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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Jiddische Musik

Buckel auf der Seele

Überlebensmusik: Das Duo Schmarowotsnik ruft zum Heimkonzert mit neuen jiddischen Liedern
Von Harald Justin
Schmarowotsnik_Pressefoto.jpg
Rauh, süß, melancholisch-trotzig: Das Duo Schmarowotsnik

»Nito keyn parnose, nito keyn kontsert, nito keyner vos batsolt mir un keyner vos hert, s’hot keyn shum nisht geholfen, ikh hob mer keyn kheyshek nit.« Das war Jiddisch, entnommen dem Lied »Keyn kheyshek nit«, gesungen von dem Kieler Duo Schmarowotsnik, seit über 20 Jahren auf jiddische Musik spezialisiert. Jiddisch ist die Sprache der aschkenasischen Juden, die sich um die erste Jahrtausendwende im Rheintal niedergelassen hatten; »Ashkenaz« ist die hebräische Bezeichnung für Deutschland. Das Jiddische, mit seinen hebräischen und aramäischen Wurzeln, ging um die Welt. Überall, wo Juden hinkamen, ob nach Spanien, Italien, Polen, Russland oder Amerika, nahm das Jiddische Sprachbrocken mit und half bei der internationalen Verständigung.

Von globalen Erfahrungen künden auch die oben zitierten Zeilen. Ihre deutsche Übersetzung lautet: »Nirgends ein Einkommen, nirgends ein Konzert. Nirgends einer, der mich bezahlt oder mich anhört, es hat überhaupt nichts geholfen, ich habe keinen Bock mehr« und ist ein launiger Kommentar zur Coronakrise. Der Rest des Albums »Naye yidische lider« ist Poesie, wenn vom Buckel auf der Seele – »Hoyker du oyf mayn neshome« – und der Traurigkeit im Mondenschein – »umet in levone-shayn« – die Rede ist. Die Musik lässt keine Wünsche offen; wer jiddische oder Klezmermusik kennt, weiß um ihre Anschlussfähigkeit an die Musiken der Welt. Bei Schmarowotsnik begegnen sich Tonfolgen, die aus dem Orientalischen stammen, mal mit Jazzeinflüssen, mal mit Folklore. Musiziert wird auf Akkordeon, mit Oboe, Englischhorn, Geige. Der Gesang ist rau und süß, die Stimmung melancholisch-trotzig, freundlich bis heiter. Überlebensmusik.

Denn man erinnert sich ja doch: Diese Musik ist Überlebensmusik einer Kultur, die oft genug von Vernichtung bedroht war. Es gab Warnungen, ohne den Bezug zur Religion, zu Glaube und Ritus, verkomme jüdische Musik zur Folklore. Und es gab Gegenreden, die betonten, dass die weltliche Lebendigkeit dieser Musik das beste Mittel gegen die Vernichtung sei. Denn diese Drohung bleibt bestehen, man hört diese Musik immer noch vor dem Hintergrund des Holocausts und des anwachsenden Bocksgesangs des neuen Antisemitismus, der ja gerade unter Querdenkern seine neue Fratze zeigt. Keyn kheyshek nit.

Schmarowotsnik: »Naye yidische lider« (Silberblick-Musik)

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