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Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Ticket to fade

Von Pierre Deason-Tomory
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»Guten Tag. Können Sie mir vielleicht zeigen, wie ich Ihnen auf dem Navigator mein Ticket zeigen kann?«

Samstag vormittag im ICE München–Berlin. Ich habe mich in den hintersten Wagen gesetzt, nicht in Fahrtrichtung, sondern mit Blick nach hinten. Die Welt sieht anders aus, wenn man beim Bahnfahren durchs Fenster zurückschaut. Setzt man sich in Fahrtrichtung, sieht man etwas Kleines am Horizont auftauchen, das immer näher kommt und dann plötzlich weg ist. Wie die Zukunft. Schaut man im Zug rückwärts, erscheint etwas Großes, das langsam schrumpft, sich mit anderem verdichtet und im Nichts verschwindet. Wie das Leben.

Ich habe in dieser Woche meine Aussichten auf eine Zukunft schlagartig verbessert: Ich bin priorisiert und erstgeimpft worden. Das Ganze dauerte keine fünf Minuten. Rein, Test, Gespräch, Piks, fertig. Ich sollte noch eine Viertelstunde dableiben, um auszuschließen, dass mir ein drittes Ohr wächst, also ging ich in den Warteraum, wo Impflinge in ausgelassener Stimmung scherzten.

Ausgelassenheit ist in Nürnberg eine Seltenheit und wird nur auf Antrag vergeben. Wenn ich als Jugendlicher ausgelassen war, wurde immer gleich mit der Polizei gedroht. Zum Beispiel, als wir in der Erler-Klinik der kranken Evelyn eine Party schmissen, mit Bier, Chips und Kippen. Dabei hatten wir das Zimmer vorsorglich abgesperrt, um den Klinikbetrieb nicht zu stören, mit einem städtischen Generalschlüssel, den ich von Frank, meinem Vorgänger als Schülersprecher am Behaim-Gymnasium geerbt hatte.

Ich laufe den Zug nach vorne ins Bordrestaurant, um mir ein Bier einschenken zu lassen. Aber wegen Corona (?) haben sie keins, nur alkoholfreies. »Jetzt schauen Sie doch nicht so! Ich mache Ihnen einen Kaffee. In Ordnung?«

Zurück zur Impfung. Beschwerden hatte ich keine, außer einem Pferdekussgefühl im linken Oberarm, das bald wieder vorbeiging. Am zweiten Tag war mir etwas übel, mir lief die Nase und ich lief mehrfach gegen Türrahmen. Das könnte aber auch das Bier am Vorabend verursacht haben.

Ich bin tatsächlich etwas erleichtert, seitdem ich geimpft bin. Ich hatte keine Angst, am Virus zugrunde zu gehen, aber ich war mir der Möglichkeit bewusst, dass das passieren könnte. Trage schon lange FFP2-Masken und stecke trotzdem mit Freunden gesellig die Köpfe zusammen. War umsichtig und leichtsinnig. Jetzt habe ich es also vielleicht überstanden. Mit einer Erstimpfung bin ich zwar noch nicht immun, aber wie es aussieht, droht mir kein schwerer Verlauf mehr.

Ich habe mich im letzten Frühjahr darüber informiert, was ein schwerer Verlauf bei Corona bedeutet. Ich habe gelernt, dass die Chancen gut stehen, dass man völlig derangiert aus der Intensivstation herauskommt. Dauerhaft. Das wollte ich ausschließen und habe eine Patientenverfügung ausgefüllt und so sichergestellt, dass sie mich sterben lassen und nicht an die Maschinen anschließen.

»Noch jemand zugestiegen?« Der Schaffner kommt in meinen fast leeren Wagen. Ich habe keinen Fahrschein, also keinen aus Papier. Mein Fahrschein soll im Telefon in der DB-Navigator-App sein, die ich neulich heruntergeladen habe. Ich habe ihn dort aber nicht gefunden.

»Guten Tag. Können Sie mir vielleicht zeigen, wie ich Ihnen auf dem Navigator mein Ticket zeigen kann?«

»Zeigen Sie mal her. Hier, ›Meine Tickets‹ drücken. Danke.«

»Bitte.«

(Pieps)

»Das war’s, gute Fahrt!«

Jetzt hat also meine Zukunft ohne Fahrschein begonnen. Mal sehen, wo sie hinwill.

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