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Aus: Ausgabe vom 27.04.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Mitbestimmung

Kein Turbo für Demokratie und Solidarität

Nach »Coronastarre«: Betriebsräte müssen verstärkt Abwehrkämpfe führen
Von Daniel Behruzi
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Pkw-Montage der »S-Klasse« von Mercedes-Benz im Werk Sindelfingen

Beinahe pünktlich zum Jahrestag des Beginns der Coronapandemie haben Richard Detje und Dieter Sauer eine erste Bilanz darüber vorgelegt, was diese für Unternehmen und Betriebe bedeutet. Gestützt auf Interviews mit Betriebs- und Personalräten sowie Gewerkschaftssekretären gehen die Sozialwissenschaftler auf ganz unterschiedliche Aspekte ein – die reichen von den wirtschaftlichen Folgen der Krise über die Ausweitung von Digitalisierung und »mobiler Arbeit« bis hin zur Diskussion über die »Systemrelevanz« von Arbeit, auch sogenannter Reproduktionsarbeit.

Zunächst stellen sie fest, dass die Pandemie »nicht isoliert vom kapitalistischen Reproduktionsprozess« stattfindet. »Ihre Wirkungen sind durch die Gesetze renditegetriebener Akkumulation gesteuert.« Das gelte auch mit Blick auf die Betriebe, wo die Krise »als Beschleuniger von Transformationsprozessen im ökologischen, digitalen und globalen Strukturwandel« wirke. Folge sei unter anderem eine Zunahme von Verteilungskonflikten – auch, weil die Pandemie genutzt werde, »um die tiefer greifenden Veränderungen interessenspolitisch aus Sicht der Unternehmen zu bearbeiten«. Anders ausgedrückt: »Es ist nicht alles Corona, was gegenwärtig die krisenhaften Entwicklungsdynamiken im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben prägt.«

Nicht nur im politischen Überbau, auch in vielen Betrieben habe »die Stunde der Exekutive« geschlagen, berichten die Autoren. Vor allem in der Frühphase der Pandemie hätten Geschäftsleitungen Maßnahmen oft einseitig per Anordnung umgesetzt und die Mitbestimmungsrechte der Belegschaftsvertretungen ignoriert. Nach anfänglicher »Coronastarre« habe ein Teil der Betriebsräte dagegen erfolgreiche Abwehrkämpfe geführt. »Diese Erfahrungen in einigen Betrieben haben das Selbstbewusstsein von konfliktorientierten Betriebsräten und Belegschaften gestärkt, was auch in den Nachcoronazeiten wirksam sein könnte«, schreiben Detje und Sauer. Der generelle Trend sei aber ein anderer, nämlich die »Schwächung von Demokratiepotentialen« unter anderem dadurch, dass mit der Verlagerung der Kommunikation ins Digitale der Betrieb als Raum für soziale und kollektive Erfahrungen teilweise abhanden kommt.

Vor diesem Hintergrund sei die Coronakrise zwar »ganz und gar kein ›Turbo‹ für mehr Demokratie und Solidarität im Betrieb«, erklären die Autoren einerseits. »Trotz des autoritären Durchgriffs zu Beginn der Pandemie« sei sie aber auch »nicht einfach als demokratische Regression zu begreifen«. Hoffnung ziehen sie zum Beispiel aus der Debatte um die »Systemrelevanz« von Pflegekräften und Verkäuferinnen: »Nicht der Hedgefonds oder die Bank, sondern Arbeit hat sich als ›systemrelevant‹ erwiesen. Die Verhältnisse sind gleichsam vom Kopf auf die Füße gestellt worden.« Damit habe »eine Neubewertung des Gebrauchswerts Arbeit« und dessen Aufwertung gegenüber Kapitallogiken stattgefunden. In diesem Sinne sehen Detje und Sauer auch in dieser Krise »durchaus demokratische und solidarische Potentiale«. Ob sie genutzt werden, muss sich allerdings erst noch erweisen.

Richard Detje/Dieter Sauer: Coronakrise im Betrieb. Empirische Erfahrungen aus Industrie und Dienstleistungen, Hamburg, VSA, 2021, 144 Seiten, 12,80 Euro, ISBN: 978-3-96488-097-0

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