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Aus: Ausgabe vom 23.04.2021, Seite 2 / Ausland
Armenische Kriegsgefangene

»Glaube nicht, dass man alle freilassen wird«

Aserbaidschan: Noch immer viele Armenier in Gefangenschaft. Genaue Anzahl nicht bekannt. Ein Gespräch mit Ashkhen Arakelyan
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Armenische Kriegsgefangene werden für einen Austausch per Bus transportiert (Jerewan, 14.12.2020)

Sie sind nach dem Ende der militärischen Aggression gegen die international nicht anerkannte »Republik Arzach« im November 2020 nach Armenien gereist, um ehemalige Kriegsgefangene zu interviewen. Was können Sie darüber berichten?

Einer der Gefangenen ist ein guter Freund von mir. Als er am 8. Juli 2020 von aserbaidschanischen Soldaten gefangen genommen wurde, hat mich das wirklich schockiert. Nach sechs Monaten Gefangenschaft wurde er nach dem blutigen Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien entlassen. Am Telefon erzählte er mir, wie schwer er misshandelt wurde. Es wurden in einer Gruppe 45 armenische Kriegsgefangene, darunter mein Freund Narek, aus der Haft entlassen.

Unter den Inhaftierten gab es auch ältere Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, die gar nicht aktiv am Krieg teilgenommen haben. Viele wurden ohne jegliche Beteiligung am Krieg umgebracht. Es handelt sich um einen allgemeinen Hass auf die armenische Bevölkerung.

Wie ist die aktuelle politische Situation in Arzach und Armenien?

Die Situation in Armenien ist politisch sehr polarisiert. Es gibt sehr wenig Vertrauen in die Regierung, und generell ist die ganze Atmosphäre sehr angespannt. Es existiert eine große Unsicherheit sowohl in Arzach als auch in Armenien. Eines der Hauptprobleme für die Menschen in Arzach und in Sjunik, die aus den Dörfern stammen, ist der Verlust der Viehzucht als ihrer wichtigsten Lebensgrundlage. Da viele Gebiete eingenommen wurden, wissen die Leute nicht, wo ihre Tiere weiden können. Viele Teiche, Seen und Flüsse wurden entweder zu aserbaidschanischem Grenzgebiet oder gänzlich annektiert. Die Folge ist Armut. Es herrscht große Verunsicherung über Verhandlungen zur Öffnung des berühmten Korridors durch Sjunik, was zu einer direkten Bedrohung für die Armenier in diesem Gebiet führen würde – womöglich einer »ethnischen Säuberung«.

Wie viele Kriegsgefangene gibt es aktuell noch in aserbaidschanischen Gefängnissen? Ist mit ihrer baldigen Freilassung zu rechnen?

Die Anzahl bleibt unklar. Laut einem von Human Rights Watch veröffentlichten Bericht gibt es 240 Fälle von angeblichen Kriegsgefangenen und zivilen Gefangenen. Die armenische Führung sagte, dass Aserbaidschan seit dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan bisher 69 Kriegsgefangene und Zivilisten entlassen hat. Ich glaube nicht, dass Aserbaidschan alle freilassen wird. Erstens, weil der aserbaidschanische Präsident Ilcham Aliew bereits angekündigt hat, dass sie keine Kriegsgefangenen, sondern Terroristen seien, zweitens hat es bisher keine einzige Sanktion gegen Aserbaidschan gegeben aufgrund der vielen Menschenrechtsverletzungen. Der dritte Grund ist, dass es ein reiches Land ist, in dem es nicht nur selbst Korruption gibt, sondern das auch andere einflussreiche Länder korrumpiert.

Aserbaidschan ignoriert die »Dritte Genfer Konvention« und bleibt ohne irgendwelche Sanktionen. Hier herrscht das Recht des Stärkeren, das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Sichtbare Verhandlungen der Regierung gibt es nicht. Der vom Parlament gewählte Human Rights Defender Armeniens, Arman Tatojan, verhandelt jedoch seit dem »Ende« des Krieges aktiv mit dem UN-Generalsekretär, mit dem Roten Kreuz, mit Russland, dem Europäischen Gerichtshof und weiteren Akteuren.

Was wird in Ihrem Buch zu lesen sein, und wann soll es erscheinen?

Hätte Franz Werfel das berühmte Buch »Die vierzig Tage des Musa Dagh« nicht geschrieben, hätten viele über den Völkermord an den Armeniern, über die »ethnische Säuberung«, die sie durchgemacht haben, nichts erfahren. Mit meinem Besuch und den Interviews, die ich mit 14 ehemaligen armenischen Kriegsgefangenen geführt habe, will ich ihre Erinnerungen dokumentieren. Das Buch ist ein Mittel, um den ehemaligen armenischen Kriegsgefangenen eine dauerhafte Stimme zu geben. Die Welt soll von den unmenschlichen Erlebnissen erfahren, die schwere psychische und physische Verletzungen hinterlassen haben. Ich werde mein Bestes tun, damit es bis Ende des Jahres erscheint.

Ashkhen Arakelyan stammt aus Armenien. Sie engagiert sich im Deutsch-Armenischen Studentenklub HAIK e. V. und arbeitet an einem Buch über armenische Kriegsgefangene

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