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Aus: Ausgabe vom 22.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Sichewre Profite

Kriegswaffen krisensicher

Umsatz und Profit bei Lockheed Martin und Boeing: Große US-Rüstungskonzerne kommen prächtig durch die Pandemie
Von Jörg Kronauer
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Läuft bombig: Rüstungsgüter pflastern symbolisch den Weg (Farnborough, England, 17.7.2018)

Krise? Welche Krise? Die großen US-Rüstungskonzerne wachsen, als hätte da nicht gerade eine Pandemie das Land überrollt und die Wirtschaft im vergangenen Jahr dramatisch einbrechen lassen. Jüngstes Beispiel: Lockheed Martin. Der Konzern aus Bethesda (Maryland) im Speckgürtel der US-Hauptstadt, der – gemessen am Wert – mehr Kriegsgerät produziert als jedes andere Unternehmen weltweit, eilt von Geschäftserfolg zu Geschäftserfolg und konnte am Dienstag erneut einen Anstieg seines Umsatzes von 15,7 Milliarden US-Dollar (knapp 13,1 Milliarden Euro) im ersten Quartal 2020 auf 16,3 Milliarden US-Dollar im ersten Vierteljahr 2021 bekanntgeben. Auch der Quartalsprofit stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum, von 1,7 auf rund 1,8 Milliarden US-Dollar. Analysten gehen davon aus, dass der Trend anhält. Hatte Lockheed Martin seinen Umsatz schon im vergangenen Jahr steigern können – von 59,8 Milliarden US-Dollar 2019 auf 65,4 Milliarden US-Dollar 2020 –, so sehen Prognosen den Konzernumsatz im laufenden Jahr bei 68,1 Milliarden US-Dollar. Und das Quartalsergebnis zeigt es: Satte, milliardenschwere Gewinne sind auch 2021 garantiert.

Dies um so mehr, als die Auftragsbücher bei Lockheed Martin unverändert voller werden. Das Portfolio des Konzerns, der zwar auch einige nichtmilitärische Produkte vertreibt, aber annähernd 90 Prozent seines Umsatzes mit dem Verkauf von Rüstungsgütern erzielt, passt zu den weltweit eskalierenden Spannungen und zum Kriegskurs der US-Regierung wie die Faust aufs Auge. Einer der bekanntesten Lockheed Martin-Kassenschlager: F-35, ein Tarnkappen-Kampfjet der jüngsten, fünften Generation, den nicht nur die US-Streitkräfte, sondern auch diverse NATO-Mitglieder von Großbritannien über Polen bis Italien sowie weitere US-Verbündete bestellt haben. Zuletzt gab die Biden-Administration für die Lieferung von 50 Stück F-35 an die Vereinigten Arabischen Emirate grünes Licht. Lockheed Martin hat kürzlich den Auftrag erhalten, für 3,7 Milliarden US-Dollar ein US-Raketenabwehrsystem zu modernisieren, und konkurriert mit Northrop Grumman, dem Konzern mit dem drittgrößten Rüstungsausstoß weltweit, um den Bau einer neuen, zwölf Milliarden US-Dollar teuren Raketenabwehr. Darüber hinaus profitiert das Unternehmen von der wichtiger werdenden Kriegführung im Weltraum: Vor wenigen Tagen hat es neue militärische Satelliten vorgestellt, die etwa feindliche Ziele auf dem Schlachtfeld in Echtzeit verfolgen und die zu Lande, zu Wasser und in der Luft kämpfenden Truppen mit Informationen versorgen.

Welche Bedeutung das Geschäft mit dem Krieg in der Krise erreichen kann, zeigt das Beispiel des Konzerns mit dem zweitgrößten Rüstungsausstoß weltweit, Boeing. Das Geschäft des Unternehmens brach im vergangenen Jahr drastisch ein: Der Umsatz sank von 76,6 Milliarden US-Dollar 2019 auf nur noch 58,1 Milliarden US-Dollar 2020 – ein Minus von 24 Prozent. Der Absturz, verursacht durch den weitgehenden Stillstand der Luftfahrt während der Covid-19-Pandemie, wäre erheblich stärker ausgefallen, wäre es Boeing nicht gelungen, wenigstens in seiner Rüstungssparte ein Plus zu erzielen – einen Umsatzanstieg von 26,1 auf immerhin 26,3 Milliarden US-Dollar. Und während die Herstellung ziviler Flugzeuge immer noch tief in der Krise steckt, kann das Unternehmen sich auf Aufträge der Militärs verlassen. Zwar zog es im Kampf um den Auftrag zum Bau des erwähnten zwölf Milliarden teuren Raketenabwehrsystems gegen Lockheed Martin und Northrop Grumman den Kürzeren, darf nun aber das altbewährte »Patriot«-System für fast eine Milliarde US-Dollar modernisieren. Außerdem hofft der Konzern auf künftige Profite aus dem Verkauf seiner neuen Betankungsdrohne, die im vergangenen Jahr erfolgreich Tests absolviert hat. Einige Milliarden steuert auch Deutschland bei: Die Bundeswehr bestellt 45 Stück der F-18-Kampfflugzeuge aus dem Hause Boeing, unter anderem für den etwaigen Einsatz der in Büchel gelagerten US-Atombomben.

Wohin es dagegen führen kann, wenn es mit dem Kriegsgeschäft nicht mehr so rund läuft, zeigt Halliburton. Der Konzern aus Houston (Texas) ist bis heute dafür bekannt, dass er gewaltig an US-Kriegen verdiente, als sein Exchef (er arbeitete 1995 bis 2000 für das Unternehmen) Richard (Dick) Cheney als US-Vizepräsident (2001 bis 2009) amtierte. So erhielten Halliburton und seine damalige Tochterfirma KBR milliardenschwere Aufträge im besetzten Irak. Nachdem dies einen größeren Skandal ausgelöst hatte, trennte der Konzern sich im Jahr 2007 von KBR, und während KBR heute Geschäfte verschiedenster Art mit dem Pentagon macht, konzentriert sich Halliburton stark auf seine Tätigkeit als Dienstleister rund um die Ölförderung. Die Coronakrise und das Schwächeln der US-Frackingbranche haben dem Unternehmen zuletzt Einbrüche beschert: Der Umsatz im ersten Quartal 2021 belief sich auf 3,45 Milliarden US-Dollar, 6,6 Prozent mehr als im vierten Quartal 2020, aber immer noch rund ein Drittel weniger als im eigentlichen Vergleichszeitraum, dem ersten Quartal 2020 (5,04 Milliarden US-Dollar). Es fehlt, so scheint es, an krisenfesten, in politischen Krisen sogar steigenden Aufträgen aus den Streitkräften und aus neu eroberten Staaten wie einst aus dem Irak.

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