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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Die verdammten zwei Striche

Ein Erfahrungsbericht zwischen positiv und negativ
Von Thomas Behlert
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Nasebohren und abwarten: Ein Coronaselbsttest

Diesen Text habe ich in den frühen Morgenstunden geschrieben, denn da fühlte ich mich wie ein Springinsfeld, der Schnittblumen aus der Vase reißen könnte. Doch je näher der Abend kommt, desto mehr ändert mein Körper sein Benehmen. Der Kopf schmerzt immer stärker, will platzen und wetteifert wohl mit dem Fieber um die Meisterschaft. Es geht in Richtung 40 Grad, und manchmal frage ich meine Frau, wie denn wohl der Rekord ist. Es ist Covid-19, was ich da habe. Schnupfen und ein krächzender Husten, der mir so langsam den Rachen aufreißt.

Es begann alles am Sonntag abend plötzlich und recht heftig. Ich konnte nur noch ins Bett kriechen, dort einige Liter Gesundheitstee trinken und schließlich versuchen einzuschlafen. Doch mit Durchschlafen war nichts, denn ich musste ständig auf die Toilette, schwitzte mehrere Schlafanzüge durch und hustete und hustete und hustete. Ach ja: und nieste.

Am Montag, gleich nachdem meine Frau aufgestanden war, machte ich einen Selbsttest mit in der Nase quirlen, in Tunke stecken und auf die Striche warten. Es wurden zwei Striche, somit: Verdacht auf Corona. Gleich nach der Öffnung der Praxis rief ich meine Hausärztin an und schilderte der Schwester am Telefon mein Schicksal. Zunächst teilte sie mir mit, was ich nun nicht mehr darf. In die Praxis brauche ich auch nicht zu kommen, denn sie meldet mich per Fax an, damit mit mir ein Abstrichtermin abgesprochen werden kann. Ich werde angerufen.

So warte ich also und halte es schließlich nicht mehr aus, denn ich besitze keinen Arbeitsunfähigkeitsschein, und ein Termin will sich nicht einstellen. Irgendwann im Laufe des Tages, als ich kurz wieder klar denken kann, rufe ich das Gesundheitsamt meiner Stadt an und frage nach meinem Termin, damit ich endlich Sicherheit habe, ob nun wirklich positiv oder doch negativ, und ob all die Schmerzen, die ich gerade durchleide, zu einer verdammt schweren alltäglichen Grippe gehören. Auf dem Gesundheitsamt weiß man nichts von meinem Namen, da ist keine Anmeldung eingegangen. Ein wohl höhergestellter Mitarbeiter ruft mich wenige Minuten später zurück und erklärt mir noch einmal alles genau und rät mir, mich bei meiner Hausärztin testen zu lassen. Schon halb K. o., das Fieber meldet sich brachial zurück, rufe ich kurz vor Feierabend wieder bei meiner Hausärztin an. Am Telefon die schon etwas ungehaltene Schwester, die zu mir sagt, dass die Einladung zu einem Coronaabstrich an eine Zentrale in Weimar ging, die wohl die Termine der Hausärzte koordiniert. Ich könne aber jemanden bei der Praxis vorbeischicken, der für die Übergangszeit bis zum Test einen Arbeitsunfähigkeitsschein abholt.

Meine Frau darf nicht in die Praxis, auch wenn ihr Selbsttest negativ war. Solange ich nicht offiziell in der Coronastatistik aufgenommen bin und noch niemand eine Quarantäne ausgesprochen hat, darf sie sogar arbeiten gehen.

Nun sitze, liege und hocke ich zu Hause, warte auf den verdammten Anruf und fluche auf den Leugner, der im Haus gegenüber schon wieder eine kleine Party feiert. Warum ich und nicht er? Meine Wanderung über den Balkon fällt jetzt auch flach, denn es regnet. Gehe ich halt eine Ibu 600 schlucken, vielleicht hilft sie für einige Minuten.

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