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Aus: Ausgabe vom 29.04.2021, Seite 15 / Medien
Unliebsame Journalisten

Hungerstreik in Haft

Marokko geht besonders rabiat mit kritischen Stimmen um. Mehrere inhaftierte Journalisten wehren sich
Von Gerrit Hoekman
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Im Hungerstreik: Der aktuell in Haft befindliche Journalist Omar Radi 2020

Seit Anfang April befinden sich die Journalisten Omar Radi und Soulaimane Raissouni im Hungerstreik. Seit fast einem Jahr warten sie in der U-Haft auf ihren Prozess (jW berichtete). Am Freitag forderte die marokkanische Journalistengewerkschaft in einer Presseerklärung, die beiden Journalisten bis zum Prozess auf freien Fuß zu setzen, weil keine Fluchtgefahr bestehe, berichtete die Nachrichtenseite Morocco World News.

Radi und Raissouni haben sich durch ihre regierungskritische Arbeit bei der Regierung unbeliebt gemacht. Vor allem, weil sie unabhängig über die Protestbewegung Hirak im Rif berichteten. Raissouni ist Chefredakteur der Tageszeitung Akhbar Al-Yaoum. Omar Radi ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die Nachrichtenseite Le Desk.

In U-Haft sitzen sie jedoch nicht deshalb, sondern weil gegen sie Anzeigen wegen sexueller Straftaten vorliegen (jW berichtete). Raissouni soll einen Mann missbraucht, Radi eine Kollegin bei Le Desk vergewaltigt haben. Beide beteuern ihre Unschuld. Die Anwälte und Unterstützer der Journalisten glauben an eine Intrige, um zwei unliebsame Berichterstatter mundtot zu machen. Für sie ist besonders Radi eine Ikone. »Er schultert es mit gutem Gewissen im Namen dieser jungen Generation, die ein anderes Marokko anstrebt, ein Marokko der Würde, Freiheit und sozialen Gerechtigkeit«, hebt ATTAC Marokko in einem Statement vom 22. April Omar Radi auf den Schild.

Die Frau, die Radi angezeigt hat, ist die Journalistin Hafsa Boutahar. Sie wird seitdem von seinen Unterstützern im Internet heftig angegriffen. Die marokkanische »Vereinigung für die Rechte der Opfer« (AMDV) verurteilte am 20. April diese Methoden: »Das untergräbt die Integrität aller Opfer sexuellen Missbrauchs, die sich entschieden haben, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen«, zitierte die Nachrichtenseite Le 360 aus der Erklärung der AMDV. In der Tat ist das grundsätzlich keine leichte Entscheidung, erst recht nicht in der besonders patriarchalen islamischen Gesellschaft.

Boutahar wehrt sich, spricht von »Vergewaltigungsheldentum« der Unterstützer, zum Beispiel am 16. April auf Twitter. Die Journalistin bleibt unerschütterlich bei ihrer Aussage: Der angetrunkene Radi habe sie im Anschluss an eine Redaktionssitzung im Haus des Le Desk-Chefredakteurs vergewaltigt, als alle andere schon schliefen. Frauenrechtlerinnen unterstützen die Journalistin.

Ob nun Boutahar oder Radi unrecht getan wird, ist von Außenstehenden kaum zu entscheiden. Es fällt allerdings auf, dass in Marokko Journalisten, aber auch Journalistinnen häufiger wegen sexueller Straftaten vor Gericht stehen. Taoufik Bouachrine, der Gründer von Akhbar Al-Yaoum, wurde 2019 ebenfalls wegen Vergewaltigung zu 15 Jahren Haft verurteilt (jW berichtete). Hadschar Raissouni, die Nichte von Soulaimane Raissouni, der jetzt im Hungerstreik ist, arbeitet ebenfalls für Akhbar Al-Yaoum. Sie erhielt wegen angeblicher »illegaler Abtreibung und außerehelicher sexueller Handlungen« ein Jahr Haft. König Mohammed VI. begnadigte sie schließlich.

Beim sahrauischen Journalisten Mohammed Lamin Haddi ist die Frage der Solidarität glücklicherweise leichter zu beantworten. Der 37jährige ist seit mehr als zehn Jahren eingekerkert. Seit dem 13. Januar befindet er sich ebenfalls im Hungerstreik. Inzwischen wird er offenbar zwangsernährt. Haddis Gesundheitszustand wird von seiner Familie als bedenklich beschrieben.

Nun will der Gefangene mit seinem Hungerstreik bessere Haftbedingungen erreichen. Denn seit 2017 befindet er sich in Einzelhaft. In einer Zelle, nicht größer als fünf Quadratmeter. Die sanitären Verhältnisse sollen eines Menschen unwürdig und die medizinische Versorgung völlig unzureichend sein. Unterstützer des Inhaftierten beklagen, dass es nicht einmal warme Mahlzeiten gebe. Seit über zehn Jahren erträgt Haddi nun schon diesen Zustand.

Der Journalist hatte für den sahrauischen Sender RASD TV aus dem Protestcamp Gdeim Izik berichtet, das junge Aktivistinnen im Oktober 2010 in der Westsahara errichtet hatten, um auf die Armut, die fortgesetzte Diskriminierung und die Verletzung der Menschenrechte zu verweisen, unter denen das Volk der Sahrauis leidet. Einige forderten auch die Unabhängigkeit der Westsahara von Marokko. Waren es anfangs nur einige hundert Protestierende, die ihre Zelte in dem Camp aufgeschlagen hatten, wuchs ihre Zahl schnell auf rund 5.000.

Am 8. November 2010 hatte dann die marokkanische Polizei das Lager gestürmt. Die Befreiungsfront Polisario beklagte 83 tote Sahrauis. Auch elf Polizisten kamen ums Leben, berichtete damals das marokkanische Innenministerium. Haddi wurde zwei Wochen später verhaftet. Er soll Polizisten mit Gewalt an der Räumung des Lagers gehindert haben.

Im Laufe des Prozesses legt er ein Geständnis ab, von dem er später sagte, es sei unter Zwang zustande gekommen. Nach mehr als zwei Jahren in U-Haft verurteilte ihn ein Militärgericht am 17. Februar 2013 zu 25 Jahren Gefängnis. Beobachter bezeichneten das Urteil als politisch motiviert. Stichhaltige Beweise für eine Straftat habe die Staatsanwaltschaft nicht vorlegen können.

Ein Hungerstreik kann in Marokko erfolgreich sein, das zeigt das Beispiel des Journalisten Maati Monjib, der ab dem 4. März jede Nahrungsaufnahme ablehnte. Er wurde nach 20 Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Möglicherweise half ihm aber, dass er neben der marokkanischen auch die französische Staatsangehörigkeit besitzt.

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