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Aus: Ausgabe vom 26.04.2021, Seite 4 / Inland
Nachruf auf Alfred Spuhler

Einsatz für friedenserhaltende Balance

Erfolgreicher Kundschafter der DDR im Alter von 80 Jahren verstorben. Nachruf auf Alfred Spuhler
Von Gabriele Gast
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40 Jahre keinen Krieg geführt: Hausfassade in der Hauptstadt der DDR (Berlin, 1.4.1985)

Er war einer der wichtigsten und erfolgreichsten Kundschafter der Auslandsaufklärung der DDR. Wie nun bekannt wurde, verstarb Alfred Spuhler bereits am 7. Februar dieses Jahres im Alter von 80 Jahren. Zuletzt hatte er eine Behandlung seiner körperlichen Schmerzen abgelehnt, da er nicht in seiner verschlechterten Verfassung weiterleben wollte. Er wünschte keine Trauerfeier oder ähnliches, da um seinen Tod kein weiteres Aufheben gemacht werden sollte.

Alfred Hans Peter Spuhler war 1958 als Zeitsoldat in die Bundeswehr eingetreten und nach seiner Ausbildung zum Fernspäher schon früh mit militärpolitischen Fragen des Ost-West-Konflikts sowie dem Kräfteverhältnis von NATO und Warschauer Vertrag befasst. Zehn Jahre später wechselte er 1968 als Berufssoldat in den Bundesnachrichtendienst (BND). Dort war er zunächst in der Abteilung II »Technische Aufklärung« und später in der Abteilung I »Operative Aufklärung« tätig.

Aufgrund seines immer umfangreicheren militärpolitischen Wissens gelangte er zu der Überzeugung, dass die von westlicher Seite geschürte Angst vor der Überlegenheit des Warschauer Vertrags angesichts der technologischen und wirtschaftlichen Stärke der NATO-Staaten ebenso fatal wie falsch war. Jene Angst war aus seiner Sicht nur dazu geeignet, den Rüstungswettlauf zu beschleunigen und ein friedenssicherndes militärisches Gleichgewicht zwischen Ost und West zu verhindern. So empfand er es geradezu als moralische Verpflichtung, im Rahmen seiner Möglichkeiten mitzuhelfen, eine friedenserhaltende Balance herzustellen und – nach intensiver Befassung mit den wirtschafts- und sozialpolitischen Ideen von Kapitalismus und Sozialismus – sich für eine gerechtere Gesellschaftsordnung einzusetzen.

Der Wunsch, einen möglichst effizienten Beitrag dafür zu leisten, stellte ihn 1972 vor die schwerwiegende Entscheidung, dem wichtigsten gegnerischen Nachrichtendienst des BND – der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR (HVA) – seine Kooperation anzubieten. Die Zusammenarbeit dauerte bis zu Spuhlers Enttarnung im Jahr 1988 an, nach der er noch ein Jahr lang durch den Bundesnachrichtendienst observiert wurde. Alfreds Bruder und engem Vertrauten Ludwig, der für die Münchner Max-Planck-Gesellschaft arbeitete, kam der wichtige Part zu, die Verbindung zur HVA sicherzustellen. An sie sollte er die von Alfred beigebrachten Informationen weiterleiten. Im November 1989 wurden die Brüder festgenommen und 1991 im Rahmen der unzähligen westdeutschen Siegerjustizprozesse zu zehn Jahren (Alfred) beziehungsweise zu fünf Jahren und sechs Monaten (Ludwig) Haft verurteilt.

In dem 2003 veröffentlichten, von Klaus Eichner und Gotthold Schramm im Verlag Edition Ost herausgegebenen Sammelband »Kundschafter im Westen« ist auch ein Brief von Alfred Spuhler abgedruckt worden. Mit jenem »Brief an die Familie und an die Freunde« hat er ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Motivation für den gefahrvollen Einsatz zugunsten der DDR hinterlassen. Im durch den Ost-West-Konflikt geteilten Deutschland verstand er sich als »Revolutionär für den Frieden und eine gerechtere Gesellschaftsordnung«.

Gabriele Gast arbeitete von 1973 bis 1990 im Sowjetunion-Referat der Politischen Auswertung des BND. Als Kundschafterin war sie dort eine der wichtigsten Quellen des MfS

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