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Aus: Ausgabe vom 04.05.2021, Seite 10 / Feuilleton
Serie

Der Asphalt zittert

Unter Gangstern: Die französische Netflix-Serie »Caïd« geht formal ungewöhnliche Wege
Von Hannes Klug
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Beinahe Freunde: Videoproduzent Franck (Sébastien Houbani, l.) und Rapper Tony (Abdramane Diakite)

Der Auftrag scheint einfach zu sein, nichts Besonderes: Franck (Sébastien Houbani) dreht Musikvideos, und er soll im Auftrag einer Plattenfirma ein Video über den jungen Rapper Tony drehen. Lebensecht soll es sein, ein Porträt des Sängers (Abdramane Diakite), das sich nicht mit gestellten Tanzszenen begnügt, sondern mitten aus dessen Alltag berichtet. Tony ist allerdings der Boss einer wenig umgänglichen Drogendealerbande, die eine komplette Hochhaussiedlung am Rand einer südfranzösischen Stadt für ihre Geschäfte abgesperrt hat und quasi militärisch kontrolliert. Als der Regisseur und sein Kameramann dort ankommen, werden ihnen als erstes ihr Auto und ihre Papiere abgenommen. Schnell werden sie von Beobachtern zu Beteiligten, als ein Konflikt mit einer benachbarten Gang ausbricht und – nicht zuletzt durch das Filmteam selbst und seine Kameras – zusehends eskaliert.

Die französische Netflix-Miniserie »Caïd«, die in Deutschland »Dealer« heißt, ist schon allein aus dem Grund formal bemerkenswert, dass ihre einzelnen Folgen nur rund zehn Minuten lang sind und in dieser kurzen Zeit ein enorm dichtes Gespinnst aus Handlungsfetzen weben, das sich zu einer intensiven und perspektivisch komplexen Erzählung zusammenfügt. Noch eine weitere Besonderheit zeichnet »Caïd« – das Wort bedeutet im Deutschen soviel wie »Gangster« oder »Gangsterboss« – aus: Das Filmteam arbeitet mit mehreren Aufnahmegeräten, darunter verschiedene Gopro-Kameras, die es an die Gangmitglieder verteilt und die ihre Inhalte an eine App senden. Das Ergebnis ist entsprechend rauh und verwackelt, manchmal unscharf, oft hart und übergangslos montiert. Manchmal zeigt das zittrige Bild den Asphalt, während die Action oder die Dialoge im Off stattfinden, und wenn derjenige, der die Kamera im Knopfloch trägt, Schiss kriegt und wegrennt, rennt auch das Bild mit. Zack, Schwarzbild, Parkplatz, ein Hochhausbalkon, Zoomversuche, bis woanders die Köpfe am Bildrand abgeschnitten sind oder man nur Hände sieht, die vor dem Objektiv herumfuhrwerken, oder der Regisseur seinem allzeit nervösen Kameramann Anweisungen gibt: »Hast du die Tasche drauf? Ich will die Tasche sehen!«

Von Anfang an sind die beiden Filmemacher die Protagonisten der Geschichte, indem sie nicht nur ihre filmischen Strategien diskutieren (soviel wie möglich aufnehmen, vor allem die Aktionen auf der »Straße«, und die Fragmente später zusammenmontieren), sondern auch selbst im Bild sind. Sie versuchen, mit Tony und seinem unberechenbaren »Bruder« Moussa (Mohammed Boudouh) zu verhandeln, was sie filmen dürfen und was nicht, oder ob sie nun de facto Gefangene sind oder sich frei bewegen dürfen. Was in mancherlei Hinsicht anmutet wie die aus Horrorfilmen wie »Blair Witch Project« (1999) oder »Paranormal Activity« (2007) bekannten Wackelbilder (das rot blinkende Warnzeichen für den ausgebenden Akku oben in der Ecke lässt grüßen), ist doch in Wahrheit um einiges vielschichtiger. Auch die Handkameras früher Videodokumentationen wie die »Police Tapes«, die 1977 drei Monate lang die Polizeiarbeit in der Bronx begleiteten, und die daraus bis zum Überdruss abgekupferte Ästhetik des Reality-TV werden hier allenfalls zitiert: Da in »Caïd« mehrere Kameras im Einsatz sind, sind die Perspektiven kaleidoskopisch. Das legt einen Diskurs über das Filmen selbst über die Handlung, der selbst in den atemlosesten Actionszenen noch als metafiktionaler Kommentar Platz findet.

Gleichzeitig ist bewundernswert, wie selbst in der Gedrängtheit des Formats Zeit für Atempausen bleibt – etwa wenn sich eine Freundschaft zwischen Franck und Tony entwickelt, die beide ihrem anstrengenden Leben entfliehen wollen. Eine der eindrucksvollsten Szenen der Serie, die insgesamt nicht länger ist als ein Spielfilm, besteht darin, dass die Beteiligten auf einer Dachterrasse herumsitzen und warten, dass ein Deal abgewickelt wird, während ein Grill, ein Soundsystem und Wasserpfeifen bereitstehen. Und natürlich beginnt genau hier das Verhängnis, das die Anspannung zum Explodieren bringt.

»Caïd« steht in einer Tradition schonungslos realistischer französischer Sozialstudien, die von »La Haine« (»Hass«, 1995) bis zu »Lés Misérables« (»Die Wütenden«, 2019) reicht, lässt aber auch Anklänge an das Milieu der US-amerikanischen Serie »The Wire« (2002–2008) erkennen. Unnötig zu sagen, dass auch der französische HipHop-Soundtrack zum Gelingen beiträgt. Für die Plattform Netflix erweist sich Frankreich nach »Lupin« (2021) als zunehmend ergiebiger Standort für international erfolgreiche, weil formal wie inhaltlich herausragende Produktionen.

»Caïd«, Frankreich 2021, zehn Episoden, je zehn Minuten, bei Netflix

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