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Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein verdächtiges Wort

Erinnerungen an Erich Fried
Von Ilse Pollack
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Die Fried-Methode: Verstelltes Dasein zur Kenntlichkeit entwickeln

Es war in den 60er Jahren. Ich ging in einer südösterreichischen Kleinstadt in die Mittelschule und wurde dort ermahnt, selbst in den Pausen nicht den französischen Dichter Rimbaud, sondern den deutschen Dichter Eichendorff zu lesen. »In meiner Jugend haben wir nur Eichendorff gelesen«, war die Begründung des ermahnenden, für den Literaturunterricht gar nicht zuständigen Professors. Auf Rimbaud war ich durch einen Freund gestossen, der bereits das Glück hatte, Student in Wien zu sein. Dieser Freund, so wusste man in der Kleinstadt, war »Halbjude«. Seine Mutter, eine »brave Katholikin«, hätte seinerzeit einen jüngeren »Juden« geheiratet und ihn studieren lassen, was dieser ihr seither durch Undankbarkeit zurückzahle. Das Wort »Jude« fiel in seiner weiblichen Form noch für eine andere Einwohnerin der Stadt, die in einer Gasse arischen Namens ein Schreib- und Papierwarengeschäft betrieb, in das wir schon als Kinder gerne gingen, weil es so ungeordnet war und wir in den Stößen verschiedener, sonst für uns nicht sichtbar gemachten Zeitschriften nach Herzenslust stöbern durften. So bunt wie ihr Geschäft war die Frau auch selber, und von einer Aura des Geheimnisses umgeben, zu der ihr nicht definierbares, aber jedenfalls schon ziemlich hohes Alter nicht wenig beitrug. Noch mehr aber, dass kein Mensch unserer Stadt mit ihr »verkehrte« – ohne dass wir je erfahren hätten, warum.

Das Wort »Jude« wurde in meiner Vorstellung eines Tages durch ein schreckliches Erlebnis erweitert. Ein guter Bekannter der Familie, den es bei Kriegsende als Dolmetscher für die Engländer in unsere Kleinstadt verschlagen hatte und der hier hängengeblieben war, zeigte mir ein Buch. Darin waren, zu Bergen aufgehäuft, die Leichen ausgemergelter Frauen, Männer und Kinder zu sehen; damit in Zusammenhang die Namen Krematorium und Konzentrationslager. Die Toten seien alle Juden gewesen, erfuhr ich. Und weil sie Juden waren, seien sie ermordet worden; »vergast«, sagte der Bekannte mit einem mir gänzlich unbekannten Wort. Das sei im letzten Krieg verbrochen worden, von Angehörigen jener Partei, deren glühende Adepten auch die meisten unserer Väter und Mütter, ja überhaupt fast alle Bekannten in der Kleinstadt waren (und zum Teil noch heute sind).

Eine Einladung

Wenig später, und ohne je ein Sterbenswörtchen über den Zweiten Weltkrieg im Geschichtsunterricht gehört zu haben, maturierte ich in der südösterreichischen Kleinstadt. Für die mündliche Prüfung hatte ich Deutsch, Geographie und Englisch gewählt. Das letzte Fach gelang mir besonders gut, dank eines dem Englischlehrer gänzlich unbekannten Autors namens Dylan Thomas; von dessen Werk »Under the Milk Wood« hatte ich durch Zufall in der Landeshauptstadt eine deutsche Übersetzung gefunden. Der Übersetzer, Erich Fried, sei 1938 von Wien nach England emigriert, wo er noch heute in London lebe. Mitarbeiter der BBC und Lyriker, hieß es im Klappentext.

Auch in jenem Sommer nach der Matura bildete ich mir noch ein, selbst Gedichte verfassen zu müssen, eine spätpuber­täre Leidenschaft, der ich einige Jahre frönte. Eine englische Brieffreundin, die ich damals in Birmingham besuchte, war bereits viel weiter entwickelt, doch ich langweilte mich in der Gesellschaft biederer englischer Middle-class boys and girls zu Tode und beschloss die Flucht. Nicht überstürzt, denn dazu war ich selbst viel zu sehr ­Middle-class. Nein, in rosarotes Briefpapier verpackt, schickte ich diverse Gedichte mit entsprechendem Begleittext an die Adresse von Erich Fried, welche ich aus dem öffentlichen Telefonbuch herausgeschrieben hatte. Da innerhalb einer Woche keine Antwort kam, beschloss ich, dem rosaroten Briefpapier persönlich nachzufolgen.

