1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Juni 2021, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 30.04.2021, Seite 5 / Inland
Mindestheuer

Zoff auf See

Tarifgespräche: ITF bricht vorerst Gespräche mit Reedereien ab. Verdi fordert mehr Wertschätzung für Seeleute
Von Burkhard Ilschner
5.JPG
Ruhephasen sind selten, an Bord ist immer etwas zu tun: Malocher auf Containerschiffen (18.6.2009)

Für viele Beobachter war es abzusehen: Die Tarifgespräche für Seeleute der globalen Handelsschiffahrt sind am Donnerstag vorerst gescheitert. Das hat handfeste Gründe. Wie die weltweit agierende Gewerkschaft auch der Seefahrer, die Internationale Transportarbeiterföderation (ITF) mitteilte, hat sie die Verhandlungsrunde aus Ärger über ein unzumutbares Angebot der Reeder abgebrochen.

Die Unternehmerseite wollte die derzeit geltende Mindestheuer – monatlich 641 US-Dollar (entspricht aktuell 530 Euro), zuletzt erhöht 2018 – in drei Stufen bis 2024 auf 660 US-Dollar anheben. Mark Dickinson, Vizevorsitzender der ITF, nannte das Angebot in einer am Donnerstag verbreiteten Mitteilung »eine Schande« und unterstrich, Seeleute seien die »Helden der Pandemie«. Und als Dank erhielten sie jetzt einen Schlag ins Gesicht.

Gemäß der 2013 in Kraft getre­tenen »Maritime Labour Convention« (MLC – deutsch: »Seearbeitsübereinkommen«) werden diese Tarifgespräche im schweizerischen Genf geführt, weil die dort ansässige Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zuständig ist für die Durchführung und Überwachung der MLC. In diesem Übereinkommen sind zahlreiche, vormals einzeln geregelte Bezahlungs- und Arbeitsschutzregeln für Seeleute zusammengefasst worden. Über Änderungen wird jeweils zwischen drei Parteien verhandelt – den Vertragsstaaten, der International Chamber of Shipping (ICS) als Vertretung der Reederverbände sowie der ITF.

Nach den Vorstellungen der ITF sollte die ILO-Mindestheuer ab dem 1. Januar 2022 auf 683 US-Dollar monatlich angehoben werden – umgerechnet 1,40 US-Dollar pro Werktag mehr gegenüber dem derzeitigen Satz. Dickinson meinte, das sei weniger als in den meisten Ländern eine Tasse Kaffee koste. Die ILO-Mindestheuer gilt für alle Seeleute auf Schiffen, die unter Flaggen der MLC-Vertragsstaaten fahren – es sei denn, dass in nationalen Einzelverträgen eine höhere Bezahlung festgelegt ist. Die Mindestheuer gilt somit auch für etliche Schiffe deutscher Reeder, die sie in sogenannte Billigflaggenstaaten »ausgeflaggt« haben. Die ITF will nun intern über das weitere Vorgehen beraten. Erwogen werden eine Kampagne für faire Bezahlung von Seeleuten über Netzwerke und Medien sowie möglicherweise Tarifgespräche mit einzelnen Schiffahrtsunternehmen.

Berechtigt erscheint die Forderung der ITF allemal – schließlich gehören nach bisherigen Kenntnissen etliche Reedereien zu den Krisengewinnern der Coronapandemie: Nach anfänglich heftigen Einbrüchen Anfang 2020 präsentieren viele Unternehmen seit Sommer vergangenen Jahres satte Umsatz- und Gewinnzuwächse. Jüngste Erfolgsmeldung ist die vom Mittwoch: Der globale Branchenführer Møller-Mærsk wird eigenen Schätzungen zufolge kommende Woche einen Quartalsgewinn (EBIT) von 3,1 Milliarden US-Dollar bekanntgeben. Andere Reedereien präsentieren sich in Kauflaune, die Neubaubestellungen brechen derzeit alle Rekorde.

Wie es unterdessen den Seeleuten geht, das dokumentierte in dieser Woche der aktuelle Bericht der englischen Seemannsmission, der vierteljährlich unter dem Titel »Seafarers‘ Happiness Index« (SHI) erscheint. Die Mängel bei den Arbeitsbedingungen an Bord sind teils schlimmer als in früheren Erhebungen dokumentiert. Beschrieben werden unter anderem anhaltende Probleme bei Mannschaftswechseln unter Pandemiebedingungen und beanstandet wird der miserable Zugang für Seeleute zu Covid-Impfstoffen.

Eindringlich mahnt der SHI, Seeleute weltweit endlich als sogenannte Schlüsselarbeitskräfte anzuerkennen und ihnen so nicht nur praktische Hilfe im Alltag zukommen zu lassen, sondern auch Wertschätzung zu zollen. Peter Geitmann, als Verdi-Schiffahrtssekretär und an den ITF-Verhandlungen beteiligt, unterstrich kürzlich diese Forderung: »In anderen Branchen wurden den Beschäftigten – wenngleich bescheidene – Prämien für ihren Pandemieeinsatz gewährt, Seeleute hingegen gingen bislang leer aus.« Die zivilgesellschaftliche Kampagne »Fair übers Meer!« verlangt, über die Pandemiefolgen hinauszudenken und in der Debatte über ein Lieferkettengesetz die Situation der Seeleute stärker zu berücksichtigen.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Seemannsdiakon in Bremerhaven organisiert Proviant für auf Schif...
    11.01.2021

    Schutzlos an Bord

    Seeleute: Transportarbeitergewerkschaft ITF fordert Einhalten von Mindeststandards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
  • Seeleute oder Hafenarbeiter – wer soll die Ladung an Bord eines ...
    08.12.2020

    Konflikt ums Laschen

    Verdi unterstützt Seeleute bei Durchsetzung von Tarifvertrag – und zieht vor Arbeitsgericht

Mehr aus: Inland