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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

Sie auf kostbar

Von Gerhard Henschel
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Zum Abiturprüfungsstoff im Fach Deutsch hat dieses Jahr im Bundesland Brandenburg ein Gedicht des Autors Karl Heinz Ebell gehört. Es geht darin um die Wiedervereinigung Deutschlands, und es hat den folgenden Wortlaut: »die sonne wehrt sich / nicht mehr novembersonne reißt / breschen in beton wie im traum / kommen sie herüber können’s noch / nicht glauben tränen falln auf / den todesstreifen wir heben / sie auf kostbar / sind tränen der freiheit die  / blutigen von gestern pflücken / wir aus dem stacheldraht und / legen sie dazu wir nehmen die / aufrechten in die arme wir / weinen und lachen mit ihnen / und feiern das fest der / freude ein stück von uns nehmen / sie mit auf den heimweg und in / der brusttasche unser versprechen / wir werden brücken schlagen / straßen bauen auch wir / sind das volk.«

Ohne Umschweife sei es gesagt: Dieses Gedicht ist hundsmiserabel. Wenn in willkürlich zerhackten Sätzen die Novembersonne Breschen in Beton reißt, Tränen der Freiheit auf den Todesstreifen fallen, blutige Tränen hingegen aus dem Stacheldraht gepflückt werden und unter Weinen und Lachen ein Fest der Freude gefeiert wird, dann haben wir es nicht mit moderner Poesie zu tun, sondern mit einer Schnulze, und leider nicht einmal mit einer guten. Verse wie »sie auf kostbar«, »legen sie dazu wir nehmen die« und »sie mit auf den heimweg und in« entblößen unbarmherzig Ebells Talentlosigkeit. Nur Klein-Erna und die zuständigen Kräfte im brandenburgischen Bildungsministerium können etwas derartig Stümperhaftes und Uninspiriertes mit Dichtkunst verwechseln.

Wer war oder ist überhaupt Karl Heinz Ebell? Und wie ist es dazu gekommen, dass ein solcher Nichtskönner für den Abiturjahrgang 2021 in Brandenburg eine Rolle spielt, die Großmeistern wie Gottfried Benn, Ernst Jandl, Peter Rühmkorf, Ror Wolf und Robert Gernhardt im Fach Deutsch verwehrt geblieben ist?

Ebell (1921–1996) wurde in der brandenburgischen Gemeinde Dabergotz geboren. Das hat anscheinend bereits genügt. Zu seinen spärlichen Publikationen gehören u. a. die Werke »Vielleicht spürst du die Verzauberung auch« und »Dennoch der Regenbogen«. In diesen Titeln offenbart sich abermals Herrn Ebells dichterische Nullpotenz. Und mit der sind nun die armen Abiturienten malträtiert worden!

»Lyrik ist schwyrik, leicht wird sie schmyrik« (Wiglaf Droste). So schmyrik wie die Zeilen »wir werden brücken schlagen / straßen bauen auch / wir sind das volk« war aber nicht einmal der Ohrwurm »Über sieben Brücken musst du gehn«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dieter R. aus Nürnberg ( 3. Mai 2021 um 07:26 Uhr)
    Gehirnwäsche als Pflichtfach. Vergessen zu erwähnen hat der wackere Pegasusreiter leider, dass dieser leuchtende Pfad auch mit Bananenrepublik und D-Mark ausgeschildert war und dass es mittlerweile ideelle Massengräber gibt, in denen nicht wenige Illusionen liegen, von einem verheißenen Konsumparadies mit integrierter sozialer Sicherheit sowie eine Menge runder Hoffnungstische von äußerst kurzer Lebensdauer.

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