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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 12 / Thema
Ende einer Ära

»Fidel mal zwei«

Raúl Castro hat das Amt des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas abgegeben. Eine Würdigung
Von Volker Hermsdorf
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Brüder, zur Sonne, zur Freiheit: Bei einer 1.-Mai-Parade auf der Plaza de la Revolución José Martí in Havanna werden die Revolutionsführer Fidel und Raúl Castro geehrt (1.5.2017)

Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel begann die Antrittsrede nach seiner Wahl zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) am Montag mit einem Geständnis. »Als ich 2018 mein Amt als Präsident des Staats- und Ministerrats antrat, wollte ich die Bedeutung Raúl Castros an der Spitze unserer Revolution würdigen. Aber Raúl bat mich, was ich über ihn geschrieben hatte, zu streichen«, erklärte er. »Heute missbrauche ich die Verantwortung, die ich an der Spitze der Partei trage, und möchte sagen, was ich damals aus Disziplin gestrichen hatte, denn es ist ein Glück für unsere Partei, unser Volk und für mich, dass wir einen Genossen wie Raúl haben«, fuhr Díaz-Canel fort. Sein Amtsvorgänger gehöre neben Fidel Castro, Che Guevara und anderen Revolutionären zu denen, die Kuba unter Einsatz des eigenen Lebens vom Diktator Fulgencio Batista und aus der Abhängigkeit von den USA befreit hätten. Außerdem habe Raúl Castro in den vergangenen Jahren mit Gelassenheit, Zuversicht, revolutionärer Festigkeit und dem Gespür für den historischen Moment den Generationenwechsel vorbereitet, geleitet und geführt, sagte Díaz-Canel zum Abschluss des 8. Parteitags in Havanna.

Wäre es nach den USA und der CIA gegangen, hätte Raúl Castro diesen Tag gar nicht erlebt. Wie aus einem am Freitag vergangener Woche vom Archiv für Nationale Sicherheit der USA veröffentlichten Top-secret-Dokument hervorgeht, hatte der US-Auslandsgeheimdienst im Juli 1960 einem kubanischen Piloten 10.000 Dollar dafür angeboten, einen »Unfall mit Todesfolge« zu arrangieren. Flugzeugführer José Raúl Martínez sollte eine Maschine mit Raúl Castro und weiteren Vertretern der Revolutionsregierung auf einem Flug von Prag nach Havanna zum Absturz bringen. Washington hoffte, den damals bereits von den USA neben Fidel Castro als wichtigsten Garanten des revolutionären Prozesses eingestuften Raúl loszuwerden. Weil CIA-Agent Martínez den Anschlag aber aus Sorge um die eigene Sicherheit ablehnte, scheiterte das Komplott gegen den heute 89jährigen Armeegeneral.

In Gemeinschaft mit den Armen

Raúl Modesto Castro Ruz wurde am 3. Juni 1931 als viertes Kind des aus Galicien stammenden Gutsbesitzers Ángel Castro y Argiz und der Hausangestellten Lina Ruz González geboren. Er wuchs in einer Gegend auf, in der weniger als zwanzig Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten. Gelegenheitsarbeiter aus Kuba, Haiti, Jamaika und von anderen Inseln versuchten als Macheteros auf den meist US-Konzernen gehörenden Zuckerrohrplantagen ihr Überleben zu sichern. Ihre »Bohíos« genannten ärmlichen Baracken waren einfache Hütten mit Fußböden aus Erde und Lehm und einem Dach aus Palmwedeln, das in der Regenzeit kaum Schutz bot. Elend, Hunger, Verzweiflung und Gewalt waren allgegenwärtig. Fidel und Raúl betonten stets, dass sie nicht einer Kultur der Reichen entstammten, sondern in Gemeinschaft mit einfachen Leuten aufgewachsen sind. Raúl hatte schon als Heranwachsender die soziale Situation in der Region angeprangert. Besonders attackierte er die Gier der US-Unternehmen, die sich in der Gegend breitgemacht hatten und die Landarbeiter brutal ausbeuteten. Diese Position vertrat er auch beim späteren Besuch elitärer Jesuiten-Schulen und der Universität von Havanna.