Ich stellte den Koffer ab, klingelte an der Haustür und wartete. Ein kleiner, etwas untersetzter Mann mit aufmerksamen Augen hinter dicken Brillengläsern öffnete mir. Ob er denn einen gewissen Brief nicht bekommen hätte. Doch. Dass er die darin enthaltenen Gedichte nicht gleich an der Haustür kommentierte, störte mich mehr, als dass er mit langsamer und tiefer Stimme sagte, er hätte eine alte Frau als Verfasserin vermutet. Diesen Irrtum verzieh ich ihm großmütig und folgte der – selbstverständlich erwarteten – Einladung, sein Haus zu betreten.

Was willst du sagen?

Aus der tiefsten österreichischen Provinz, sozusagen von selbst in ein Haus versetzt, wo sich die tonangebenden Geister der Bundesrepublik trafen, Yaak Karsunke, Christian und Hans-Magnus Enzensberger, Peter Weiß, Friedrich Christian Delius, Rudi Dutschke, lauter Namen, mit denen ich damals noch nicht das Geringste verband: Nur der Hausherr war imstande und gewillt, über eine so schreckliche Ignoranz großzügig hinwegzusehen, und mich so aufzunehmen, wie mich die Provinz hervorgebracht hatte.

Er behandelte mich vom ersten Augenblick an als gleichwertig, das heißt, als einen Menschen, der so wie er Gedichte schrieb und mit dem man – schon allein aus diesem Grund – ein Gesprächsthema hat.

Erich Fried hatte gerade seinen letzten Lyrikband »und Vietnam und« veröffentlicht und las mir daraus vor. Die Art, wie er jedes einzelne Wort genau aussprach, mit langen Pausen dazwischen, so als ob jedes ganz besonders kostbar wäre, verblüffte mich am meisten. Aber gerade durch diese seine Art, Gedichte zu lesen, sie einem Gegenüber eindringlich hörbar zu machen, zwang er dieses, nicht flink über die Absicht des Gedichtes hinwegzuhuschen, weiter zur nächsten Strophe, zum nächsten Bild.

Er hatte übrigens etwas gegen Bilder, vor allem solche, die des Fundamentes entbehrten, »Images gratuites«, und so bekam ich, die dem hemmungslosen Gebrauch der Methapher huldigte (ohne das nötige Handwerkszeug zu besitzen) die erste poetische Lektion. Geduldig ging er mit mir Zeile für Zeile meiner »Verse« durch, wobei er mich immer wieder unterbrach: »Was wolltest du damit sagen?« Und oft genug stellte sich heraus, dass ich gar nicht wusste, was ich mit dem oder jenem sagen wollte. In einem späteren Fried-Gedicht habe ich diese Lehre folgendermaßen zusammengefasst gefunden:

»Die Landschaft sehen und die

Landschaft hören und nicht nur

hören und sehen die eigenen

Gedanken die kommen und gehen

beim Denken an die Landschaft«

Dass seine eigenen Gedichte fast nie durch Bilder, »sondern durch einfache Wörter und Redewendungen in Gang gesetzt« waren, wollte ich anfangs nicht einsehen. Karg kam mir das vor, so gar nicht »poetisch«, so »alltäglich«.

Und das war die heilsame Lektion Nummer zwei für meine weltfremde, »schöngeistige« Entrücktheit: Dass Gedichte erst auf dem Blatt Papier entstehen, im Akt des Schreibens selbst, und nichts mit »Inspiration«, sei sie nun übersinnlicher oder anderer Natur, zu tun haben.

