1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 12. / 13. Juni 2021, Nr. 134
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 6 / Ausland
Tschad

Der Sohn übernimmt

Tschad: Nach Tod von Langzeitpräsident Déby drohen Rebellen mit Marsch auf Hauptstadt. Frankreich trauert mit
Von Georges Hallermayer
444.JPG
Tschadischer Panzer vor dem Präsidentenpalast in N'Djamena (19.4.2021)

Idriss Déby Itno wurde nachgesagt, er wolle bis 2033 den Tschad regieren. Die Nationale Wahlkommission hatte ihn noch am 20. April offiziell zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt – und damit dem 68jährigen nach 30 Jahren im Amt eine sechste Amtszeit eröffnet. Doch kurz darauf wurde bekannt, dass Déby überraschend bei einem Gefecht nördlich der Region Kanem gegen die oppositionelle »Front für Wandel und Eintracht im Tschad« (FACT) gestorben war. Ein angeforderter Rettungshubschrauber kam für den verletzten Präsidenten zu spät.

Déby befand sich an der Front, weil die mit türkischen und russischen Waffen ausgerüstete Truppe der nomadischen Gorane am 11. April aus Libyen in den Norden des Tschads eingedrungen war, um die »Region Tibesti zu befreien«. Der Hintergrund: Im September vergangenen Jahres war ein im November 2019 geschlossener Friedensvertrag vom »Selbstverteidigungskomitee« von Tibesti aufgekündigt worden. Das hatte bemängelt, die Einkünfte aus den Goldminen der Region würden nur in die Taschen der Präsidentenfamilie und in den Militärhaushalt fließen.

Nach dem Tod von Déby haben die USA und Großbritannien ihre Landsleute dazu aufgerufen, das Land zu verlassen – aus Angst vor Unruhen. In der Hauptstadt hat nun eine Militärjunta aus 15 Generälen die Macht übernommen. Deren Übergangsrat amtiert interimsweise 18 Monate, den Vorsitz hat Débys Sohn, General Mahamat Déby Itno, übernommen. Die Regierung und das Parlament wurden aufgelöst und die Verfassung suspendiert. Der 37jährige Übergangspräsident erklärte, »neue Institutionen einzusetzen und freie, demokratische und transparente Wahlen zu organisieren«. Wirtschaftssanktionen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (CEDEAO) muss Tschads Militärführung nicht befürchten, da das Land nicht Mitglied der Organisation ist. Druck dagegen wird von der FACT kommen. Laut Reuters vom Mittwoch erklärte die Rebellengruppe: »Der Tschad ist keine Monarchie. In unserem Land kann es keine dynastische Machtübertragung geben.« Zudem drohte sie damit, auf die Hauptstadt zu marschieren.

Obwohl die Rebellen einen Teil ihrer Truppen und Ausrüstung verloren haben, verfügen sie immer noch über mehrere Basen und Schätzungen zufolge 1.000 bis 1.500 Kämpfer. Parallel zur FACT bereiten sich nun auch andere militärische Gruppen auf Kämpfe vor. Die 2019 gescheiterten »Vereinigten Kräfte des Widerstands« (UFR) forderten unterdessen aus dem Exil im katarischen Doha Gespräche zwischen allen Parteien innerhalb von drei Monaten, um Übergangsorgane zu installieren, die »echten Frieden und nationale Versöhnung garantieren«.

In Paris ist man derweil besorgt. Mit dem Tod des tschadischen Präsidenten habe »Frankreich einen zentralen Verbündeten der ›Operation Barkhane‹ im Sahel verloren«, schrieb die Tageszeitung Le Monde am Mittwoch. Doch diese Befürchtung dürfte grundlos sein. Die Militärmission in Mali wird weiterhin von N’Djamena aus gelenkt werden. Dafür wird auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sorgen, der an diesem Freitag an den Trauerfeierlichkeiten für Déby Itno in N’Djamena teilnehmen wollte, um dem Militärrat den Rücken zu stärken.

Die Militärs können außerdem auf den Internationalen Währungsfonds zählen: Die Restrukturierung der Schulden bleibt unangetastet, auch ein Milliardenkredit bei Glencore ist sicher. Bei der Bevölkerung kommt davon allerdings wenig an: 80 Prozent der Menschen im Land leben unterhalb der Armutsgrenze, 39,7 Prozent sind unterernährt. Im Tschad leben zudem rund 480.000 Flüchtlinge und fast 340.000 Binnenvertriebene. Die Lebenserwartung liegt im Durchschnitt bei nur 48 Jahren. Gut möglich, dass sich daher in den kommenden Wochen noch andere Gruppen zu Wort melden, beispielsweise die Bewegung »Ça suffit« (Es reicht).

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Nicht auf der gleichen Wellenlänge: Deutsche und französische Mi...
    09.04.2021

    Streit um Kriegspolitik

    Uneinigkeit in EU über Militär- und Rüstungsprojekte. Eiszeit zwischen Paris und Berlin
  • Soldaten aus Frankreich und Mali während einer Patrouille im Dre...
    17.02.2021

    Düstere Prognosen

    Wird aus Sahel das neue Afghanistan? Kriegsmaschinerie vor Ort lässt das befürchten
  • Schutz der Zivilbevölkerung nicht oberste Priorität: Soldaten de...
    28.06.2019

    Gekommen, um zu bleiben

    Anhaltende Militärpräsenz Frankreichs im Sahel. Kampf gegen Dschihadisten nur vordergründiges Ziel

Mehr aus: Ausland