1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 25. Juni 2021, Nr. 144
Die junge Welt wird von 2552 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 26.04.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Ostdeutschland nach 1990

Grausige Bilanz

Die Zahlen zur Katastrophe: Dritter Band der Reihe über Ostdeutschland nach 1989/90
Von Gerd Bedszent
imago0058074895h.jpg
Arbeiter demonstrieren in Potsdam für den Erhalt ihrer Betriebe (27.10.1993)

Über die »friedliche Revolution« des Jahres 1989 und das nachfolgende Ende der DDR ist schon viel geschrieben worden. Eine Analyse des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Desasters in Ostdeutschland nach 1989/90 wird dabei häufig entweder komplett vermieden – oder aber so durchgeführt, dass dieses als Folge »sozialistischer Misswirtschaft« erscheint.

Die Soziologin Yana Milev dokumentiert die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen infolge des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik. Dabei widerspricht sie der gängigen Annahme, die »Integration Ostdeutschlands« in das wirtschaftliche und politische System der Bundesrepublik sei »letztlich gelungen«. Milev deutet diesen Prozess als neoliberale Schocktherapie, die ohne Rücksicht auf langfristige Folgen durchgezogen wurde und sowohl die wirtschaftliche Substanz Ostdeutschlands als auch die soziale Lage seiner Bewohner irreparabel in Mitleidenschaft zog.

Im 2020 erschienenen dritten Band (»Exil«) der auf sechs Bände angelegten Reihe »Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90« schreibt die Autorin gleich eingangs, dass vor allem die Ostdeutschen der Jahrgänge 1945 bis 1975 systematisch benachteiligt worden seien. Die sozialen Folgen des gewollten Crashs bringt Milev so auf den Punkt: »Aberkennung, Beschlagnahmung, Abstieg, Arbeitslosigkeit, Armut und Ausschluss«.

1989 und 1990 wurden die Rufe nach Demokratie und Rechtsstaatlichkeit schnell abgelöst durch das Triumphgeheul von Alteigentümern, Konzernmanagern, Grundstücksspekulanten und notorischen Wirtschaftskriminellen, die einrückten, um im »wilden Osten« das Schnäppchen ihres Lebens zu machen. Und die das zumeist auch schafften. Milev weist nach, dass diese »wilde« Vereinigungskriminalität politisch gewollt war und sich nahtlos in den bereits begonnenen Siegeszug neoliberal orientierter Wirtschaftspolitik einfügte.

Der dickleibige und nicht gerade preisgünstige Band ist leider größtenteils in schwerfälligem Soziologendeutsch geschrieben. Sehr interessant ist allerdings das von der Autorin zusammengetragene statistische Material. Bis 1994 sind demnach im Beitrittsgebiet 4,5 von 9,5 Millionen Arbeitsplätzen »verlorengegangen«. Etwa 1,6 Millionen Menschen wurden – etwa per »Umschulung« – in eine »Warteschleife« geschickt, aus der viele nie wieder herauskamen. Hochschulabsolventen etwa machten zum Teil extreme Deklassierungserfahrungen. Milev spricht von der »Vernichtung des wissenschaftlichen und kulturellen Elitepotentials der DDR«. Sie verwendet auch Begriffe wie »Kulturkolonialismus« und »struktureller Rassismus«.

In diesen Kontext ordnet die Autorin weitere Phänomene der ostdeutschen Gesellschaft nach 1989 ein: etwa den drastischen Einbruch der Geburtenrate und der durchschnittlichen Lebenserwartung sowie die starke Zunahme der Selbstmorde und von Depressionen bzw. Suchterkrankungen. Das Gewaltpotential, insbesondere unter ostdeutschen Jugendlichen, stieg erschreckend. Viele Schulen führten damals vorübergehend den Unterricht nicht weiter. Das Kulturleben brach in weiten Teilen zusammen – Jugendklubs, Kulturhäuser, Trainingszentren und Sportklubs schlossen. Als »Ersatz« aus dem Westen kamen, schreibt Milev, »Alkohol und Porno, Drogen und Waffen«. Und natürlich neonazistisches Propagandamaterial samt der dazugehörigen Kader. Millionen gewesener DDR-Bürger verließen über kurz oder lang ihre Heimat und zogen auf der Suche nach bezahlter Arbeit gen Westen.

Milev liefert allerdings keine Analyse der von ihr beschriebenen Ereignisse und Prozesse und auch keine Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Situation der DDR vor dem »Crash«. Sie schilderte auch keine Akte des Widerstands gegen den wirtschaftlichen und kulturellen Kahlschlag – die gab es durchaus, wenn auch viel zu selten. Umfänglich dokumentiert werden dagegen die grausigen, inzwischen auch von direkt Betroffenen vergessenen oder verdrängten Folgen des Anschlusses.

