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Aus: Ausgabe vom 03.05.2021, Seite 1 / Titel
Heraus zum 1. Mai

Visite im Villenviertel

Problemkiez Grunewald: Tausende ziehen am Kampftag der Arbeiterklasse per Fahrrad durch Berliner Reichenquartier. Großaufgebot der Polizei
Von Kristian Stemmler
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Fahrradsternfahrt überquert die Berliner A 100 (1.5.2021)

Klingeling, Hausbesuch beim Kapital! Unter diesem Motto haben am 1. Mai, dem internationalen Kampftag der Arbeiterklasse, Tausende Radfahrerinnen und Radfahrer das Berliner Villenviertel Grunewald geentert. Sie riefen »Wir enteignen euch alle!« und hatten Schilder dabei mit Aufschriften wie »Hummer, Austern, Kaviar – hätt’ ich auch gern nächstes Jahr« oder »Gib Villa, Reiche!«. Ein zum »Enteignungsexpress« umgewidmeter Lkw war mit Transparenten behängt, auf denen etwa stand: »Gefährdet sein ist ungerecht verteilt«. Eine Umverteilung von oben nach unten als Antwort auf die Krise – das war die Kernforderung der Sternfahrt unter der Bezeichnung »My Gruni Bike Hike«, die in den Stadtteilen Wedding, Lichtenberg und Neukölln gestartet war.

Erfreut über den Zuspruch zeigte sich das autonome »Quartiersmanagement Grunewald« (QM), das die Kundgebung wie schon ähnliche Aktionen in den Vorjahren organisiert hatte – diesmal gemeinsam mit rund 50 Initiativen und Gruppen wie »Deutsche Wohnen & Co. enteignen«. »Mit weit mehr als 10.000 Teilnehmern haben wir die abgehängten Wohlhabenden im Problemkiez Grunewald besucht«, erklärte QM-Sprecherin Frauke Geldher am Sonntag im Gespräch mit junge Welt. Die Verschärfung sozialer Unterschiede durch die Coronapandemie und die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, den Berliner Mietendeckel zu kippen, hätten offenbar viele Menschen wütend gemacht. Das habe dazu beigetragen, dass man über das linke Spektrum hinaus habe mobilisieren können. »Während in den Villenvierteln die Dividenden reinrasseln, fehlt überall sonst das Geld«, so Geldher.

Kritik übte die Bündnissprecherin am Verhalten der Polizei. Während in Bezirken wie Neukölln oder Moabit zuwenig Einsatzkräfte vorhanden gewesen seien, um die Strecken der Sternfahrt vor dem Autoverkehr zu schützen, habe der Grunewald einer Polizeihochburg geglichen. Tatsächlich war im Reichenviertel jede noch so kleine Seitenstraße an der Demostrecke mit Mannschaftswagen und sogenannten Hamburger Gittern gesichert.

Unter dem Schutz der Staatsmacht trauten sich viele Anwohner auf die Straße, manche gaben auch unfreundliche Kommentare ab. In einem Videobeitrag von Springers Welt kommentierte ein Mann am Gartenzaun Forderungen der Demo zum Beispiel mit den Worten: »Enteignung ist für mich Kommunismus, das ist DDR, Diktatur.« Ähnliche Vorstellungen waren offenbar dafür verantwortlich, dass nicht wenige Einwohner des Quartiers der scherzhaften Aufforderung des »autonomen Quartiermanagements« nachgekommen waren, »den Zweit-Bentley oder den SUV lieber im Hinterhof zu parken«.

Mit Berufung auf den Infektionsschutz war die Zwischenkundgebung am Hagenplatz von der Polizei untersagt worden. Der Veranstalter kritisierte das als »vorgeschobenes Scheinargument«, da alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sternfahrt durchgängig Maske getragen und Abstand gehalten hätten. Gegen Abend erreichte die Fahrraddemo Neukölln. »Dort haben sich noch einige tausend als ›Alles allen‹-Block der ›Revolutionären 1.-Mai-Demonstration‹ angeschlossen«, berichtete Geldher gegenüber jW.

Trotz der geltenden Coronabeschränkungen waren an diesem 1. Mai auch in vielen anderen Städten Tausende Menschen auf der Straße, wobei die Forderung nach einer gerechten Lastenverteilung in der Coronakrise im Mittelpunkt der Proteste stand. Zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam es vor allem in Berlin, Frankfurt am Main und in Hamburg, wo die Versammlungsbehörde so gut wie alle 1.-Mai-Demonstrationen untersagt hatte.

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