räume werden enger, das Spielfeld kleiner. Tischtennis ist die globale Lösung und kommt dem, was in meinem Schreiben mal Tennis war, am nächsten. Dabei ist es natürlich zunächst mal ein eher unglamouröser, kleinteiliger, engherziger Sport, zumindest auf Topniveau. Man denkt sofort an miefige Turnhallen, Klamotten von Zweitligamarken wie Jola, blasse, schmächtige Typen in zu kurzen Hosen und mit Augenrändern, mit den Nerven von Schachspielern und dem Reaktionsvermögen von »Starfighter«-Piloten. Das ist aber nicht, wie wir es spielen. We take it back to the streets!

Welche Bücher oder Texte beeinflussen das Tischtennisromanprojekt?

»Anniversaries« von Uwe Johnson, die phantastische Übersetzung seiner »Jahrestage«, die ich nur auf Englisch aushalte. Und »16.7.41«, Dag Solstads großer Berlin-Roman. Beide haben natürlich nichts mit Tischtennis zu tun.

Sind Sie zu Recherchezwecken auf den Freilufttischtennisplatten Berlins unterwegs?

Nein, das ist wirklich mein Leben. Es ist wie im Roman: Wir treffen uns einmal die Woche an der Steinplatte und versuchen, befreundet zu bleiben. An mir liegt es, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Ich kümmere mich um die Einladungen, die Drinks und die Playlist für die rote Beatbox. Es muss immer auch ein bisschen Party sein – unter strenger Einhaltung der AHA-Regeln, of course. Anschließend reden wir über Literatur und entschuldigen uns bei den wütenden Prenzlauer-Berg-Muttis, gegen deren Spielplatzkids wir die Platten verteidigen müssen: »Sorry, aber wir waren zuerst hier!«

Walter Ulbricht war ein begeisterter Tischtennisspieler. Welches war Ihre schönste Begegnung an der Platte?

Obama soll auch gut spielen. Ich spiele aber am liebsten gegen Spieler, die auch aus dem Tennis kommen und nicht so beschissen rumschnippeln. Wahnsinnig gern würde ich mal gegen Naomi Osaka, Peter Handke oder ­Kanye West spielen. Ansonsten bin ich mit meinem hochmotivierten Dauergegner Michael »Pistol Pete« Kröchert hochzufrieden. Wir spielen auch bei minus zehn Grad im Schnee, und ich gewinne meistens.

Was hat Corona mit Ihnen gemacht? Befinden Sie sich in einer untrüglichen Endzeitstimmung?

Die Stimmung pendelt euphorisch zwischen Erschöpfung und Verschwinden, danke der Nachfrage. Die Stärken des Autors – Alleinsein, Zuhausebleiben usw. – werden in der Pandemie natürlich zu Schwächen. Weil das jetzt alle so machen. Gut so.

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Die Schläger werden kleiner: Andreas Merkel

Ist die Sehnsucht nach Leserinnenanerkennung und Leserliebe Ihr Antrieb?

Nein, mich treiben einzig und allein politische Themen an. Im Tennisroman ging es um das Problem des »Schwachen Denkens«: wie schaffen wir es, im Einzelsport des Lebens und Lesens miteinander im Gespräch zu bleiben, ohne einsam in den Sackgassen der Rechthaberei zu verenden? Im Tischtennisroman geht es eher um das Problem der »Selbstrettung«, das leider gerade pandemisch geworden ist. Ich meine Selbstrettung aber eher literarisch. Oder gesellschaftspolitisch. Also literarisch, weil es vielleicht das einzige ist, was Literatur heute noch hinbekommt: im Sinne von Selbstbesinnung, allein mit dem guten Buch. Und gesellschaftspolitisch, weil wir uns heute, je älter wir werden, im außerliterarischen Kontext nur noch mit so was zu beschäftigen drohen: Family, Job, Haus, Rente, Gesundheit … Wie gesagt, die Räume werden enger – fuck this society. Ich hoffe, ich konnte die Frage erschöpfend beantworten.

Schriftsteller leben rund um die Uhr für das nächste Buch. Bedeutet das, andere Lebensbereiche zu vernachlässigen?

Ja.

Was ist der Schlüssel zum Misserfolg?

Eine lobende Rezension in der FAZ. Entschädigt gleichzeitig für alles.

Haben Sie im Coronajahr neue Hobbys gefunden? Was macht ein Schriftsteller am Feierabend?

Eine Autorin hat selbstverständlich weder Hobbies noch Feierabend. Aber sie darf sich dem Lebensgefühl gleichzeitig nicht verschließen. Ich gucke mit meiner Frau fern, trinke Bier und treffe mich mit Freunden im Freien.

Sie kommen zwar nicht aus Köln, sind aber trotzdem FC-Fan. Warum?

Ich dachte, wir reden über Tischtennis? Next question, please.

Andreas Merkel (50) ist Schriftsteller und lebt in Berlin

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