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Aus: Ausgabe vom 26.04.2021, Seite 5 / Inland
Gewerkschafter hält die Hand auf

Genosse der Bosse

Zwei Millionen Euro Jahresgehalt: VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh wechselt ins Management von Lkw-Sparte Traton. Erste Aufgabe: Arbeiter entlassen
Von Stephan Krull
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Bernd Osterloh soll Beschäftigte bei MAN vor die Tür setzen. Dafür wird er fürstlich entlohnt

Überraschend für die Beschäftigten bei Volkswagen wurde am Freitag bekanntgegeben, dass Bernd Osterloh sein Mandat als Betriebsratsvorsitzender aufgibt und Personalvorstand der Lkw-Sparte Traton wird.

Im Sommer vergangenen Jahres hatte Osterloh noch angekündigt, erneut die Liste der IG Metall zur bevorstehenden Betriebsratswahl anführen zu wollen. Seit dem unrühmlichen Abgang seines Vorgängers Klaus Volkert im Jahr 2005, der vom Konzern mit Geldzahlungen und Gefälligkeitsreisen auf Kooperationskurs gehalten wurde, stand Osterloh dem Gremium vor und war in dieser Funktion auch Mitglied im Aufsichtsrat des Konzerns. Der Betriebsrat erklärte in einer Pressemitteilung, die bisherige stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, Daniela Cavallo, werde alle Aufgaben Osterlohs übernehmen. Cavallo wurde als Tochter italienischer Einwanderer in Wolfsburg geboren, hat ihre Ausbildung bei Volkswagen absolviert und sich schon in der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagiert. Seit fast 20 Jahren ist sie Mitglied des Betriebsrates und seit 2019 stellvertretende Gesamtbetriebsratsvorsitzende.

Osterlohs Erbe war nicht einfach, seine Zeit als Vorsitzender war durch den Skandal um seinen Vorgänger Volkert, durch den Abgasbetrug, die Übernahmeschlacht durch Porsche und den Kampf um den Erhalt des VW-Gesetzes geprägt. Er schrieb in einem Brief an die Belegschaft, dass die von ihm gewünschte rechtzeitige, geordnete und nachhaltige Staffelübergabe jetzt umgesetzt werde, mit Blick auf die Betriebsrats- und Aufsichtsratswahlen im kommenden Jahr.

Bei Osterlohs Schritt spielte offensichtlich eine Rolle, dass die Unternehmensseite ihm das Angebot gemacht hat, bei Traton Vorstandsmitglied für den Bereich Personal zu werden. Ein Posten, der mit etwa zwei Millionen Euro pro Jahr vergütet wird. Bisher wurde die Funktion Personal von anderen Vorstandsmitgliedern »mitbetreut«, seit einem Jahr war sie vakant.

Osterloh begründete seinen Wechsel ins Management: »Traton spielt eine Schlüsselrolle in der Strategie des Volkswagen-Konzerns für die kommenden Jahre. Ich gehe dort demnächst in die operative Personalverantwortung für weltweit fast 100.000 Beschäftigte.« Er wolle noch einmal »unternehmerisch gestalten und in den nächsten Jahren mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass die Lkw-Sparte ihren Weg zu einem ›Global Champion‹ in der Nutzfahrzeugbranche erfolgreich meistert.«

Der Seitenwechsel mutet auch deshalb anrüchig an, weil Osterloh Vorstandsmitglied in dem Unternehmen wird, dessen Aufsichtsrat er neben Julia Kuhn-Piëch und Christian Porsche selbst bisher als Vertreter der Beschäftigten angehörte. Und Traton freut sich auf den neuen Personalchef: »Der Aufsichtsrat ist überzeugt, dass Bernd Osterloh mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Volkswagen-Konzern genau die richtige Besetzung ist, um die anstehenden Aufgaben weiter voranzutreiben (…) zuvorderst bei der fortlaufenden Restrukturierung und künftigen Ausrichtung von MAN.« Darunter zu verstehen sind der Personalabbau von rund zehn Prozent der 80.000 Beschäftigten, der Verkauf des Werkes in Plauen und die Schließung des österreichischen MAN-Werkes in Steyr.

Insbesondere am österreichischen Standort weht dem neuen Personalvorstand ein heftiger Wind entgegen (siehe jW vom 10. April): Dort fand am 26. März eine Betriebsversammlung statt, bei der die 2.200köpfige Belegschaft sich mit zwei Dritteln gegen den Verkauf an den ehemaligen Magna-Chef Siegfried Wolf und die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen ausgesprochen hat. Wolf wollte mit seiner WSA Beteiligungs-GmbH ein Drittel des Personals abbauen und dem Rest der Belegschaft den Lohn um ein Sechstel kürzen. Der bisherige Betriebsratsvorsitzende Erich Schwarz wurde am Tag der Abstimmung vom Management mit einem Betretungsverbot belegt: »Das telefonisch ausgesprochene Betretungsverbot ist ein unwürdiges Schauspiel. Erich Schwarz hat als Betriebsrat jahrzehntelang um den Standort gekämpft, sich für die Beschäftigten und für den Erhalt des Werkes eingesetzt«, sagte Rainer Wimmer, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Pro-Ge. Nach der Abstimmung der Belegschaft hat MAN angekündigt, die Schließungspläne weiter zu verfolgen – eine erste Bewährungsprobe für den neuen Personalvorstand.

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