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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 4 / Inland
Angst vor Revolutionsführer

Leninstatue soll ins Depot

Sachsen-Anhalt: Stadtrat in Eisleben lehnt Wiederaufstellung und Bürgerbefragung ab
Von Carlos Gomes
Lenin_Eisleben.JPG
Die Eislebener Leninstatue noch im Deutschen Historischen Museum (undatiert)

Am Donnerstag jährte sich der Geburtstag des russischen Revolutionsführers zum 151. Mal. Die Eislebener Leninstatue im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zeigt ihn mit einem kühnen, siegessicheren Blick nach vorne. Seit der letzten Restaurierung vor einigen Jahren glänzt sie wieder in alter Pracht. Aus historischer und künstlerischer Sicht ist es ein großer Verlust, dass sie nun in einem Depot verschwinden wird. Das hat der Stadtrat des sachsen-anhaltischen Eisleben vergangene Woche beschlossen und somit ein weiteres Kapitel der Geschichte des unwürdigen Umgangs mit dem kulturellen Erbe der DDR geschrieben. Sowohl der Vorschlag zur Wiederaufstellung des Denkmals als auch die Idee einer Bürgerbefragung zum Thema wurden abgelehnt.

Bei dieser Plastik von Matwej Maniser handelt es sich um eine der ersten Leninstatuen überhaupt. Sie wurde 1926 in der sowjetischen Stadt Puschkin errichtet. Während des Zweiten Weltkriegs verfrachtete die Wehrmacht diese Bronzeskulptur zur Einschmelzung und Wiederverwertung durch die Rüstungsindustrie nach Deutschland. Das Denkmal blieb allerdings unversehrt. Als im Juli 1945 in Eisleben der Wechsel der Besatzungstruppen von der US-Armee an die Rote Armee erfolgte, stellten einige Bürger das Leninstandbild zur Begrüßung an einem zentralen Platz auf. Nachdem die Herkunft des überraschenden Denkmals geklärt war, schenkte die sowjetische Militärverwaltung die Statue der Stadt als Zeichen der Freundschaft zwischen beiden Völkern. Im Gegenzug erhielt Puschkin Jahre darauf von der DDR ein Thälmannstandbild, das auch heute noch dort steht.

In Eisleben hingegen wurde die Leninstatue 1991 trotz ihrer einzigartigen Chronik und ihres Werts als Zeugnis der Russischen Revolution, des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Hitlerfaschismus abmontiert und ins Deutsche Historische Museum gebracht. Dort war sie viele Jahre im Foyer zu sehen. Infolge der Umstrukturierung des Museums soll die Skulptur jetzt im Depot landen, so dass das DHM der Lutherstadt das Angebot machte, ihr das fast drei Tonnen schwere Denkmal zurückzugeben und die Kosten für den Transport zu übernehmen. Angesichts der Uneinigkeit im Eislebener Stadtrat schlugen die Fraktionen von Die Linke und Die PARTEI eine verbindliche Bürgerbefragung zur Wiederaufstellung des Standbilds vor.

Bei der entscheidenden Sitzung in der vergangenen Woche lehnte die Mehrheit der Stadtabgeordneten die Durchführung der Befragung jedoch ab. Schließlich gibt es in Deutschland schon zwei Präzedenzfälle, in denen sich die Bevölkerung zugunsten des Erhalts der Leningedenkstätten entschied. So war es 2011 in Bützow (Mecklenburg-Vorpommern) und 2015 in Hellingen (Thüringen). Das galt es jetzt wohl zu verhindern.

Die Argumente gegen die Befragung waren zum Teil haarsträubend. Für Jürgen Grobe (Fraktion SPD/Grüne/FFW/FBM) sei die Rückkehr der Leninstatue ein zu komplexes Thema für eine Befragung, während Thomas Fischer (Fraktion CDU/FDP) bei einem möglichen Plebiszit gar die Logik des Kommunalwahlsystems in Frage gestellt sah. In einem Kommentar in der Mitteldeutschen Zeitung vom 15. April hatte sich das Blatt ebenfalls gegen das Referendum ausgesprochen und eingestanden, dass wahrscheinlich die Mehrheit für die Rückholung des Denkmals stimmen würde. Das wäre angesichts »der demografischen Verhältnisse in Eisleben« ungerecht. Schließlich würden viele ältere Menschen über etwas entscheiden, von dem letztendlich »die jüngeren Generationen deutlich mehr betroffen gewesen wären«. Die Entscheidung gegen den Erhalt dieses historischen Denkmals trägt einmal mehr zur Schau, wie sehr sich manche heute noch, 151 Jahre nach Lenins Geburt, vor der symbolträchtigen Figur des sowjetischen Revolutionsführers fürchten.