Die Sprache hinterfragen

Erst später fand ich heraus, dass seine Art, mit der Sprache umzugehen, dieses genaue Hinterfragen, dieses In-die-Sprache-Hineinhorchen und Gedichte-buchstäblich-auf-Worte-Aufbauen, vor allem mit seiner Exilsituation zusammenhing. Er selbst meinte: »Ich hatte das Glück, in eine Zivilisation verschlagen zu werden, die den Fremden kaum heimisch werden lässt. So blieb mir meine Sprache erhalten, bereichert und zugleich bedroht und fruchtbar in Frage gestellt durch die Möglichkeit des Abstands vom Gebrauch und Missbrauch des Alltags (…)« Im Exil muss die Sprache – will man sie nicht verlieren – täglich hinterfragt werden, bist du noch da, bist du mir noch alles bzw. kannst du mir noch alles sein. Sprache ist ihm daher immer mehr Material als Mittel gewesen und Fried schon allein deswegen nicht der »Agitprop-Lyriker«, als der er oft missbilligend hingestellt wurde.

Was man ihm übrigens in späteren Jahren geradezu hämisch ankreidete, nämlich der »Journalist unter den Poeten« zu sein, hatte damals noch keinen »anrüchigen« Sinn, im Gegenteil. Dass er Zeitungsmeldungen als Anlass für seine Gedichte nahm, bedeutete ja noch lange nicht, dass diese Gedichte sich darauf beschränkten, selber Zeitungsmeldungen zu sein. Was in der Zeitungsmeldung dicht vernäht ist (aneinandergereihte Informationen), wird im Fried-Gedicht erst aufgerissen und nachhaltig durchleuchtet. »Erst dadurch werden«, wie Peter Rühmkorf einmal schrieb, »Stücke verstellten Daseins zur Kenntlichkeit entwickelt.«

Diese Methode ist gerade in seinen Vietnam-Gedichten ausdrucksvoll angewandt. Ein Beispiel:

»Fauler Hund

heißt eine eiserne Kreuzung

von Fliegerbombe und Dumdumgeschoss

*

Sicherheitszünder

heißt ein Bauer den man vorantreibt

an einem Strick über ein Minenfeld

*

Tauziehen

heißt einen Gefangenen

an einem Tau nachschleifen

beim Durchfahren durch ein Dorf

das man so verwarnt«

So einfach und universell gegen den Krieg zu dichten sollte ihm erst einmal einer nachmachen – und als bald darauf der »Zeitgeist« der politischen Lyrik anbrach, versuchten es sehr viele.

Geist der Freiheit

In Erich Frieds Haus waren bei diesem meinem ersten Besuch fast ausschließlich Deutsche aus der Bundesrepublik zu Gast. Er selbst kam mir sehr deutsch, jedenfalls gar nicht österreichisch vor. Auch sagte er, dass er sich in der Bundesrepublik sehr viel wohler als in Österreich fühle, und ich glaube heute zu verstehen, warum: Über die Vergangenheit unserer Elterngeneration wurde damals, als die Jungen mit Bob Dylan glaubten, die Zeiten seien dabei, sich zu ändern, gerade in der Bundesrepublik heftig und schonungslos diskutiert, und nicht nur unter Intellektuellen. Das war bereits vor 1968 ein Aufbruch, der in Österreich auch später selbst in der intellektuellen Öffentlichkeit nie stattgefunden hat. Kein Wunder, bei uns galten ja die pseudomystischen Aktionen eines Hermann Nitsch und nicht die Gedichte von Robert Schindel als politische Kunst.

Wenn die Literaturkritik für das lyrische Werk von Erich Fried einmal festgestellt hat: »Seine Grunderfahrung der Welt ist durchwegs dualistisch, sie kumuliert in den Sinnzeichen allen heillosen Zwiespalts: Kopf und Herz. Ein alter Zwiespalt, aber so bewusst wurde er selten formuliert«, so bestimmte diese Polarität auch durchwegs sein Leben. Für mich als jungen Menschen war es unbegreiflich, wie er diejenigen verstehen konnte, die er eigentlich hassen musste.

Es wollte mir nicht in den Kopf, dass ausgerechnet er der Verfasser eines Romans sein sollte, in dem ein Jude eine ehemalige KZ-Aufseherin liebt. Und auch später hat er immer wieder – nicht nur literarisch – bewiesen, wie sehr er jenen Satz aus der Bibel verkörperte, der sonst nur – das zumindest theoretische – Privileg hauptamtlicher Christen darstellt.

