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Aus: Ausgabe vom 29.04.2021, Seite 1 / Titel
Covid-19

Das große Sterben

Indiens Coronakatastrophe: Gesundheitssystem kollabiert, Sauerstoff fehlt. Westen verweigert Freigabe der Impfstoffpatente
Von Jörg Kronauer
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An oder mit Corona Gestorbene müssen mittlerweile auf Scheiterhaufen verbrannt werden (Neu-Delhi, 26.4.2021)

Mit 3.293 offiziell vermeldeten Todesopfern allein am Mittwoch hat die ­Covid-19-Pandemie in Indien eine neue Katastrophendimension erreicht. Seit einer Woche verzeichnen die Behörden des Landes mehr als 300.000 Neuansteckungen täglich, die Gesundheitsversorgung steht am Rande des Zusammenbruchs. Die Krankenhäuser sind längst überfüllt, mancherorts teilen sich zwei an Covid-19 Erkrankte ein Bett. Infizierte irren auf der Suche nach Hilfe durch Indiens überfüllte Metropolen, um in Warteschlangen vor den überforderten Notaufnahmen zu ersticken. In vielen Fällen ist künstliche Beatmung aufgrund Sauerstoffmangels nicht mehr möglich. Die Behörden haben inzwischen Eisenbahnwaggons in Notlazarette umfunktioniert. Aus dem westindischen Gujarat wird gemeldet, dass Kranke nach Notrufen bis zu 48 Stunden auf Rettungswagen warten müssen. Immer mehr Menschen suchen die medizinische Versorgung für Angehörige in Eigenregie zu organisieren, sind dabei mit extrem hohen Schwarzmarktpreisen konfrontiert: Für 100 Milligramm des Medikaments Remdesivir, die einst für zwölf US-Dollar zu haben waren, muss man jetzt bis zu 1.000 US-Dollar zahlen.

Dabei ist laut Einschätzung von Experten der Zenit der dramatischen Lage noch nicht erreicht. Zum einen steht fest, dass die offiziellen Infektions- und Sterbezahlen viel zu niedrig angesetzt sind. Allein für Neu-Delhi konnte der indische Sender NDTV für die vergangene Woche 1.150 Covid-19-Tote belegen, die in den staatlichen Statistiken nicht enthalten sind. Recherchen in anderen Bundesstaaten führten zu ähnlichen Ergebnissen. Eine Untersuchung des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) an der University of Washington in Seattle legt nahe, dass die indischen Behörden nur fünf Prozent aller Ansteckungen registrieren. Demnach könnten sich gegenwärtig täglich bis zu sechs Millionen der 1,35 Milliarden Inder infizieren. Die Autoren der IHME-Untersuchung warnen, reiße die Regierung das Ruder nicht sofort herum, könnten die Sterbeziffern bis Mitte Mai auf 13.000 pro Tag steigen. Bis Anfang August könnten sie aufaddiert eine knappe Million erreichen. Die Krematorien können schon längst nicht mehr alle Toten einäschern. In Neu-Delhi wurden Leichen bereits auf improvisierten Scheiterhaufen auf einem Krankenhausparkplatz verbrannt.

Unterdessen werden nicht nur Rücktrittsforderungen an Premierminister Narendra Modi laut, dessen hindu-­nationalistische Regierung hatte trotz unüberhörbarer Warnungen noch vor wenigen Wochen religiöse Massenevents zugelassen und Wahlveranstaltungen durchgeführt. Immer wieder ist auch wütende Kritik an den USA zu hören, die Indien in ihren Machtkampf gegen China einspannen, aber lange gezögert haben, dem Land in der Not beizuspringen. Unter Druck geraten, haben die USA – wie auch Deutschland und weitere EU-Mitglieder – endlich Hilfslieferungen zugesagt, vor allem Sauerstoffgeräte und Medikamente, eventuell auch einen Teil der in den USA gelagerten, dort noch nicht zugelassenen Bestände des Astra-Zeneca-Vakzins. Die dringend notwendige Freigabe der Impfstoffpatente, die allein die erforderliche Ausweitung der Impfstoffproduktion ermöglichen könnte, verweigern Washington, Berlin, Brüssel und London weiterhin. Die Pharmakonzerne haben die Profite, die dadurch in Gefahr gerieten, längst verplant: Pfizer etwa will wieder zum größten Branchenunternehmen der Welt aufsteigen, Biontech soll nach dem Willen seines Hauptinvestors zum »voll integrierten« deutschen Pharmakonzern ausgebaut werden.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Simon salomon aus Berlin (29. April 2021 um 15:26 Uhr)
    Was ist mit Moskau und Beijing, haben die »ihre« Impfstoffpatente freigegeben? Ich weiß es tatsächlich nicht, aber falls sie es nicht getan haben, frage ich mich, warum hier (zu Recht) Brüssel und Co. kritisiert werden, während andere Staaten unerwähnt bleiben?
  • Leserbrief von Gerald Nepp aus Freiberg in Sachsen (28. April 2021 um 21:48 Uhr)
    Sehr geehrte Damen und Herren, Sie haben berichtet, dass in Indien an einem Tag 3.293 Menschen wahrscheinlich an dem aktuellen Virus gestorben sind. Im Vergleich zur Bevölkerungszahl sterben in Indien circa 24.000 Menschen täglich. An was für einer Krankheit ein Mensch in Deutschland stirbt, ist nur eine Vermutung, denn ansonsten müsste bei jedem Toten eine Rekonstruktion des Sterbevorganges (Obduktion) vorgenommen werden. In Deutschland sterben bei einer Sterberate von circa elf pro 1.000 Einwohner statistisch circa 2.500 Menschen täglich. In Indien liegt die Sterberate bei circa acht pro 1.000 Einwohner. Die Veröffentlichung von »Coronazahlen« sollten besser recherchiert werden. Trifft für alle Medien zu! Mit freundlichen Grüßen Gerald Nepp
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Matthias M. (28. April 2021 um 20:05 Uhr)
    Es würden traditionell die meisten Toten »auf Scheiterhaufen« verbrannt werden, genauso wie abgebildet. Das Pandemische dabei ist die Anzahl, die es schwierig macht, das Ganze mit dem traditionellen Zeremoniell mit Verwandtschaft usw. als große Feierlichkeit zu veranstalten.

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