Nach seiner Immatrikulation suchte Raúl den Kontakt zu oppositionellen Kreisen und freundete sich mit Lionel Soto Prieto, einem der Anführer des Kommunistischen Jugendverbandes, an. Ohne selbst Mitglied zu sein, wurde ihm die Leitung der marxistischen Studentenzeitschrift La Saeta (Der Pfeil) übertragen. »Raúl war damals schon ziemlich links«, sagte Fidel über seinen Bruder, der bereits davon überzeugt war, dass tatsächliche Veränderungen in Kuba nicht durch Wahlen, sondern nur durch eine Revolution herbeigeführt werden könnten. Den Putsch des US-freundlichen Diktators Fulgencio Batista am 10. März 1952 empfand Raúl als Bestätigung seiner Ansichten über den bourgeoisen Staat. Er unterstützte Fidels Plan, eine als »Movimiento« bezeichnete radikale Organisation aufzubauen, um Batista gewaltsam zu stürzen.

Im Januar 1953 weihte Raúl mit Kommilitonen am Haupteingang der Universität ein Denkmal für Julio Antonio Mella ein, den 1929 in Mexiko ermordeten Studentenführer und Mitbegründer der ersten Kommunistischen Partei Kubas. Als die Büste von Batistas Anhängern mit schwarzer Farbe besudelt wurde, kam es zu Protesten, bei denen Raúl eine führende Rolle spielte. Die Polizei eröffnete das Feuer und tötete einen Studenten. Dessen Beerdigung wurde zu einer Manifestation gegen die Diktatur. Im gleichen Monat organisierten Oppositionsgruppen zum 100. Geburtstag des am 28. Januar 1853 geborenen Nationalhelden José Martí in Havanna einen »Nationalen Martianischen Kongress zur Verteidigung der Rechte der kubanischen Jugend«, auf dem Raúl zum Propagandasekretär des »Ständigen Rates« gewählt wurde. In der Nacht zum 28. Januar marschierte er mit Fidel in der ersten Reihe eines zu Ehren Martís organisierten Fackelzuges, der als »Marcha de las Antorchas« in die kubanische Geschichte einging. In Kuba erinnern Studenten und Jugendliche jedes Jahr im Januar mit Fackeldemonstrationen daran.

Als Anführer derartiger Aktionen war der erst 21jährige Raúl Castro so bekannt geworden, dass verschiedene Organisationen vorschlugen, ihn im März 1953 als Leiter der kubanischen Delegation auf eine vom »Weltbund der Demokratischen Jugend« organisierte »Internationale Konferenz zur Verteidigung der Rechte der Jugend« nach Wien zu schicken. Dort knüpfte er Kontakte zu den Jugendorganisationen Chinas und der Sowjetunion, die sich für Kuba später als nützlich erweisen sollten. Auch die Organisatoren der 4. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die im August 1953 in Bukarest stattfinden sollten, waren auf den jungen Castro aufmerksam geworden und luden ihn zum Treffen des Vorbereitungskomitees in die rumänische Hauptstadt ein. Nachdem Batistas Grenzbeamte ihn bei der Rückkehr Anfang Juni 1953 im Hafen von Havanna festgenommen hatten, erklärte er noch im Gefängnis seinen Eintritt in den kommunistischen Jugendverband »Juventud Socialista«.

