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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

40 Prozent dokumentarisch

Westernmythen und Realismus: Chloé Zhaos Debütfilm »Songs My Brothers Taught Me«
Von Holger Römers
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Zauberhafte Selbstverständlichkeit: Johnny (John Reddy) in »Songs My Brothers Taught Me«

Bevor Chloé Zhao Sonntag nacht voraussichtlich mehrere Oscars gewinnen wird, hat der Streamingdienst Mubi ihr Spielfilmdebüt von 2015 ins Programm genommen, das nie einen deutschen Kinostart hatte. »Songs My Brothers Taught Me« lässt sich in mancher Hinsicht als Pendant zu »Nomadland« verstehen: Wie in dem Oscar-Favoriten dient hier der dünn besiedelte US-amerikanische Westen, in diesem Fall die Pine Ridge Indian Reservation in South Dakota, als Handlungsort. Während Zhaos aktueller Film in der Frage mündet, ob die wohnungslos durchs Land fahrende Hauptfigur jemals wieder sesshaft werden wollte, wenn sie es denn könnte, steht der Protagonist hier wiederum vor der Entscheidung, ob er seinen armseligen Geburtsort hinter sich lassen kann: Als das Ende der gemeinsamen Schulzeit naht, plant Johnny (John Reddy) heimlich, seiner Freundin Aurelia (Taysha Fuller) nach Los Angeles zu folgen, wo sie ein Jurastudium beginnen wird.

Diese Ausgangskonstellation hat die Regisseurin, die bei beiden Filmen auch für Drehbuch, Produktion und Montage verantwortlich zeichnet, in Interviews mit der eigenen Biographie in Verbindung gebracht: Die 1982 in Beijing geborene Tochter eines Fabrikleiters und anschließenden Großunternehmers zog es schon mit 15 Jahren in die Ferne, auf ein Internat in England, bevor sie in den USA Politikwissenschaften studierte. Durchaus selbstkritisch räumt sie ein, dass sie ein späteres Filmstudium an der New York University (unter anderem bei Spike Lee) der privilegierten Gelegenheit zur Selbstsuche verdankte.

Zunächst war es offenbar bloß Neugier, geweckt durch eine Fotoreportage, die sie in das ausgedehnte Reservat des Oglala-Lakota-Stammes verschlug. Allerdings hat die Filmemacherin dort über die Dauer von drei Jahren, während sie mit ihrem Lebensgefährten und regelmäßigen Kameramann Joshua James Richards ergebnislos ein anderes Filmprojekt vorantrieb, immer wieder monatelang gelebt und vorübergehend als Aushilfslehrerin gearbeitet – was wohl die informelle Voraussetzung dafür schuf, vor Ort kurzfristig »Songs My Brothers Taught Me« drehen zu können.

Dabei mag stereotyp wirken, dass der in Pine Ridge grassierende Alkoholismus zum Gegenstand eines lockeren Erzählstranges wird. Allerdings ergibt sich ein ungewohnter Reiz aus dem Umstand, dass vor dem Hintergrund des dortigen Verkaufsverbotes für alkoholische Getränke Johnnys Handel mit Bierdosen und Schnapsflaschen so inszeniert werden kann wie sonst das Dealen mit Heroin oder Koks.

Derweil ist nicht zu übersehen, dass Zhao und Richards dem lyrischen Impressionismus Terrence Malicks (»Badlands«, 1973; »The Tree of Life«, 2011) nacheifern, wenn die Handkamera kurzen Streifzügen folgt, die Johnny mit Aurelia oder seiner elfjährigen Schwester Jashaun (Jashaun St. John) im stimmungsvollen Abendlicht durch erhabene Landschaften unternimmt. Ebenso unverkennbar dienen kurze Montagesequenzen zu Beginn und zum Schluss dem dünnen Plot als dramaturgische Klammer, wobei ein paar raunende Off-Kommentare Johnnys die desolaten Verhältnisse am Handlungsort zu »Wildheit« verklären. Von diesem Punkt lässt sich eine weitere Linie zu »Nomadland« ziehen, wo der zähe Überlebenskampf wohnungsloser Senioren schließlich allzu undifferenziert mit dem Mythos eines uramerikanischen Freiheitsdranges kurzgeschlossen wird.

Mit Zhaos drittem Film verbindet das Debüt, das laut der Filmemacherin für bescheidene 100.000 Dollar mit einem kleinen, achtköpfigen Team entstand, auch der Umstand, dass die Darsteller größtenteils Laien sind und oft an realen Handlungsorten eine Version ihres jeweiligen Selbst verkörpern. Dabei ist das Verhältnis zu Profischauspielern hier allerdings umgekehrt: Diese sind, anders als in »Nomadland«, wenig prominent und treten nur in Nebenrollen auf.

Zwar scheint die Schätzung der Filmemacherin, dass ihr Debüt zu 40 Prozent dokumentarisch sei, etwas übertrieben, aber man ahnt, dass manche Szene nicht inszeniert ist. Als Jashaun St. Johns Elternhaus unvermittelt abbrannte, gab das laut Zhao den spontanen Anstoß zu einem Handlungsstrang, in dem beide Geschwister mit dem Unfalltod eines jahrelang abwesenden Vaters konfrontiert werden. Entsprechend authentisch sind offenbar Momente, in denen das Mädchen verkohlte Habseligkeiten aufsammelt. So zeichnet sich immerhin stellenweise schon die zauberhafte Selbstverständlichkeit ab, mit der Zhao dann in ihrem zweiten, ebenfalls in Pine Ridge gedrehten Spielfilm »The Rider« (2017) aus dem rauen Leben ihrer Laiendarsteller einen zarten Plot ableitete, der – auch von »Nomadland« unerreicht – Westernmythen subtil in Realismus spiegelte.

»Songs My Brothers Taught Me«, Regie: Chloé Zhao, USA 2015, 98 Minuten, auf Mubi

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