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Aus: Ausgabe vom 29.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Wenigstens auf dem Dancefloor

Lieber links: Der Postpunksampler »Shake The Foundations«
Von Christina Mohr
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Tanzlust auf harter Grundlage? Beschreibt ganz gut Postpunk, aber auch dieses Berliner Graffito

Junge Bands wie Squid oder Black Country, New Road berufen sich wieder – wie eine knappe Generation vor ihnen The Rapture und Radio 4 – auf das Erbe des Postpunks: Eckige Gitarrenriffs und dicke Bässe zu knochentrockener Funk-Rhythmik, parolenartige Lyrics. Die am häufigsten genannten Vergleichsgrößen lauten Gang of Four, A Certain Ratio, Delta 5, Liquid Liquid, The Pop Group. Wie viele Bands es jedoch tatsächlich gab, die sich ab ungefähr 1977 weit wagemutiger als die Punks an die Vermischung unvereinbar geglaubter Stile machten, kann niemand wissen. Noch nicht mal Bill Brewster, selbst einstiger Postpunkmusiker, DJ und Autor von essentiellen Büchern wie »Last Night A DJ Saved My Life«. Seine gerade bei Cherry Red erschienene 49-Tracks-Compilation »Shake The Foundations. Militant Funk & The Post-Punk Dancefloor 1978–1984« ist daher so erratisch wie inspirierend.

Erratisch, weil wichtige Vertreterinnen und Vertreter dieser Ära fehlen, inspirierend, weil Brewsters persönliche Auswahl natürlich Schätze bereithält. Und – vermeintliche – Paradoxien, die allerdings nur zeigen, was innerhalb eines sogenannten Genres alles möglich ist bzw. war. Von Visage zu Maximum Joy, von Paul Haig zu Family Fodder und Brewsters eigener Band Group Therapy reicht die Bandbreite: Die als harmlose Popperband verschrieenen Haircut 100 beispielsweise sind mit dem eher untypischen Instrumentaltrack »Evil Smokestacking Baby« vertreten, der 1984 als B-Seite veröffentlicht wurde. Nick Heyward war damals schon nicht mehr dabei, die fröhlichen Melodien waren einer melancholischen Electro-Lounge-Atmosphäre gewichen, die »Evil ...« zu einem beliebten Sample für Ibiza-DJs machen sollte.

Als Kontrapunkt zu Haircut 100 eignen sich bestens die 1978 von ­Pete Burns in Liverpool gegründeten Nightmares In Wax, aus denen später ­Dead Or Alive hervorgehen sollten: Wie eine räudige Blaupause von Frankie Goes To Hollywood klingt die schwule, aus Killerbeats und Disco­elementen gebaute Sexphantasie »Black ­Leather« – schlicht umwerfend. Erfolgreiche Gruppen wie Simple Minds und die Stranglers scheinen auf den ersten Blick nicht ins Postpunklager zu passen, Brewsters ausgewählte Tracks (»The Fear of God« von Simple Minds, »Love 30« von Stranglers) zeigen durchaus die Experimentierlust, die sich nach dem Ende von Punk verbreitete – und dass ein Hauch von Disco respektive Dancemusic nichts war, wofür sich gestandene Rockrauhbeine schämen mussten. Auch Ian ­Dury vermutet man nicht unbedingt auf einer Postpunkcompilation: »Trust Is A Must« vom in großer Eile in den Nassauer Compass Point Studios zusammengebastelten 1981er Album »Lord Upminster« passt mit repetitiven Beats und suggestiven Lyrics jedoch geradezu perfekt.

Das eigentlich Revolutionäre am Postpunk war die Verquickung hedonistischer Tanzlust mit eindeutig linker Haltung – verkopfter als Punk, aber auch subtiler und intelligenter. Die am eindeutigsten politische Band des »Militant funk«, Gang of Four aus Leeds, ist bedauerlicherweise nicht auf der Compilation, doch »Rob A Bank« von The Pop Group bietet nicht minder explizite Aufforderungen. Auch das titelgebende »Shake The Foundations« der Glaxo Babies steht für Umsturz und Revolte, wenigstens auf dem Dancefloor. The Fun Boy Three, vertreten mit »Faith & Hope & Charity«, stehen für die Weiterentwicklung vom Two-Tone-Ska der Specials hin zu Dub- und Jazz-Experimentalpop – darüberhinaus sind TFBT eine der wenigen Bands mit schwarzen Mitgliedern.

Dass Postpunk fast ebenso weiß (und männlich) war wie Punk, ist trotz der Funk-, Dub- und Discoeinflüsse ein nicht zu leugnender Fakt. Die Aneignung sogenannter schwarzer Musiken ist im Postpunk allerdings weniger als kolonialistischer, sondern als Befreiungsakt zu werten: Raus aus dem muffigen Rockkorsett, hin zu buchstäblicher Weltoffenheit, was ja auch The Clash schon früh in Angriff nahmen, doch nie ganz verwirklichen konnten. Im Gegensatz zu John Lydons PiL, die auf »Shake The Foundations« zumindest als Echo/Schatten im Hintergrund auftauchen: The Chicken Granny alias Dennis Brady verquirlt in seiner einzigen Aufnahme »Quit The Body« PiL und DC Ruts zu einem obskuren Prä-On-U-Sound-Elaborat, das es 1981 immerhin auf eine frühe Cherry-Red-Compilation (»Wild Paarty Sounds«) geschafft hatte. Es sind Kuriositäten wie dieser Track und vergessene Avantgardeperlen wie Mataya Cliffords »Living Wild« oder »Asbestos Lead Asbestos« der EBM-Vorläufer The 012, die »Shake The Foundations« trotz einiger Lücken zu einer so würdigen wie nerdigen Anthologie einer Ära machen, deren Nachhall offenbar unendlich ist.

Various Artists: »Shake The ­Foundations. Militant Funk & The Post-Punk Dancefloor 1978–1984« (Cherry Red Records)

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