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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Schwimmen lernen

Befreite Songs: William Doyles Album »Great Spans of Muddy Time«
Von Alexander Kasbohm
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Wann ist ein Werk fertig? William Doyle lässt es einfach mal gut sein

Manchmal entsteht die beste Kunst, wenn die Welt andere Pläne hat als der Künstler. Und ihm unmissverständlich klarmacht, wer hier am längeren Hebel sitzt. Die Existenz des Albums »Great Spans of Muddy Time« in dieser Form verdankt sich einem Unfall. Festplattencrash, totaler Datenverlust. Das einzige, was William Doyle von dem Album blieb, an dem er arbeitete, waren Kassetten, auf denen er Teile seiner Arbeit gesichert hatte. Keine Mastertapes, sondern einfache Kassetten, auf denen er Zwischenstufen seiner Arbeit festgehalten hatte. Manchmal ist ein Fluch einfach nur ein Fluch, manchmal ist er ein Segen.

In diesem Fall ist es wohl ein bisschen von beidem. Das Unfertige, Unbehauene gibt der Musik des Perfektionisten Doyle eine spontane Note, die ihr bislang abging. Andere Tracks hingegen sind eher als Einblick in die Schaffensweise des Künstlers interessant. Es ist die alte Frage: Wann ist ein Werk fertig? Manchmal ist es wichtig, dem Künstler den Pinsel aus der Hand zu nehmen, bevor er die ganze Leinwand vollklatscht und ein perfektes, aber lebloses Gemälde erschafft. Nun waren William Doyles Alben – sowohl die drei unter dem Namen East India Youth als auch das 2019 veröffentlichte »Your Wilderness Revisited« – nicht unbedingt im Perfektionismus erstarrt, aber über die Liebe zum Detail ging vielleicht manchmal der Blick für das Ganze ein wenig verloren. Der vergleichsweise skizzenhafte Charakter von »Great Spans of Muddy Time« bekommt dem Werk ausgesprochen gut. Und selbst William Doyle hatte das Gefühl, dass das Computerdesaster sowohl ihn als auch seine Songs befreit hat. Manchmal braucht man einfach die Hand des Schicksals, die einen in unbekannte Gewässer führt, damit man schwimmen lernt.

»Great Spans of Muddy Time« eröffnet majestätisch mit dem Song »I Need to Keep You in My Life«. Große Gefühle, schlicht dargeboten. Wie ein Homerecording-Rufus-Wainwright.

Doyle sieht das Album in einer eher ländlichen englischen Songwritertradition. Robert Wyatt, Robyn Hitchcock, Brian Eno und Syd Barrett nennt er, und zumindest den Einfluss von Eno hört man in dem Track »Nothing at All« sehr deutlich, mit Spuren von New Order in der Melodieführung. Ungewöhnliche Kombination, funktioniert aber gut. Andere Geistesverwandte sind die in Deutschland kaum bekannten, aber hervorragenden Musiker Alexander Tucker und Daniel O’Sullivan, die ein ähnliches musikalisches Feld bestellen.

William Doyle wuchs in Bournemouth, Dorset an der Südküste Englands auf. Mit Anfang zwanzig zog er nach London in die Nähe der East India Docks, woher auch sein früherer Bühnenname East India Youth rührt, den er 2015 ablegte. Auch das war für ihn ein Akt der Befreiung, wie jetzt das Loslassen vom Perfektionismus.

Wir alle entwickeln während der Pandemie neue Hobbys und Zeitvertreibe. Bei William Doyle waren es die in der Tat sehr guten Sendungen des englischen Gartenpapstes ­Monty Don. Der Albumtitel entstammt einem Interview, in dem Don von seinen Depressionen erzählte und seine dunklen Episoden als »great spans of muddy time« beschrieb. Das ist keine schlechte Beschreibung – und ein schöner Plattentitel. Obgleich das Album nicht sonderlich depressiv klingt. Eher nach »muddy time« als physikalisches Phänomen. Wie immer das auch konkret aussähe. Die emotionale Direktheit, oder einfacher ausgedrückt: Das Berührende des Albums profitiert von der Skizzenhaftigkeit, ist aber nicht allein ihr geschuldet. Auch Doyles Gesang wirkt ungekünstelter als früher. Und je nüchterner oder sachlicher ein emotionaler Inhalt vorgetragen wird, desto stärker ist meist der Einschlag. »Great Spans of Muddy ­Time« ist ein Album, dessen erhabene Momente in dem unfertigen Umfeld um so mehr strahlen, und vielleicht das beste Album, das Doyle bislang gemacht hat, egal unter welchem Namen.

William Doyle: »Great Spans of Muddy Time« (Tough Love/Cargo)

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