Koloss der Prinzipien

Nach der Freilassung aus der Haft bestiegen Raúl Castro und weitere Genossen am 24. Juli 1953 einen Zug nach Santiago de Cuba, um dort am 26. Juli als Fanal für den Aufstand gegen Batista die Kaserne Moncada und eine weitere in Bayamo anzugreifen. Obwohl dieser Versuch militärisch scheiterte, gilt der Sturm auf die Moncada-Kaserne als Startsignal für die Kubanische Revolution, die fünf Jahre, fünf Monate und fünf Tage später erfolgreich war. Fidel äußerte sich beeindruckt über den Einsatz seines gerade einmal 22 Jahre alten Bruders. Hineingegangen sei er als »normaler junger Kämpfer« und herausgekommen »als mutiger, umsichtiger und respektierter Anführer einer Gruppe entschlossener Revolutionäre«. Im Prozess gegen die Moncada-Angreifer verurteilten die Richter Raúl Castro am 6. Oktober 1953 zu 13 Jahren Kerkerhaft auf der Isla de Pinos.

Als Batista nach wachsenden Unruhen in der Bevölkerung versuchte, seine Gewaltherrschaft mit einem scheindemokratischen Mäntelchen zu tarnen, und eine Generalamnestie verkündete, durften die Häftlinge das Gefängnis auf der Isla de Pinos am 15. Mai 1955 verlassen. Raúl stand jedoch weiter unter Beobachtung. Um der erneuten Verhaftung zu entgehen, floh er nach Mexiko, wo er den drei Jahre älteren argentinischen Arzt Ernesto Guevara kennenlernte und gemeinsam mit diesem und dem später eintreffenden Fidel die Guerillaorganisation »Bewegung des 26. Juli« aufbaute. Als militärischen Ausbilder hatten sie den kubanisch-spanischen General Alberto Bayo gewinnen können, der im Spanischen Bürgerkrieg auf seiten der Volksfront gegen Franco gekämpft hatte. Beeindruckt von der Entschlossenheit und dem Mut des jungen Raúl Castro, bezeichnete Bayo ihn als »Koloss in der Verteidigung revolutionärer Prinzipien«. – »Wenn wahnsinnige Mörder eines Tages das Leben Fidels auslöschen und dabei denken sollten, dass sie dadurch das Licht der Revolution auslöschen, dann haben sie nicht die leiseste Ahnung von dem Mann, der dann die Fackel aufgreifen würde. Denn Raúl ist Fidel mal zwei in Energie, Starrheit, Charakter. Raúl ist gehärteter Stahl«, urteilte der erfahrene General.

Am 2. Dezember 1956 erreichte die Motoryacht »Granma« mit 82 Guerilleros an Bord die Küste Kubas. Gut ein Jahr später, am 27. Februar 1958, ernannte Fidel seinen Bruder zum Comandante und beauftragte ihn damit, seine nach Frank País benannte Kolonne über die Sierra Maestra bis zur Bergregion der Sierra Cristal im Nordosten zu führen. Nach neun Monaten befehligte Raúl, der die Operation mit fünfzig Männern begonnen hatte, eine Truppe von mehr als tausend Kämpfern. Sein Ziel war es, die Vorstellungen der Guerilleros von einem anderen Kuba so schnell wie möglich umzusetzen. Er machte die »República Rebelde« (Rebellische Republik), wie die befreite Zone in der Provinz Oriente genannt wurde, zum Prototyp eines revolutionären Staates. Besitzlose Bauern erhielten Land zugeteilt, Schulen, Krankenstationen, Apotheken, Straßen, Werkstätten, sogar kleine Fabriken wurden gebaut. Im Oktober unterzeichnete Raúl eine Art »Verfassung« (Ley Orgánica) für die befreite Zone, in der die administrative und militärische Struktur festgelegt wurde. Er war überzeugt, dass die Volksmacht eigene Strukturen brauchte, um das Erreichte zu sichern. Revolutionäre Bauernkomitees (»Comités de Campesinos Revolucionarios del Movimiento 26 de Julio«) wurden gegründet, und am 21. September 1958 fand in Mayarí der erste Kongress »Campesino en Armas« (Bewaffnete Bauern) statt, auf dem Raúl die Pläne der Rebellen für eine Agrarreform nach dem Sieg der Revolution skizzierte. Etwas später wurde in derselben Stadt der Kongress »Obrero en Armas« (Bewaffnete Arbeiter) organisiert. Die Bevölkerung merkte, dass die Revolutionäre keine leeren Versprechungen machten und ihre Situation sich tatsächlich verbesserte. Raúls Biograph Nikolai Leonow zufolge war die Leitung dieser »Zweiten Front« für ihn »eine wahre Universität fürs Leben«, in der er nicht nur zum überlegenen militärischen Führer, sondern zu einem strategisch denkenden, gereiften Politiker wurde.

