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Aus: Ausgabe vom 24.04.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Daheim beim Fleischbaron

Gewerkschaft NGG organisiert Protest vor Tönnies-Zentrale und erklärt Tarifgespräche vorerst für beendet
Von Oliver Rast
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Wollen mehr und verdienen mehr: Billiglöhnerei in Schlachtereien angeprangert (Rheda-Wiedenbrück, 23.4.2021)

Sie suchten den Direktkontakt. Zum Abschluss einer Aktions- und Streikwoche in der deutschen Fleischindustrie protestierten Beschäftigte mit ihrer Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und Aktiven vom DGB-Projekt »Faire Mobilität« vor der Zentrale des größten deutschen Fleischproduzenten Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück. Parallel organisierten Gewerkschafter eine Kundgebung am Tönnies-Standort in Weißenfels in Sachsen-Anhalt. In den zurückliegenden Tagen fanden bundesweit nach NGG-Angaben 30 Protestaktionen und Warnstreiks vor den Werkstoren von Schlachtbetrieben statt.

Der Konflikt dürfte sich verschärfen. Am Rande der Kundgebung in Rheda-Wiedenbrück gab der Vizevorsitzende der NGG, Freddy Adjan, das vorläufige Ende der Tarifverhandlung mit der Fleischwirtschaft bekannt. »Tönnies, Wiesenhof, Vion, Westfleisch und Co. wollen weitermachen wie bisher – mit Billiglöhnen und massivem Druck gegenüber Beschäftigten«, wird er in einer am Freitag verbreiteten Mitteilung zitiert.

Zum Hintergrund: Am 29. März waren die Tarifgespräche nach der dritten Runde seitens der NGG zunächst ergebnislos unterbrochen worden. Der Vorwurf: Die Gegenseite blockiere eine akzeptable Verhandlungslösung. Die NGG fordert für die Beschäftigten in der Fleischwirtschaft einen Mindestlohn von 12,50 Euro pro Stunde, der nach kurzer Einarbeitungszeit auf 14 Euro steigen soll. Für Facharbeiter fordert sie einen Stundenlohn von 17 Euro. In einem weiteren Tarifvertrag sollten laut NGG Mindestarbeitsbedingungen wie Arbeitszeit, Arbeitszeitkonten, Zuschläge und Urlaub geregelt werden. Die Bosse der Schlachthöfe und Wurstfabriken haben zuletzt einen Einstiegsverdienst von 10,50 Euro pro Stunde geboten, der bis Ende 2023 auf zwölf Euro steigen soll. Theo Egbers, Verhandlungsführer der Unternehmer, sprach in einer Stellungnahme vom 30. März von einer »wirtschaftlichen Schmerzgrenze«, die nun erreicht sei. Bereits vorher hatte der federführende Verband der Ernährungswirtschaft (VdEW), den Forderungskatalog der NGG für die rund 160.000 Branchenbeschäftigten als »realitätsfern« und »existenzgefährdend« zurückgewiesen.

Unterstützung erhält die NGG von der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion von Die Linke, Sabine Zimmermann: »Es ist das mindeste, dass die schwere Arbeit in der Fleischindustrie anständig bezahlt wird«, erklärte sie am Freitag gegenüber jW. Vom Lohndumping seien vor allem migrantische Beschäftige betroffen, »die teils unter unwürdigsten Bedingungen schuften und leben müssen«, so die Linke-Politikerin. Deshalb sei es um so mehr »ein Meilenstein, wenn die NGG diese Kolleginnen und Kollegen unter anderem für Streiks mobilisieren kann«.

Einfach ist das bisweilen nicht, räumt Thomas Bernhard, NGG-Referatsleiter für die Fleischwirtschaft, am Freitag im Gespräch mit jW ein, während er an der Kundgebung in Rheda-Wiedenbrück teilnimmt. Viel Aufbauarbeit sei noch nötig. Erfolge indes gebe es: In der Tönnies-Zentrale etwa steige die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder.

Ein Faktor kommt hinzu. Teile der Belegschaften seien ob der Blockhaltung der Unternehmer »wütender als zuvor«, sagte NGGler Adjan am Freitag zu jW. Nicht unwichtig, um allgemeinverbindliche Tarifverträge durchzusetzen, weiß der Gewerkschafter. Also Vertragswerke, die für alle Beschäftigten in der Branche gelten; egal, ob ein Unternehmen tarifgebunden ist. »Wenn die Arbeitgeber zur Besinnung kommen und ordentlich was draufpacken«, so Adjan, könnten die Gespräche in eine neue Runde gehen.

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