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Aus: Ausgabe vom 28.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konzernmacht

Giftige Geschäfte

Chemieriese Bayer muss Milliarden zurückstellen. Opfer fordern Entschädigung wegen Schäden durch Glyphosat und »Agent Orange«
Von Bernd Müller
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Protest gegen Bayers Ackergift Glyphosat (Berlin, 18.1.2020)

Gute Miene zum bösen Spiel: »Gerade im Agrargeschäft sehen wir ein Marktumfeld, das uns zunehmend positiv stimmt«, erklärte Bayer-Vorstandschef Werner Baumann am Dienstag auf der online abgehaltenen Hauptversammlung des Konzerns. Doch nicht alle sind von den Geschäften des Unternehmens begeistert: Verschiedene Organisationen übten Kritik am Verkauf von Ackergiften, bemängelten den Umgang mit Medikamenten und forderten die historische Aufarbeitung des Einsatzes von Entlaubungsmitteln im Vietnamkrieg.

Die selbstgesteckten Ziele konnte der Konzern im zurückliegenden Jahr nicht erreichen, sagte Baumann. Dennoch konnte Bayer seinen Umsatz leicht steigern, um 0,6 Prozent auf 41,4 Milliarden Euro. Unter dem Strich steht allerdings ein Minus von 10,5 Milliarden Euro; es ist der größte Verlust in der Firmengeschichte.

Verursacht wurden die tiefroten Zahlen durch die Rückstellungen für juristische Prozesse. Vor allem das Ackergift Glyphosat habe das Ergebnis belastet, sagte Baumann in seiner Rede. Allein in den USA habe der Konzern in wesentlichen Rechtsfällen Vergleiche von rund zwölf Milliarden US-Dollar (zehn Milliarden Euro) verkündet. Auf Glyphosat entfielen dabei rund 9,6 Milliarden US-Dollar.

Für die kommenden Jahre versprach Baumann den Aktionären wieder mehr Wachstum und steigende Profite. Im Pharmasektor des Konzerns soll dabei ein Coronaimpfstoff von Curevac helfen, der von Bayer in Wuppertal produziert wird. 160 Millionen Dosen will der Konzern im nächsten Jahr herstellen. Im Agrarsektor sollen Pflanzenschutzmittel und neue Pflanzensorten ihren Beitrag zum Wachstum des Konzerns leisten.

Doch zwei Jahre nach der Übernahme des Konkurrenten Monsanto steht der Konzern bei Investoren immer noch nicht hoch im Kurs – trotz der versprochenen Dividende von zwei Euro je Anteilsschein. »Das einst so stolze Unternehmen Bayer ist nur noch ein Schatten seiner selbst«, hatte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka Investment im Vorfeld gesagt. Der Kauf sei eine Fehlentscheidung gewesen, die Bayer teuer zu stehen komme. »Monsanto hat Bayer nicht krisenfester gemacht, sondern tiefer in die Krise gestürzt.«

Von grundsätzlicher Natur war dagegen die Kritik, die verschiedene Verbände vortrugen. Wiebke Beushausen vom Inkota-Netzwerk sprach in ihrem Beitrag zur Hauptversammlung den Verkauf von hochgiftigen Pestiziden an. Deren Einsatz gefährdet die Gesundheit von Millionen Bauern und Landarbeitern weltweit.

Das Inkota-Netzwerk hatte bereits am Montag eine Studie veröffentlicht, die darauf hinwies. Jedes Jahr kommt es demnach zu 385 Millionen akuten Vergiftungen mit Pestiziden; rund 44 Prozent aller Personen, die in der Landwirtschaft tätig sind, sind betroffen. Die Folgen: Erbrechen, Übelkeit, Hautausschlag, Ohnmacht und bis hin zu neurologischen Schäden. Nach Angaben der Schweizer Organisation »Public Eye« vertreibt Bayer gemeinsam mit den beiden Chemieriesen BASF und Syngenta rund 85 Prozent aller hochgiftigen Pestizidwirkstoffe.

Die Konzerne beteuern immer wieder, die Chemikalien seien ungefährlich – wenn man sie nur richtig anwende. Doch wie die Inkota-Studie nahelegt, sind die Landarbeiter weitgehend ungeschützt den giftigen Stoffen ausgesetzt. Das Insektizid (Beta-)Cyfluthrin aus dem Hause Bayer wird zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der zweithöchsten Stufe der Giftigkeit gelistet. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (­EFSA) hatte 2018 erklärt, dass Landarbeiter dem Stoff selbst bei der Verwendung von Schutzausrüstungen in einem inakzeptablen Maße ausgesetzt seien.

Ähnlich argumentiert Bettina Müller von der Umweltorganisation »Power Shift«. Sie wies auf Argentinien hin. In Dörfern, die aus der Luft mit Pestiziden besprüht werden, liege die Zahl der krebskranken Menschen viermal so hoch wie der Landesdurchschnitt. Auch dort seien bekannte Folgen der Ackergifte von Bayer: Erkrankungen der Haut und der Atemwege, Kinder werden mit Genmutationen geboren. Bayer betreibe »ein perfides Geschäft mit der Gesundheit und dem Leben der Menschen in Südamerika«, sagte sie.

Anderen ging es bei der Hauptversammlung um historische Gerechtigkeit. Tu Quynh-nhu Nguyen vom »Collectif Vietnam-Dioxine« wollte wissen, wann der Vorstand von Bayer Verantwortung für den Einsatz von »Agent Orange« im Vietnamkrieg übernimmt und die Opfer entschädigt. »Zu dieser Verantwortung gehört auch die Öffnung der Akten«, sagte sie und forderte, dass »endlich alle internen Dokumente von Monsanto und Bayer zu dem Gemeinschaftsunternehmen und der Produktion von ›Agent Orange‹ der kritischen Öffentlichkeit zugänglich« gemacht werden.

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