Von Fried hörte ich zum ersten Mal die Namen Ernst Jandl, Ingeborg Bachmann, Paul Celan. Er erzählte mir von Sylvia Plath, die um so vieles begabter gewesen sei als ihr schreibend-schillernder (auch umgekehrte Reihe der Adjektive) Ehemann, und nicht nur ihr Beispiel versetzte ihn richtig in Rage, wenn er davon sprach, wie übertriebener Ehrgeiz, bewusste Fahrlässigkeit oder Machtgier die persönliche Entfaltung und damit das Glück des Mitmenschen oft verhindern.

Fried war ein sanfter Mann auch in bezug aufs weibliche Geschlecht; er litt vielleicht eher an den Frauen, als diese an ihm. Auch besaß er die seltene Gabe, Liebe in Freundschaft verwandeln zu können – was Männern fast nie gelingt, während Frauen allzu oft Freundschaft mit Liebe zu verwechseln bereit sind.

Seine Gedichte sind oft aufgehängt an einem Wort, das er verdächtigt – meistens –, oder das er liebt, wie das Wort Verzweiflung, das Wort unermüdlich, das Wort Freiheit. Letztere war für ihn absolut unteilbar: »Freiheit, die nicht auch deine Freiheit ist, ist keine Freiheit.« Da gab es für ihn kein Wenn und kein Aber, keine Erklärungen und keine Kompromisse. Aus diesem Geist entstand 1967 sein Gedichtband »Höre, Israel«, und obwohl in seinen Gedichten das Wort Angst oft vorkommt – im Leben hat er sie nie gezeigt. Mut hingegen immer bewiesen.

Einem jungen Menschen konnte er außerdem eine wichtige Eigenschaft vermitteln, die er, ein starker, in sich ruhender Fels, in höchstem Maße besaß: Diesen Glauben an sich selbst, »wenn ich nicht für mich bin, wer dann?« Dem folgte jedoch sofort der ebenso wichtige Beisatz: »Doch wenn ich nur für mich bin / was bin ich?« Er war sich seiner sicher, doch nie so ausschließlich, dass er den anderen nicht automatisch in sein Umfeld einbezog.

Fried lebte eine Literatur, aber nicht für die Karriere, und diejenigen, für die er sich eingesetzt, die er gefördert oder zueinander vermittelt hat, sind Legion. Bei Fried lernte ich den Berliner Lyriker Johannes Schenk und seine zeichnende Freundin Natascha Ungeheuer kennen. Schenk war Matrose und mit einem kleinen Boot allein auf aller Welten Meere unterwegs gewesen, bis er im Lissaboner Hafen festsaß, wo ihn die Polizei von Diktator Salazar nicht an Land gehen ließ. Viele Jahre später lebte ich selbst in Lissabon, und Schenk ist nach der Revolution der Nelken dorthin zurückgekehrt – doch ohne Fried haben sich unsere Wege selbst in den Tabernas der Baixa nicht mehr gekreuzt.

Welcher Weg?

Langsam, ganz langsam, als der »Zeitgeist« der politischen Lyrik bereits wieder im »Abflauen« war, ist Erich Fried schließlich auch in Österreich »berühmt« geworden.

Zuletzt hörte ich ihn in derselben Landeshauptstadt lesen, wo ich zum ersten Mal auf seinen Namen gestoßen war. Unter dem Publikum auch viele mir bekannte Personen, deren Meinung über »die Juden« sich doch seither nicht geändert hatte … Was bedeutete das? »Alles leer / weit und breit keine Sturmleitern / keine Feinde.«

Kein Zweifel, der Dichter Erich Fried war mir lieber gewesen, als er noch ein »Dichter der Minderheiten« war. Doch soll man auch der Mehrheit nicht das Recht absprechen, einmal Minderheit zu sein.

»Ungewiss« heißt ein Gedicht von Erich Fried. Es lautet:

»Aus dem Leben

bin ich

in die Gedichte gegangen

*

Aus den Gedichten

bin ich

ins Leben gegangen

*

Welcher Weg

wird am Ende

besser gewesen sein?«

»Gewiss« keiner, lieber Erich. Denn beide waren gut.

Der vorliegende Text erschien zuerst unter dem Titel »Saphir im Mosaik meiner Aufklärung« 1989 im Wiener Tagebuch

Ilse Pollack ist Übersetzerin und Publizistin und lebt in der Steiermark.

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