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Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Corona

»Gehe sparsam mit deiner Verachtung um«

Über Marx, Mietendeckel und Musk. Ein Gespräch mit dem Philosophen Guillaume Paoli
Von Frank Willmann
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Die perfekte Wirkungsstätte des Philosophen: Guillaume Paoli spricht in der besetzten Berliner Volksbühne (22.9.2017)

Wie geht es Ihnen? Kommen Sie klar in der Pandemie?

Ich hatte vor der Pandemie öfters mit dem Gedanken gespielt, einen zeitweiligen Aufenthalt im Kloster zu probieren. Die jetzige Erfahrung ist nah dran, insofern finde ich sie schon interessant, zumal mit Millionen anderen Leuten geteilt. Auffällig finde ich, wie zusammen mit dem Druck von außen die Produktivität abnimmt, was an sich gar nicht schlimm wäre – außer finanziell für Soloselbständige wie mich. Jetzt könnte das Experiment langsam aufhören.

Der Philosoph braucht die Kneipe, doch die hat zu …

Ja, das ist wirklich das große Hindernis.

Wo und wie tanzen Sie mit dem Tod?

Nach über einem Jahr der widersprüchlichsten Auskünfte und Maßnahmen sind wir zurück zum anfänglichen Erkenntnisstand gelangt: Nichts ist sicher, es kann jeden überall treffen. Also versucht man, sich im großen und ganzen vorsichtig zu verhalten. Den Tanzpartner wählt eh der Tod selber.

Kollabiert gerade der Kapitalismus in der Coronakrise, oder sterben einfach nur Menschen an einer Krankheit?

Dem Kapital geht’s blendend! Mit der Ansteckungskurve steigt der Aktienindex. Maladen Industrien werden Staatsspritzen viel schneller verabreicht, als uns Biontech. Der alte Traum des Silicon Valley verwirklicht sich: Alle sind jetzt zurückgezogene, berechenbare, überwachte Monaden, die selbst für die elementarsten Wünsche, wie etwa sich mit Bekannten unterhalten, auf Big Tech angewiesen sind.

Sie waren mal Theaterphilosoph. Wie war’s?

Das Theater gehört zu den wenigen Orten, wo das, was man tut, permanent und kollektiv in Frage gestellt wird. Überdies werden Exzesse inszeniert, die woanders verboten sind. Für den Philosophen die perfekte Wirkungsstätte. Allerdings entwickelt sich die Bühne momentan zu geschütztem Raum, wo nur noch woke und konform gespielt und aus dem das Böse rituell ausgeräuchert wird. Da wäre für mich der Reiz weg.

Gekippter Mietendeckel, Maskenschieberei, Wirecard-Skandal, Scheuers Schweinigeleien, was empfehlen Sie?

Frei nach Chateaubriand: Gehe sparsam mit deiner Verachtung um, die Bedürftigen werden immer mehr!

Haben Sie ein Begrüßungswort für den frischen Brandenburger Elon Musk?

Man darf nicht schlecht über Musk reden. Als Kind wurde er ganz schlimm gemobbt, außerdem gehörte er als weißer Südafrikaner einer ethnischen Minderheit an. Bekanntlich will er auf den Mars übersiedeln, und ich wünsche ihm und uns, dass er dort so schnell wie möglich ankommt.

Musks Einstieg ins Brandenburgische wird mit geschätzten 1,2 Milliarden Euro subventioniert. Was würden Sie mit dem Geld machen?

Ganz einfach: Angeblich sollen dort 12.000 Arbeitsplätze entstehen. Statt dessen könnte man die Subvention direkt an die Jobbewerber zahlen, unter der Bedingung, sie lassen ihre Umwelt in Ruhe. Macht 100.000 Euro pro Nase.

Marx oder Max (Stirner)?

Marx verdanken wir nun einmal die grundsätzliche Erklärung für die heutige Misere: Alles wird buchstäblich in Waren verwandelt, damit der abstrakte Wert des Kapitals endlos steigt, wobei endlos nicht synonym mit ewig ist. Darüber hinaus mögen die Ansichten und Akzente variieren, aber wer das noch nicht verstanden hat, ist nicht mehr zu retten. Für den Stirner-Fan habe ich eine schlechte Nachricht: Du bist nicht der einzige!

Welche war Ihre schönste Revolution?

Meine persönliche? Vermutlich meine Geburt, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann. Sie verlief nicht ohne Wehen, aber das ist bei Revolutionen immer so. Immerhin hat sie Bestand, was mit anderen mir bekannten Revolutionen leider nie der Fall war. Ich bin so alt wie die Kubanische, aber in besserem Zustand.

Besteht noch Hoffnung für das Menschentier?

Was das Tier angeht, ist Hoffnung ein leeres Wort. Unsere Spezies wird aussterben wie alle anderen auch. Aber die biologische Selbstbetrachtung ist eine Täuschung. Nicht Spezies, Planet, Leben sind für uns relevant, sondern Gesellschaft, Umwelt, Wohnen. Um sich der Entwöhnung zu entwöhnen, müssen Menschen ihre Umwelt neu bewohnen. Mit oder ohne Hoffnung ist Temperamentsache.

Guillaume Paoli, Jahrgang 1959, ist Schriftsteller und Philosoph. Der Franzose lebt in Berlin

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