Yana Milev: Exil (Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90, Band 3). Verlag Peter Lang, Berlin 2020, 593 Seiten, 94,95 Euro

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (30. April 2021 um 17:05 Uhr)
    Mir trieb es bei dem Leserbrief von Doris Prato, den ich soeben las, nicht nur Tränen in die Augen – ich bekam eine Gänsehaut! Und obwohl ich persönlich nicht arbeitslos geworden war und an meine Familie denken musste mit unserem 1991 an Diabetes erkrankten Sohn, weswegen meine Frau arbeitslos wurde, vermochte ich seit 1999, dem Jahr der Bombardierung Belgrads, nicht mehr zu arbeiten. Zuvor glaubte ich vom Weg zur Arbeit, nur böse zu träumen oder im Bus einen schlechten Film zu erleben. Mit meiner Berentung wegen Arbeitsunfähigkeit ging aber die Quälerei auch nicht zu Ende, und sie währt für mich zeitlebens. Ich befinde mich im inneren Exil und erlebe jeden Tag als einen zuviel. Ich verstehe nicht, wie die Menschen in den ehemaligen sozialistischen Ländern ihre sozial unter unsäglichen Opfern errungene Freiheit total verblödet wegwerfen konnten. Heute sind wir näher an einem Inferno als jemals zuvor nach der vom deutschen Finanzkapital ausgelösten menschlichen Katastrophe mit 60 Millionen Toten und furchtbaren Spätfolgen, die jedoch in einer irren Lügenscheinwelt mit Inkonsequenz neuer Opfer harren. Im übrigen zeigt ebenso die Coronapandemie, wie lebensfeindlich die Herrschenden und wie dumm »Querdenker« als auch die Bevölkerung gespalten reagieren. Eine »Epoche der schwärzesten Reaktion« ist eingetreten, vor der Josef Stalin 1926 warnte. Mir fielen diese Zeilen nicht leicht, aber sie wurden durch die zutiefst zu Herzen wie zu Verstand gehenden Worte von Doris Prato einfach notwendig.
  • Leserbrief von Doris Prato (30. April 2021 um 12:59 Uhr)
    Zu ergänzen ist diese in der Tat »grausige Bilanz« durch die Toten, die der angeblich »friedlichen Revolution« zum Opfer fielen. Die Konterrevolution hat nach dem Sieg über die DDR ihre Gegner nicht wie in vergangenen Zeiten per Blutbad niedergemacht, an die Wand gestellt, in die Kerker geworfen. Nein, sie hat sie, wie der damalige Justizminister Kinkel vorgab, ins soziale Abseits gedrängt, mit Berufsverbot belegt, ihre Menschenwürde mit Füssen getreten, gegen sie unsägliche Lügen- und Hetzkampagnen geführt, viele vor die Gerichte ihrer Klassenjustiz gezerrt. Über die Zahl derer, die dem nicht standhielten, denen die Kraft fehlte, weiter zu  widerstehen, die Hand an sich selbst legten, liegen keine Angaben vor. Die Gauck/Birthler-Jahn-Behörde, die viele dieser Menschen in den Tod trieb, gibt kund: »Darüber führen wir keine Statistik.« Einer Studie der damaligen Zeitschrift für soziale Theorie, Menschenrechte und Kultur Icarus der GBM (Nr. 3 und 4/2006) war zu entnehmen, dass ihre Zahl in die Zehntausende geht, wenn sie nicht gar die Einhunderttausend überschreitet.
    Die Opfer waren Arbeiter und Genossenschaftsbauern, Lehrer, Ingenieure und Journalisten, Ärzte, Künstler und  Wissenschaftler, von den Massenentlassungen Betroffene, obdachlos Gewordene, Kinder, welche die Demütigungen ihrer Eltern nicht ertrugen. Zu ihnen gehören der Grafiker Thomas Schleusing vom Jugendmagazin Neues Leben, sein Kollege, der sensible Zeichner und Gestalter Christoph Ehbets, bekannt u. a. durch seine Cover beim VEB Deutsche Schallplatte. Der Vizepräsident des DTSB Franz Rydz, der Minister für Bauwesen der DDR Wolfgang Junker, der Raubtierdresseur Hanno Coldam (Heinz Matloch) der international bekannten Löwen-Gruppe des VEB Zirkus Aeros, der hervorragende Neurowissenschaftler der DDR Prof. Armin Ermisch, nach dem ein internationaler Preis für herausragende Nachwuchswissenschaftler benannt ist. Der weltberühmte Schauspieler Wolf Kaiser, der sich seine Menschenwürde nicht nehmen ließ und dafür in den Tod ging. Als einen »ungekrönten Monarchen der Schauspielzunft« würdigte ihn Eberhard Esche in seiner Grabrede.
