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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 7 / Ausland
Mehr als 120 Verletzte

Hass auf Palästinenser eskaliert

Jerusalem: Ultrarechte jüdische Siedler attackieren Muslime. Übergriffe seit Beginn des Ramadan
Von Gerrit Hoekman
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Seit Wochen sind die Spannungen in Jerusalem hoch: Palästinensische Demonstranten protestieren gegen die israelische Siedlungspolitik (16.4.2021)

In der Nacht zu Freitag sind in der Altstadt von Jerusalem zum wiederholten Male ultrarechte jüdische Siedler und Palästinenser aneinander geraten. Nach Angaben der Times of Israel wurden dabei mehr als 120 Menschen verletzt. Die palästinensische Nachrichtenagentur Maan berichtete am Freitag von 50 Verhaftungen.

Auslöser der Straßenschlacht war ein Marsch zur »Wiederherstellung der jüdischen Würde« von mehreren hundert ultrarechten Juden durch Jerusalem, die auch »Tod den Arabern« skandierten. Dabei handelte es sich laut israelischer Medien um Anhänger der radikal-jüdischen Organisation Lehava, die eine strenge Trennung von Juden und Nichtjuden fordert. In den sozialen Medien hatten Ultrarechte bereits im Vorfeld zu Gewalt gegen Palästinenser aufgerufen: »Wir müssen ihnen die Gesichter brechen, begrabt sie lebendig!« zitierte die israelische Tageszeitung Haaretz eine Whats-App-Nachricht.

Am Zion-Platz stieß der Marsch auf linke israelische und palästinensische Gegendemonstranten. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, berichtete Haaretz am Freitag. Ein unbeteiligter jüdischer Autofahrer wurde offenbar von palästinensischen Jugendlichen zusammengeschlagen, sein Fahrzeug später in Brand gesteckt.

Der palästinensische Premierminister Mohammed Schtaja verurteilte am Freitag die Angriffe der Siedler und der Besatzungssoldaten als »organisierten Staatsterrorismus, der darauf abzielt, die Heilige Stadt zu judaisieren und falsche Tatsachen zu schaffen«, berichtete die Agentur Maan.

Seit dem Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan am 12. April brodelt es in der Altstadt von Jerusalem. Jeden Abend ziehen laut Haaretz junge, ultrarechte Juden durch die Straßen, die sich traditionell nach dem Fastenbrechen mit muslimischen Palästinensern füllen. Sie beleidigen die Passanten, greifen sie mit Tränengas an und werfen mit Steinen. Auf der anderen Seite gehen Palästinenser auf friedliche Juden los.

Als ein jüdischer Einwohner der Altstadt am Dienstag einem jungen Palästinenser zur Hilfe eilte, der von einer Handvoll Rechter attackiert wurde, wurde er selbst zum Ziel der Gewalt. »Sie traten mich, dann packte mich ein Mann mit einer weißen Kippa und schrie mich an, dass ›sie‹ unsere Schwestern vergewaltigen und dass ich ein Verräter sei«, erzählte der Helfer am Mittwoch gegenüber Haaretz. Die Attacken führten zur Gegenreaktion der Palästinenser. Vor allem am Damaskustor, während des Ramadan ein beliebter Abendtreffpunkt, kam es in den letzten Tagen immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am Donnerstag morgen gerieten nach Angaben der amtlichen palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA Soldaten mit Gläubigen aneinander, die nach dem Morgengebet die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg verließen.

Die Polizei verhalte sich gegenüber Palästinensern aggressiv, während sie jüdischen Angreifern gegenüber gleichgültig sei, kritisierte Haaretz am Mittwoch in einem Kommentar der Chefredaktion. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und Teile seines Kabinetts hätten ihren Teil dazu beigetragen, dass sich im ganzen Land eine gewalttätige, rassistische Atmosphäre ausgebreitet habe. »Die Tatsache, dass sie es jahrelang nicht für angebracht hielten, Angriffe von Juden zu verurteilen, verbunden mit ihrer Aufstachlung gegen die arabische Gemeinschaft, bedeutet, dass sie Verantwortung tragen.«

Unruhen sind in Jerusalem während des Fastenmonats Ramadan keine Seltenheit. Besonders in dieser Zeit versuchen ultrarechte Juden, Muslime daran zu hindern, auf den Tempelberg zu gelangen ebensowie in die Al-Aksa-Moschee, einem der wichtigsten Heiligtümer im Islam. Jüdische Fundamentalisten fordern, an der Stelle, an der heute die Moschee und der Felsendom stehen, den Herodianischen Tempel der Juden neu zu errichten, der von den Römern im Jahr 70 unserer Zeitrechnung zerstört wurde. Bei einem Großteil der israelischen Gesellschaft und der Rabbiner findet die Forderung jedoch keine Unterstützung.

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