Bohnen und Kanonen

Als Fidel Castro nach dem Sieg der Rebellenarmee Informationen über ein geplantes Attentat gegen sich selbst erhielt, schlug er Raúl im Falle seines Todes als Nachfolger vor, weil dieser dafür stehe, dass der revolutionäre Prozess fortgesetzt würde. Am 2. Februar 1959 ernannte der Ministerrat Raúl Castro, der mittlerweile den Rang eines Armeegenerals bekleidete, zum ersten Vertreter des »Comandante en Jefe« und stellvertretenden Oberbefehlshaber der Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Im Oktober wurde er zum damals jüngsten Verteidigungsminister der Welt ernannt. Neben den Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) baute er Volksmilizen auf, die sich als »das bewaffnete werktätige Volk« verstehen. Die nach einem Jahr bereits mehr als 250.000 Milizionäre übernahmen außer der Verteidigung auch andere Aufgaben, zum Beispiel in der Alphabetisierungskampagne. Innenpolitisch drängte Raúl mit Che Guevara und Camilo Cienfuegos auf eine schnelle Umsetzung der Agrarreform. Seine früheren Verbindungen in der kommunistischen Weltbewegung erleichterten Kontakte zur Sowjetunion, die sich als hilfreich erwiesen, als die USA Kuba mit der CIA-Invasion in der Schweinebucht angriffen, in der Raketenkrise bedrohten und mit der mittlerweile seit 60 Jahren verhängten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade zu ruinieren versuchten.

In den folgenden Jahren unterstützten Freiwillige der von Raúl Castro geleiteten Streitkräfte zahlreiche Länder bei der Befreiung vom Kolonialismus. Zwischen 1975 und 1991 kämpften Hunderttausende FAR-Soldaten in Afrika und trugen entscheidend zur Unabhängigkeit Angolas, Namibias und zum Ende der Apartheid in Südafrika bei. Als 1991 die letzten kubanischen Truppen aus Angola zurückkehrten, waren die sozialistischen Länder Osteuropas bereits untergegangen, und im Dezember 1991 brach die Sowjetunion zusammen. Raúl Castro hatte die Spitzen von Partei, Regierung und FAR bereits im April 1990 zusammengeholt, um das Land angesichts der aufziehenden Bedrohung überlebensfähig zu machen. Er wies den Streitkräften Aufgaben zur Unterstützung der Landwirtschaft, des Tourismus und der staatlichen Betriebe zu und erklärte den FAR-Angehörigen, dass es jetzt ihre erste Pflicht sei, »den Leuten zu essen zu geben«. Auf einer Truppenversammlung sagte er: »Heute sind Bohnen wichtiger als Kanonen.« Die Verteidigung des Landes wurde zugleich auf die »Militärdoktrin des allgemeinen Volkskrieges« umgestellt. Damit schuf Raúl entscheidende Voraussetzungen für das Überleben der Kubanischen Revolution in der Zeit der »Sonderperiode«. Im Februar 1998 verlieh der Staatsrat Raúl Castro auch deshalb den Titel »Held der Republik Kuba«, die höchste Auszeichnung des Landes, sowie den »Orden Máximo Gómez ersten Grades«.