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  • Leserbrief von Dr. sc. Heinz Günther aus Berlin ( 5. Mai 2021 um 09:59 Uhr)
    Der Sowjetsoldat Nikolai Massalow hatte in den letzten Kriegsstunden in dramatischer Situation und unter akuter Gefährdung seines eigenen Lebens in Berlin das Leben eines kleinen Mädchens vor dem sicheren Tod gerettet. Dafür wurde ihm später die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin verliehen. Wie nun verlautet, hat der Berliner Senat dem Sowjetsoldaten Massalow die Wiedereinsetzung seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkannt. Die Begründung dafür, es solle künftig nur für kulturelle und wissenschaftliche Leistungen die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen werden, ist m. E. so primitiv wie haltlos. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hinter dieser Entscheidung politische Ambitionen verbergen.
    Kann man vor dem Hintergrund der Befreiung eines ganzen Landes von Tod und Vernichtung in einer solchen herausragenden Tat, junges Leben zu retten, eine höhere humanistisch–kulturelle Symbolwirkung für alle Zeiten empfinden? Es gehört m. E. nicht viel Empfindungsgabe dazu, zu erkennen, das das Argument nur einem massiv gestörten Verhältnis zu Humanität, Ethik und einer gesellschaftlichen Grundhaltung entsprungen sein kann. Oder verbirgt sich dahinter die leider schon Mode gewordene Neigung, Sympathieerweise für alles »Russische« abzubauen und auch in dieser Hinsicht überseeische Verbundenheit zu bekunden? Wenn heutige Mitglieder des Senates aus Mangel an gesellschaftlicher Erfahrung nicht nachempfinden können, was frühere Senatsmitglieder bei ihrer Entscheidung bewegt hat, so sollten sie sich nicht anmaßen, deren Empfindung und Erkenntnis zu unterlaufen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. (23. April 2021 um 19:52 Uhr)
    1. Es ist so offensichtlich, dass die Gründe gegen eine Bürgerbefragung an den Haaren herbeigezogen sind und es einzig darum geht, zu verhindern, dass sich am Ende womöglich eine Mehrheit gegen die Pläne der rechten Parteien ausspricht. Soviel zum Thema Demokratie.
    Ich meine, man lasse es sich auf dem Hirn zergehen: Ein CDU-Politiker argumentiert damit, dass bei der Befragung höchstwahrscheinlich viel mehr ältere Semester teilnehmen würden als jüngere und es daher ungerecht wäre, weil damit die älteren Generationen unfairerweise das Leben der jüngeren prägen, die doch den Großteil ihres Lebens noch vor sich haben und daher von den Konsequenzen von Wahlen stärker betroffen sind. Das sagt ein CDU-Politiker! Die CDU, die Partei, deren Wähleranteil positiv mit dem Alter korreliert, je älter die Wähler, desto höher der CDU-Anteil, und deren Macht sich maßgeblich auf ihren Zuspruch bei den über 60jährigen stützt, die – wie gesagt – überproportional stark CDU wählen und auch überproportional häufig an Wahlen teilnehmen. (https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2017-09-24-BT-DE/umfrage-alter.shtml)
    2. Es sind dieselben Bürgerlichen, die laut aufschreien, wenn »Linke« (Linke in Anführungszeichen, weil es ausdrücken soll, dass es das ist, was sich Bürgerliche unter »links« vorstellen) Statuen aus der Kolonialzeit oder sonstigen ruhmreichen Epochen der deutschen Geschichte einmotten wollen oder zumindest leise die Nase rümpfen, wenn die historischen Persönlichkeiten, um die es geht, selbst für Normalbürgerliche etwas zu problematisch sind, also zu nazinah oder zu sehr in Massenmorde verstrickt zum Beispiel, und man daher schlecht ihre Taten verteidigen kann, also muss man in dem Fall eher abstrakt mit »Erhalt der deutschen Geschichte« argumentieren, mit all ihren Schattenseiten. Interessanterweise wollten sie das wohl nicht für eine Leninstatue gelten lassen. Ich meine, sie hätten ja eine Plakette anbringen können, die die Besucher belehrt, was Lenin aus Sicht der offiziösen BRD-Geschichtsdeutung so alles »Schlimmes« getan hat. Und man hätte das ganze sogar als antikommunistisches »Mahnmal« an das bürgerliche Publikum verkaufen können.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Raimon B. (23. April 2021 um 13:39 Uhr)
    Mit diesem Beitrag wird wieder überdeutlich, dass die bürgerlichen Parteien auch auf kommunaler Ebene verbissen den Kampf um eine ihnen genehme Bewertung der Geschichte führen. Sie wollen damit auch alles ausmerzen, was für eine gesellschaftliche Alternative gegenüber dem Kapitalismus stehen könnte. Nichts ist ihnen gemein genug, um das Gedenken an historische Persönlichkeiten, die sich für eine friedfertige und soziale Gesellschaftsordnung eingesetzt haben öffentlich zu diskreditieren. Dafür opfern sie auch die bürgerliche heilige Kuh des Plebiszits auf dem Altar des Stadtrates von Eisleben. Die von ihnen vielfach propagierte Freiheit einer demokratischen Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger wird per Beschluss nicht zugelassen. Ja, haben die Stadträtinnen und Stadträte der ablehnenden Fraktionen sowenig Vertrauen in das von ihnen viel beschworene Volk? Haben sie Angst, dass ihre Argumente nicht überzeugen und die Stadtgesellschaft sich ihrer Geschichte im ersten sozialistischen deutschen Staat erinnert und Lenin den Platz zuweist, der ihm zukommt?
    Die Ablehnung einer aktiven Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger durch gewählte »Volksvertreter« des Eislebener Stadtrates ist ein undemokratischer Akt und stellt eine Art Entmündigung dar.
    Raimon Brete, Josephinenplatz 1, 09113 Chemnitz

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Raimon Brete, Chemnitz: Unbequeme werden entsorgt Tief betroffen bin ich von der Entscheidung des Stadtrates von Eisleben, die Wiederaufstellung des stadteigenen Lenindenkmals abzulehnen und ein dafür mögliches Plebiszit zu verweigern. Mit diesem Bes...

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