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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 15 / Feminismus
Frauen in der Bundeswehr

Mädchen fürs Morden gesucht

Girls’ Day 2021: Bundeswehr buhlt um jugendliche Rekrutinnen. Frauen in Truppe immer noch struktureller Ungleichbehandlung ausgesetzt
Von Ina Sembdner
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Eine ganz »normale« Karriere: Soldatinnen in der Übungsstadt für den Stadt- und Häuserkampf, Schnöggersburg (26.10.2017)

Die Bundeswehr hat bekanntermaßen ein Nachwuchsproblem. Daher lässt es sich die Truppe von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) auch nicht nehmen, jedes Jahr zum sogenannten Girls’ Day offensiv um potentielle Rekrutinnen zu werben. Zu dem am Donnerstag durchgeführten Tag, der dem weiblichen Nachwuchs den Blick in bislang männerdominierte Berufe öffnen soll und auch in diesem Jahr wegen der Pandemie online stattfand, präsentierte sich die Truppe auf der offiziellen Homepage mit: »Mädels, aufgepasst! Actionreicher Livestream auf Youtube und Instagram, nur hier.« Die zu erwartende Action wurde dann auch gleich noch näher definiert: »Eine Seemine unschädlich machen? Mit einem Snowmobil durch den Schnee rasen? Brände an Flugzeugen löschen? Oder einen Hund als Partner haben? Das gibt es nur bei uns.«

Was unerwähnt bleibt: beispielsweise die Gefahr posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Wie die Wehrbeauftragte des Bundestages, Eva Högl, Anfang April mitteilte, sei die Zahl der im Ausland stationierten Kräfte zwar von über 10.000 im Jahr 2002 auf derzeit rund 3.000 zurückgegangen, die PTBS-Diagnosen und jene weiterer psychischer Erkrankungen stiegen im selben Zeitraum jedoch an – sofern sie überhaupt offiziell erfasst werden. Denn meist treten die Probleme erst Jahre später auf, wenn viele die Bundeswehr bereits verlassen haben.

Und entgegen anderslautender öffentlicher Einschätzungen ist es auch mit der Gleichstellung von Frauen in den Streitkräften noch nicht weit her. Seit 1975 zunächst auf Sanitätsdienst und Militärmusik beschränkt, stieg ihr Anteil seit der vollständigen Öffnung im Jahr 2000 zwar an, die jährlichen Zuwachsraten bewegen sich jedoch im Einprozentbereich. Der Anteil von Frauen für alle Laufbahnen, den Sanitätsdienst ausgenommen, lag dem Wehrbericht zufolge im vergangenen Jahr bei 8,88 Prozent – eigene Zielmarke ist eine Quote von 15 Prozent.

Die Soziologin Maja Apelt, die zu Chancengleichheit bei den Streitkräften forscht, gab am 12. Januar gegenüber Deutschlandfunk Kultur an, dass sich die Themen, über die sich Soldatinnen beschwerten, in den vergangenen 15 Jahren kaum verändert haben. Dabei gehe es meist um die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mangelnde Anerkennung gleicher Leistung oder sexuelle Belästigung. Diese wird auch im Wehrbericht unter der Überschrift »Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung« erfasst, ohne Unterscheidung nach Geschlechtern. 2020 ging die Zahl der gemeldeten Vorfälle demnach von 345 auf 249 zurück, wobei eine nicht ganz verständliche und auch nicht erklärte Unterteilung vorgenommen wird. 25 Eingaben betrafen demnach sexuelle Belästigungen bis hin zu sexuellen Übergriffen, 224 meldepflichtige Ereignisse Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Verantwortlich für den Rückgang sind nicht etwa strukturelle Verbesserungen, sondern die Pandemielage: »Feiern, in denen ein übermäßiger Alkoholkonsum eine Rolle spielte – nicht selten Ursache für sexuelle Übergriffe –, konnten praktisch nicht stattfinden. Auch befanden sich Soldatinnen und Soldaten vermehrt im Homeoffice, so dass sich weniger Situationen ergaben, die zu sexuellen Übergriffen führten.« Und wie der Bericht selbst feststellt, ist das Umfeld offenbar nicht dazu angelegt, »die tatsächliche Gesamtzahl sexuell motivierter Übergriffe festzustellen, da sich Betroffene aus Furcht vor beruflichen und persönlichen Nachteilen oft davor scheuen, diese anzuzeigen«.

Die Angebote des »Girls’ Day« richten sich allgemein an Schülerinnen ab der 5. Klasse – hier immerhin setzt die Bundeswehr auf den Hinweis, dass Teilnehmende an den Onlineangeboten mindestens 15 Jahre alt sein müssen – wie auch immer das kontrolliert werden soll. Dass eine Karriere bei der Bundeswehr nicht aus Action, sondern aus Morden für Kapitalinteressen besteht, wird unterschlagen.

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