Absage an den Markt

Am 31. Juli 2006 übertrug der erkrankte Fidel alle Ämter und Funktionen auf eine Gruppe von sieben Personen, die von Raúl geleitet wurde. »Das Land ist auf seine Verteidigung durch die Revolutionären Streitkräfte und das Volk vorbereitet«, versicherte Fidel dabei. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 20. Januar 2008 erreichte Raúl Castro die höchste Stimmenzahl aller Kandidaten. Am 24. Februar 2008 wählte das Parlament ihn dann zum Vorsitzenden des Staats- und Ministerrats. In seinem »Regierungsprogramm« kündigte er eine Restrukturierung der Institutionen und die Dezentralisierung der Verwaltung an, forderte mehr Effizienz in der Regierungsarbeit und den Abbau von Bürokratie. Zu den strategischen Zielen gehöre vor allem, dass der »legal erarbeitete Lohn« zum Leben reiche und wieder zur Haupteinnahmequelle der Menschen werden müsse. Auch die Abschaffung der Doppelwährung sei langfristig vorgesehen. »Raúl übernahm die Führung des Landes in einer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation. In seiner staatsmännischen Dimension hat er tiefgreifende und notwendige strukturelle und konzeptionelle Veränderungen als Teil eines Prozesses der Verbesserung und Aktualisierung des kubanischen Wirtschafts- und Sozialmodells geleitet, gefördert und angeregt«, würdigte Miguel Díaz-Canel jetzt die Leistungen seines Vorgängers in dieser Zeit. Neben anderen Maßnahmen habe Raúl umsichtig und klug Transformationen in der Landwirtschaft, die Erweiterung des nichtstaatlichen Sektors der Wirtschaft, die Verabschiedung eines Gesetzes über ausländische Investitionen, den Aufbau der Sonderentwicklungszone Mariel, die Beseitigung von Hindernissen für die Verbesserung der sozialistischen Staatsunternehmen, Investitionen im Tourismussektor und das Programm der Computerisierung der Gesellschaft eingeleitet, zählte Díaz-Canal weitere Verdienste auf.

Auf dem 6. Parteitag, der ihn am 19. April 2011 zum Ersten Sekretär des ZK gewählt und mehr als dreihundert »Leitlinien zur Aktualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft« verabschiedet hatte, erteilte Raúl denen, die auf einen Kurswechsel in Richtung Marktwirtschaft hofften, eine Absage: »In den vergangenen fünfhundert Jahren von Hatuey (berühmter früher Anführer gegen den Kolonialismus in Amerika; jW) bis Fidel ist zuviel Blut unseres Volkes vergossen worden, um heute aufzugeben, was wir unter solchen Opfern errungen haben.« Ziel aller Maßnahmen sei die »Verteidigung des Sozialismus« und nicht dessen Abschaffung, sagte Raúl. Keine Errungenschaft der Revolution werde aufgegeben, und das sozialistische Prinzip der Planwirtschaft bleibe erhalten. Niemand solle sich der Illusion hingeben, dass die Maßnahmen erste Schritte für eine Rückkehr zum kapitalistischen und neokolonialen Kuba vor der Revolution seien. Eine Konzentration von Eigentum an Produktionsmitteln in Privatbesitz werde das Land auch künftig nicht dulden. Ähnlich klare Worte fand er erneut am Freitag vergangener Woche in seiner letzten Rede in dieser Funktion.

Unter diesen Prämissen erfolgte die Umsetzung der Beschlüsse des 6. Parteitags – wie es hieß – »mit Bedacht, aber ohne Pause«. Der Abbau eines Überhangs von rund einer Million Beschäftigten in den Staatsbetrieben erfolgte ohne das Risiko von Erwerbslosigkeit für die Betroffenen. Angebote zur Umschulung, Anreize zum Wechsel in den Gesundheits- und Erziehungssektor oder in die Landwirtschaft und die Vergabe von Krediten für »Beschäftigte auf eigene Rechnung« (Cuentapropistas) trugen dazu bei. Am 14. Januar 2013 traten neue Reiseregelungen in Kraft, denen zufolge kubanische Bürger für Auslandsreisen nur noch einen Reisepass und das Visum des Ziellandes benötigen. Als Raúl Castro am 24. Februar 2013 erneut zum Vorsitzenden des Staats- und Ministerrats gewählt wurde, schlug er den rund 30 Jahre jüngeren Elektronikingenieur Miguel Mario Díaz-Canel Bermúdez als Stellvertreter vor und erklärte, dass er nach der nächsten Parlamentswahl 2018 nicht wieder für dieses Amt kandidieren werde.

