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Schwarze Löcher

Von Helmut Höge
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Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich sprach in einem Vortrag, den er 1993 in der psychiatrischen Klinik des Berliner Universitätsklinikums »Rudolf Virchow« hielt, über »Sucht und Sog«. Er sagte: »Wir bewegen uns in kata­strophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungsvisionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Und damit nicht genug: Chaostheorien beschwören die Selbstordnungskräfte der Materie und lassen uns als Nutznießer davon profitieren. Wirklich populär geworden aber ist das Bild – die große Phantasie vom ›schwarzen Loch‹. Dies ist die erstaunlichste Schoßmetapher, die wir zur Zeit haben: Spur- und zeichenlos saugt es ein und lässt verschwinden, auch die Reizüberbietung der Katastrophenmetapher ist stillgestellt, denn keine Information dringt hier heraus, geschweige, dass ein Geschichtenerzähler, ein kosmischer Aussteiger sozusagen, ihm entkäme.«

Gut katastrophisch hieß es 2012 in Bild: »Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos! Unser Reporter interviewt den Entdecker exklusiv!«

In der Heidelberger Morgenpost aus demselben Jahr war der Ton etwas wissenschaftlicher: »Ein schwarzes Loch in zwölf Lichtjahren Entfernung – die Strecke, die Licht in zwölf Jahren zurücklegt. (Licht breitet sich mit knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde, d. h. mit etwa einer Milliarde Stundenkilometern aus.) Das neu entdeckte schwarze Loch ist nur dreimal so weit vom Sonnensystem entfernt wie unser nächster Nachbar, der Stern Alpha Centauri, und gehört damit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA hat sofort die Entsendung einer unbemannten Raumsonde angekündigt, die fundamentale neue Erkenntnisse liefern wird. Diese Mission ist ein Generationenprojekt: Bis die Sonde das schwarze Loch erreicht, werden Jahrzehnte vergehen, und wenn dann die ersten Daten zur Erde gefunkt werden, brauchen sie weitere zwölf Jahre für den Rückweg.«

Für Aspekte wie diese interessierte sich indes Religionswissenschaftler Heinrich: »Der sexuelle Phantasiehorizont, in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ›Keine-Haare-Theorem‹« (des Physikers John Wheeler, d. A.): ›Ein schwarzes Loch hat keine Haare‹ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluss hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs).«

Fast noch interessanter ist freilich, was am 20. November 2020 auf spektrum.de zu lesen war: Wenn »die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines schwarzen Lochs im gleichen Radius«, dann lasse sich unser ganzes »Universum als das Innere eines schwarzen Lochs annehmen«, was bedeute, »wir leben in einem schwarzen Loch«. Das wäre ja was.

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