    Nicht nur SED-Mitglieder fielen der Konterrevolution zum Opfer. Unter ihnen befinden sich die Jugendbildungsreferentin der Evangelischen Akademie Meißen, Anne-Kathrin Krusche, und der frühere Abgeordnete der sächsischen CDU Herbert Schicke, der Arbeitsmediziner und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg, Dr. Rudolf Mucke, der weder der SED noch der FDJ angehört hatte. Das MfS hatte 1976 Anwerbungsversuche wegen »dekonspirativen Verhaltens« aufgegeben. Die »Ehrenkommission« der Berliner Charité hielt seine Weiterbeschäftigung dennoch für »unzumutbar«. In den Tod getrieben wurde der Pfarrer aus Schmalkalden Reinhard Naumann, für den Friedrich Schorlemmer die Grabrede hielt, in der er forderte, endlich die Stasiakten »in einem Freudenfeuer zu verbrennen«.
    Als Henker des Hochschullehrers Hans Schmidt fungierte der Nazikriegsverbrecher Prof. Wilhelm Krelle, den es nach dem Anschluss der DDR als Gründungsdekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an die Humboldt-Universität (HUB) gespült hatte. Diesem als SS-Sturmbannführer in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligten, mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Prof. Krelle verlieh die Präsidentschaft der HUB auch noch die Ehrendoktorwürde (!). Prof. Krelle erklärte öffentlich, er werde »Dr. Schmidt unter allen Umständen von der Humboldt-Universität entfernen«. Nach einem vierjährigen zermürbenden und entwürdigenden Rechtsstreit um seinen Arbeitsplatz, der für den Schwerbehinderten nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb, nahm sich Dr. Schmidt am 8. Mai 1996 durch einen Sprung aus dem 13. Stockwerk seiner Hochhauswohnung das Leben.
    Die GBM-Studie schildert, wie im Januar 1992 in den frühen Morgenstunden Polizisten die Wohnung des Ehepaares Fuchs in der Grunaer Straße 12 in Dresden besetzten und Otto Fuchs verhafteten. Seine Frau Martha, eine Jüdin, die KZ-Häftling gewesen war, erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Die furchtbaren Erlebnisse der Nazizeit wurden lebendig. Sie glaubte, Faschisten drängen – wie nach 1933 – wieder bei ihr ein. Mit einem schweren Schock wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhob gegen Otto Fuchs Anklage wegen Rechtsbeugung und Mord. Er war 1950 in den Waldheim-Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten Vorsitzender Richter gewesen. Man warf ihm vor, er habe Unschuldige zum Tode verurteilt. Mit Hilfe seines Anwalts kam er für kurze Zeit aus der Untersuchungshaft frei. Um den Richtern nicht die hämische Genugtuung an »seiner langsamen und qualvollen prozessualen Hinrichtung« zu ermöglichen, beschlossen er und seine Frau aus dem Leben zu scheiden. Im seinem Abschiedsbrief hieß es: »Ich versichere, dass wir in meiner Strafkammer nur Kriegsverbrecher verurteilt haben und ich bin mir sicher, dass wir uns über kein Urteil schämen müssen. Alle Zeichen deuten aber darauf hin, alles ins Gegenteil zu verkehren und in einem Schauprozess mich zum Verbrecher zu stempeln.« Am 13. Februar 1992 um 23.15 Uhr sprangen Otto und Martha Fuchs vom Balkon ihrer Wohnung aus dem siebten Stock in den Tod.

Ähnliche:

  • Veräußerung, und zwar sofort. Eine wesentlich andere Idee, wie m...
    03.08.2020

    Rücksichtslose Eile

    Ab August 1990 verfolgte die Treuhand nur ein Ziel – die Privatisierung der ostdeutschen Industrie um jeden Preis. Das bedeutete ihre nachhaltige Zerstörung
  • Nach Verabschiedung des Treuhandgesetzes im Juni 1990 gingen den...
    11.06.2018

    Wer Armut sät

    Auf die sozialistische Landwirtschaft folgte nach dem Zusammenbruch der DDR 1989/90 die Rückkehr zu kapitalistischen Formen der Agrarproduktion. Mit teils verheerenden Folgen
  • In der DDR ein Vorzeigebetrieb – Messestand des VEB Lokomotiv- u...
    22.02.2017

    In den letzten Zügen

    Der Schienenfahrzeugbau gehörte in der DDR zu den Vorzeigebranchen. Heute ist er nur noch ein Konzernanhängsel. Bombardier will in Ostdeutschland Hunderte Arbeiter entlassen

Mehr aus: Politisches Buch