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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Covid-Pandemie

Indien verhängt Exportstopp für Impfstoffe. Alarmierende Folgen für andere Länder in der Region

Von Jörg Kronauer
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Schließung eines Impfzentrums in Mumbai aufgrund fehlender Vakzine (28.4.2021)

Die dramatische Eskalation der Covid-19-Pandemie in Indien hat in einer Art Dominoeffekt eine ganze Reihe weiterer Länder in akute Schwierigkeiten gestürzt. Der Grund: Die Regierung in Neu-Delhi hat den Export von Impfstoffen untersagt, denn sie werden nun im eigenen Land dringend benötigt. Damit fehlen sie andernorts.

Noch vor einigen Wochen gehörte Indien zu den wenigen großen Impfstoffexporteuren. Das war möglich, weil es in dem Land bedeutende Pharmaunternehmen gibt, die in der Lage sind, Vakzine im großen Stil zu produzieren. An erster Stelle steht der größte Impfstoffabrikant der Welt, das Serum Institute of India aus Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra, das das Vakzin von Astra-Zeneca in Lizenz herstellt: Anders als etwa Biontech und Pfizer verkauft Astra-Zeneca das Mittel nicht nur ohne Profit, sondern hat auch Firmen in anderen Ländern die Erlaubnis zu seiner Produktion erteilt, um den Ausstoß zu maximieren.

Die Regierung in Neu-Delhi hat sich dies schon früh zunutze gemacht. Sie kämpft seit geraumer Zeit gegen den wachsenden Einfluss Chinas in Indiens Nachbarländern an, unter anderem in Nepal, Sri Lanka und Bangladesch. Bangladesch bietet ein plastisches Beispiel. Beijing fördert dort im Rahmen der Neuen Seidenstraße den Ausbau der Infrastruktur und stärkt Handel und Investitionen; im vergangenen Jahr plante der chinesische Konzern Sinovac zudem die Lieferung von Covid-19-Vakzinen. Als es im Herbst 2020 Streit zwischen der Regierung in Dhaka und Sinovac über die Finanzierung von Impfstofftests gab, war Neu-Delhi zur Stelle und bot Bangladesch die Belieferung durch das Serum Institute of India an. Der Deal kam schon im November zustande, und Sinovac war aus dem Geschäft. Indiens Hindu-Nationalisten bejubelten dies als Sieg über China.

Neu-Delhis Exportstopp hat Dhaka nun allerdings in eine verzweifelte Lage gebracht. Bislang hat Bangladesch 10,2 Millionen Impfdosen erhalten, 3,2 Millionen davon als Spende. 5,8 Millionen Menschen haben eine erste Spritze erhalten, 2,8 Millionen auch die zweite; und obwohl die Regierung schon vor rund einer Woche die Verimpfung von Erstdosen gestoppt hat, reichen die verbliebenen 1,6 Millionen Dosen nicht einmal aus, um wenigstens allen Erstgeimpften auch die notwendige zweite Spritze zu verabreichen. Nebenbei: In Bangladesch leben um die 170 Millionen Menschen; mit 10,2 Millionen Dosen kommt man da ohnehin nicht weit. Die Regierung in Dhaka, vom in Not geratenen Indien fallengelassen, sucht händeringend nach Ersatz.

In der vergangenen Woche haben nun Russland und China Hilfe zugesagt: Bangladesch hofft auf eine kurzfristige Lieferung von einer halben Million Dosen aus der Volksrepublik und auf vier Millionen Dosen Sputnik V. Das russische Vakzin und dasjenige von Sinopharm sind vergangene Woche in Dhaka offiziell zugelassen worden; beide sollen, auch dies wurde kurzfristig vereinbart, in Zukunft in Bangladesch hergestellt werden. Zudem nimmt Bangladesch an einer neuen Initiative Chinas teil, die zunächst Covid-19-Hilfen inklusive Impfstofflieferungen organisieren soll; später sind gemeinsame Schritte zum Wirtschaftswiederaufbau nach der Krise geplant. Beteiligt sind zudem Sri Lanka, Nepal, Pakistan und Afghanistan; auch sie sollten ursprünglich – teilweise über die UNICEF-Impfkampagne Covax – Vakzine aus Indien erhalten.

Jenseits der schrecklichen Dramatik für die betroffenen Menschen ist die Entwicklung nicht nur eine schwere Pleite für die ehrgeizigen Bestrebungen der Hindu-Nationalisten in Neu-Delhi, China in Südasien auszubooten, sondern auch für den Westen in seinem Machtkampf gegen Beijing. Gerade einmal eineinhalb Monate ist es her, dass die USA gemeinsam mit Australien, Japan und Indien auf ihrem »Quad«-Gipfel beschlossen, in Indien eine Milliarde Impfdosen zu produzieren und sie anschließend in Südostasien zu verteilen – mit dem erklärten Ziel, dort Beijing das Wasser abzugraben. Indiens Exportstopp könnte dies nun verhindern. Die Tragfähigkeit des westlichen Pakts mit Neu-Delhi steht damit in Frage.

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