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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Frauen greifen zum Gewehr

Gleichberechtigung auch an den Waffen ist 1871 eine Forderung an die Pariser Kommune: Auszug aus Lissagarays Geschichte des Aufstandes
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Die Frauen fordern von der Kommune Waffen, verlangen, in den Kampf geführt zu werden, und sprechen ihren Abscheu über Feiglinge aus: Fotomontage der Tageszeitung L’Humanité

Durch die Straßen von Paris, über die stillen Boulevards, marschiert ein Bataillon von hundert Mann. Es kommt aus dem Feuer oder zieht hinaus. Eine Frau marschiert mit. Ein Vorübergehender grüßt. Die Männer ergraut und blond, die Kämpfer vom Juni 1848 und die Pioniere der Zukunft. Oft marschiert der Sohn an der Seite des Vaters.

Diese Frau, die da grüßt oder mitmarschiert ist die kühne, echte Pariserin. Das feile Luxusweibchen, das im Pfuhl des Kaiserreichs geboren wurde, ist mit seiner Kundschaft nach Versailles gezogen oder macht bei den Preußen in Saint-Denis Geschäfte. Geblieben ist die starke, hingebende Frau, die zu sterben weiß, wie zu lieben. Die Gefährtin der Arbeit, die Gefahr und Tod teilt. »Wenn das französische Volk nur aus Frauen bestünde, wie furchtbar würde es dann sein!« schrieb der Korrespondent der Times. Am 24. März sagte ein Föderierter den Bourgeoisbataillonen vom I. Bezirk ein Wort, das sie dazu brachte, ihre Waffen niederzulegen: »Glaubt mir, ihr könnt nicht standhalten, denn eure Frauen weinen, unsere aber haben keine Tränen.«

Sie hält ihren Mann nicht zurück, im Gegenteil, sie treibt ihn ins Gefecht, sie bringt ihm Wäsche und Essen nach dem Schützengraben wie nach der Werkstatt. Viele wollen nicht mehr zurückkehren und greifen mit zum Gewehr. Am 4. April schießen sie mit am Plateau von Châtillon. Die Marketenderinnen tragen das einfache Arbeitskleid. Eine von ihnen, die Bürgerin Lachaise, hat am 3. April bei Meudon den ganzen Tag auf dem Schlachtfeld zugebracht und fast ganz allein, ohne Arzt, die Verwundeten betreut.

Im X. Bezirk lässt ein Frauenkomitee eine Proklamation anschlagen: »Es heißt siegen oder sterben. Ihr, die ihr sagt: Was schert uns der Triumph unserer Sache, wenn wir die verlieren müssen, die wir lieben, – wisst, dass das einzige Mittel, die zu retten, die euch teuer sind, ist, sie in den Kampf zu schicken.« Die Frauen fordern von der Kommune Waffen, verlangen, in den Kampf geführt zu werden, und sprechen ihren Abscheu über Feiglinge aus.

Eine junge Russin von hoher Abstammung, gebildet und reich, sie nannte sich Dmitriewa (Pseudonym der russischen Revolutionärin Jelisaweta Tomanowskaja, geb. Kuschelewa, 1850–1910 oder 1918, 1868 Mitbegründerin der russischen Sektion der I. Internationale, kämpfte in Paris auf den Barrikaden und floh nach der Niederlage der Kommune nach Russland, heiratete und musste mit ihrem Mann in die Verbannung. Am 8. März 2007 wurde in Paris ein Platz nach ihr benannt, jW), war die (Anne-Josèphe) Théroigne (de Méricourt, 1762–1817, trat während der Französischen Revolution für die Gleichstellung der Frauen und deren Bewaffnung ein, jW) dieser Revolution. Und dann Louise Michel (1830–1905, französische Autorin und Anarchistin, jW). Diese Lehrerin aus dem XVII. Bezirk, die so sanft und geduldig zu den Kindern war und von ihnen angebetet wurde, war für die Sache des Volkes zur Löwin geworden. Sie hatte ein Korps von Helferinnen gebildet, die auf dem Schlachtfeld den Verwundeten die erste Hilfe brachten und in den Hospitälern die Pflege der Genossen übernahmen.

Die Provinz begann, Paris für uneinnehmbar zu halten, trotz der Depeschen des Herrn (Adolphe) Thiers (1797–1877, seit Februar 1871 »Chef der Exekutive«, jW), der am 3. April verkündete: »Dieser Tag ist entscheidend für das Schicksal des Aufstandes«; am 4. April: »Die Aufständischen haben heute eine entscheidende Niederlage erlitten«; am 7. April: »Dieser Tag ist entscheidend«; am 11. April: »Gegen die Aufständischen werden unwiderstehliche Mittel ins Werk gesetzt«; am 12. April: »Die Aufständischen flohen Hals über Kopf davon; man erwartet den entscheidenden Augenblick«; am 15. April: »Wir wollen diesem Bürgerkrieg durch ein entscheidendes Unternehmen ein Ende setzen«; am 17. April: »Wir vermeiden weiterhin kleine Aktionen bis zum entscheidenden Angriff«. Trotz all dieser entscheidenden Erfolge und unwiderstehlichen Mittel musste sich die Versailler Armee immer nur mit den Pariser Vorposten herumschlagen, und ihre einzigen Siege errang sie gegen die Häuser der Vororte. In der Umgebung der Porte Maillot, der Avenue de la Grande Armée, der Ternes, flammten immer wieder neue Feuersbrünste auf. Asnières und Levallois zerfielen in Trümmer. Die Einwohner von Neuilly saßen ausgehungert in ihren Kellern. (…)

Um eine wirkliche Macht zu erhalten, schickte Thiers Jules Favre (1809–1880, 1870/1871 französischer Außenminister, jW) in das deutsche Hauptquartier, damit er Bismarck etwas vorheule. Der Preuße gab ihm 60.000 Gefangene zurück und autorisierte seinen französischen Kollegen, die Zahl der Soldaten vor Paris, die nach dem Wortlaut der Friedensbedingungen 40.000 nicht überschreiten durfte, auf 130.000 Mann zu erhöhen.

Prosper-Olivier Lissa­garay: Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Hier zitiert nach: Lissagaray: Der Pariser Kommune-Aufstand. ­Soziologische Verlagsanstalt, Berlin 1931, ­Seiten 212–215

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