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Kreditrisiken

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Die zweitgrößte Bank der Schweiz, Credit Suisse oder kurz CS, hat sich am vergangenen Donnerstag eine Kapitalerhöhung genehmigt und dafür 1,7 Milliarden Schweizer Franken (CHF) hereingeholt. Die Bankführung ist damit einer Anregung der Bankaufsicht Finma des kleinen Landes nachgekommen, die sich besorgt gab, ob das Eigenkapital der traditionsreichen Bank ausreichend sei, die Risiken aus ihren weltweiten Geschäften abzudecken. Knapper gesagt muss die CS die Löcher stopfen, die durch ihr Engagement von etwa zehn Milliarden US-Dollar bei dem »Family Office« Archegos Capital und der Lieferkettenfinanzierungsgesellschaft Greensill Capital, einschließlich der kleinen Bremer Greensill-Bank, entstanden waren. 4,4 Milliarden CHF hatte die CS schon als Handelsverlust abschreiben müssen. Und weitere kleinere Verluste würden im laufenden Quartal noch anfallen, wie die Bankführung mitteilte.

Family Office ist ein niedlicher, vor zwei oder drei Jahrzehnten in den USA erfundener Name für einen Hedgefonds, der dazu dient, das Vermögen einer Familie zu erhöhen, insofern es sich reiche Privatleute leisten können, risikoreiche Geschäfte aller Art einzugehen. Nur geht bei gewöhnlichen Hedgefonds die Initiative von den Managern des Fonds aus, die das Geld, das sie zu vermehren versprechen, erst noch einwerben müssen und dafür am Gewinn mit satten Sätzen beteiligt sind. Ein Family Office dagegen wird von einem bestellten Manager geführt (wie zum Beispiel dem legendären Wendelin Wiedeking, der als Porsche-Chef und zugleich Verwalter des Familienvermögens des Porsche-Piëch-Clans die Übernahme von Volkswagen durchzog) oder von einem Familienmitglied selbst. Im vorliegenden Fall dürften Manager und Familie in der Person des New Yorker Investmentbankers und evangelikalen Christen Bill Hwang nahezu identisch sein.

Greensill, eine Schattenbank mit Sitz in Britannien und Australien, finanzierte ihr Geschäft durch die Bremer Tochterbank und von der CS gesponserte Fonds, die beide den Einlegern leicht höhere Zinsen als üblich boten. Hwangs Aktienspekulation warf dank hoher Kreditfinanzierung hohe Renditen ab, das eigentlich bankübliche Factoringgeschäft von Greensill war ebenfalls vorwiegend kreditfinanziert. Wie im Lehrbuch krachten diese Geschäfte zusammen, als beim ersten die favorisierten Aktien nicht ganz so liefen wie geplant und beim zweiten ein größerer Kunde (die GFG Alliance des Stahlmagnaten Gupta) immer weniger zahlungsfähig wurde.

Die Summen, um die es geht, sind für eine Bank wie die CS und für die betroffenen Kapitalmärkte (Schweiz, Britannien, Deutschland, USA) leicht verkraftbar. Verblüffend ist aber, wie völlig ungerührt die Aufsicht über die Finanzmärkte die hohe Verschuldung höchst zweifelhafter Akteure als gegeben hinnimmt. Natürlich erhält die deutsche Greensill-Bank die Lizenz, Einlagen einzuwerben, um das Geld zu welchen Zwecken auch immer zu exportieren. Natürlich darf Herr Hwang kreditfinanziert mit Aktien spekulieren, solange er seiner Nachschusspflicht nachkommt. Es ist ganz so wie 1929 und 2007.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.

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