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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 7 / Ausland
Nordsyrien

Kämpfe in Kamischli

Nordsyrien: Heftige Auseinandersetzungen zwischen mit Damaskus verbündeter Miliz und Kräften der Selbstverwaltung
Von Nick Brauns
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Sicherheitskräfte der Selbstverwaltung in Kamischli am 23. Oktober 2019

In der nordsyrischen Großstadt Kamischli an der Grenze zur Türkei kommt es seit Tagen zu schweren Gefechten zwischen einer mit der Regierung in Damaskus verbündeten Miliz und Sicherheitskräften der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien. Bei den auch mit schweren Waffen wie Mörsern ausgetragenen Auseinandersetzungen kam es zu einer bislang unbekannten Zahl von Toten und Verletzten. Die Kämpfe begannen am Dienstag, nachdem Paramilitärs der loyalistischen Nationalen Verteidigungskräfte (NDF) einen Checkpoint der Asajisch – so der Name der für die innere Sicherheit im Autonomiegebiet zuständigen Volksmiliz – angegriffen und einen ihrer Angehörigen getötet hatten.

Eine unter Vermittlung der in Kamischli stationierten russischen Militärpolizei in der Nacht zu Donnerstag ausgehandelte Waffenruhe wurde von den NDF bereits nach wenigen Stunden gebrochen. Nachdem infolge des Beschusses eines Kontrollpostens der Asajisch im Stadtzentrum durch die NDF ein zehnjähriges Kind getötet und weitere Zivilisten verletzt worden waren, gingen die Asajisch ihrerseits zum Angriff über und nahmen Teile des bislang unter Kontrolle der Miliz stehenden Stadtviertels Tai einschließlich des Hauptquartiers der Truppe ein. Auch am Freitag gingen die Gefechte weiter.

Zuvor war ein Ältester des arabischen Bani-Saba-Stammes, Scheich Hayes Al-Jaryan, vor seinem Haus in dem unter Kontrolle der NDF stehenden Viertel Hilko von Unbekannten mit drei Schüssen in die Brust ermordet worden. Der Scheich, der das Vertrauen sowohl der Autonomieverwaltung als auch der Loyalisten genoss, hatte sich im Rahmen einer Versöhnungsdelegation von Stammesältesten um ein Ende der Kämpfe bemüht.

Die NDF-Milizen, die landesweit rund 100.000 Mitglieder zählen und durch regierungsnahe Unternehmer finanziert werden, wurden 2012 zur Unterstützung der Syrischen Arabischen Armee (SAA) gebildet. Damals wurden die Reihen der teilweise im Iran ausgebildeten Paramilitärs mit entlassenen Strafgefangenen und Anhängern krimineller Banden aufgefüllt. Als entsprechend unzuverlässig erweisen sich viele Milizangehörige, die nicht nur in kriminelle Taten wie Entführungen und Lösegelderpressungen verwickelt waren, sondern mancherorts auch die Seiten wechselten und sich dschihadistischen Kampfverbänden wie dem »Islamischen Staat« anschlossen.

In den unter politischer Kontrolle der Autonomen Administration stehenden Großstädten Hasaka und Kamischli kontrollieren die NDF mehrere Stadtviertel, in denen vor allem Angehörige arabischer Stämme leben, die loyal zur Regierung von Präsident Baschir Al-Assad stehen. Zwar kam es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Scharmützeln zwischen der Miliz und Sicherheitskräften der Autonomieverwaltung. Doch hatten letztere nie versucht, die Kontrolle über die Viertel der Loyalisten zu übernehmen. Vielmehr dienten diese Stadtviertel als faktisches Pfand gegenüber Damaskus für die Sicherheit des selbstverwalteten kurdischen Stadtviertels Scheich Maksud in Aleppo.

Bislang haben weder die am Flughafen von Kamischli stationierte SAA noch die außerhalb der Stadt in Bereitschaft stehenden Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) der Autonomieverwaltung in die Kämpfe eingegriffen. Lediglich die SDK-Antiterroreinheit HAT ist auf seiten der nur leicht bewaffneten Asajisch im Einsatz. Sowohl die Regierung in Damaskus als auch die Autonomieverwaltung scheinen darum bemüht zu sein, den Ball flach zu halten. Dahinter dürfte die Sorge stehen, dass sonst die Türkei als lachende Dritte die Situation ausnutzen und weitere nordsyrische Gebiete besetzen könnte.

Der Außenpolitiker der in Nordsyrien führenden kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, vermutet dennoch »ein Spiel von Damaskus und Moskau«. Die Angriffe der Miliz zielten im Vorfeld der für den 3. Juni angesetzten syrischen Präsidentschaftswahl darauf, Chaos zu verbreiten, um so das Vertrauen der Bevölkerung in die Selbstverwaltung zu erschüttern und den Boden für eine weitere russische Intervention zu bereiten, so Muslim gegenüber der Nachrichtenagentur Anha.

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    Der Artikel schließt mit der unkommentierten (vom Autor geteilten?) Einschätzung von Salih Muslim, dass die beschriebenen Vorgänge auf russische Machenschaften zurückgehen, mit dem Ziel, »den Boden für eine weitere russische Intervention zu bereiten«. Jetzt warnt also auch jW vor »weiteren« russischen Interventionen? Wäre der Umstand, dass die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien mit den USA zusammenarbeitet beim Diebstahl und Verkauf syrischen Öls vielleicht auch ein Aspekt bei der Bewertung der Lage?

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