In den USA und Europa wurde Raúl Castro lange als »farbloser Pragmatiker im Schatten seines charismatischen Bruders« beschrieben. Diese Wahrnehmung änderte sich am 17. Dezember 2014, als er sich zeitgleich mit US-Präsident Barack Obama an die Öffentlichkeit wandte und die Veränderung der Beziehungen zwischen den Ländern ankündigte. Während Kuba den US-Spion Alan Gross und weitere von der US-Seite benannte Häftlinge auf freien Fuß setzte, ließ Washington die seit sechzehn Jahren in US-Gefängnissen festgehaltenen letzten drei Aufklärer der »Cuban Five« frei. Mit Wiedereröffnung der Botschaften im Jahr 2015, dem Besuch von Barack Obama im März 2016, der Vermittlerrolle beim Friedensvertrag in Kolumbien und einer Einigung mit der EU über die Aufhebung des »Gemeinsamen Standpunktes«, der einen Systemwechsel auf der Insel zur Bedingung für normale Beziehungen gemacht hatte, verbuchte Raúl weitere Erfolge. Auf dem VII. PCC-Parteitag im April 2016 bewertete er den Annäherungsprozess zwischen Kuba und den USA zwar positiv, verwies aber zugleich darauf, dass die Blockade, fortgesetzte Subversionsprogramme und die Weigerung Washingtons, das besetzte Gebiet in der Bucht von Guantánamo zurückzugeben, einer Normalisierung im Wege stünden. Zudem dürfe man der US-Politik nicht über den Weg trauen, die nach der Wahl des nächsten Präsidenten wieder zum alten Ausmaß der Feindseligkeiten zurückkehren könne, warnte er.

Die Arbeit, die unter Raúls Führung an der Spitze des Landes im letzten Jahrzehnt geleistet wurde, sei »kolossal«, versuchte Miguel Díaz-Canel die Leistungen seines Vorgängers in einen knappen Satz zu fassen. »Ebenso ist sein Vermächtnis des Widerstandes angesichts von Bedrohungen und Aggressionen und bei der Suche nach der Verbesserung unserer Gesellschaft wegweisend«, fügte er hinzu. Raúl Castro beendete seine letzte Rede als Parteivorsitzender am Freitag vergangener Woche mit bescheideneren Sätzen: »Was mich angeht, beende ich meine Aufgabe als Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas mit der Befriedigung, die Pflicht erfüllt zu haben, mit Vertrauen in die Zukunft des Vaterlandes und der wohldurchdachten Überzeugung, keine Vorschläge anzunehmen, mich in höheren Ämtern der Parteiorganisation zu halten, in deren Reihen ich auch so ein kämpferischer Revolutionär bleibe, bereit, bis zum Ende meines Lebens meinen bescheidenen Beitrag zu leisten. Nichts hat mich zu diesem Entschluss gezwungen, aber ich glaube fest an die Kraft des Beispiels und an das Verständnis meiner Landsleute. Und dass niemand daran zweifle: Solange ich lebe, werde ich bereit sein, das Vaterland, die Revolution und den Sozialismus zu verteidigen. Mit größerer Kraft als jemals zuvor rufen wir:
¡Viva Cuba libre!
¡Viva Fidel!
¡Patria o Muerte!
¡Venceremos!«

Volker Hermsdorf ist Verfasser der 2016 im Verlag Wiljo Heinen erschienenen Biographie »Raúl Castro – Revolutionär und Staatsmann«, 350 Seiten, 16 Euro. An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 17. April über die CIA-Invasion in der Schweinebucht vor 60 Jahren.

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