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Aus: Ausgabe vom 22.04.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Free Mumia Abu-Jamal!

»Mumia klang stark«

Abu-Jamal nach Herzoperation offenbar in stabilem Zustand. UN-Menschenrechtsexperten äußern Bedenken über Wohlergehen des politischen Gefangenen
Von Jürgen Heiser
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»Nächste Tage, Wochen und Monate werden für Mumias Genesung entscheidend sein«: Protest in Philadelphia (2010)

Der US-Bürgerrechtler Mumia Abu-Jamal hat seine Herzoperation am Montag nachmittag (Ortszeit) gut überstanden. Das erfuhren die für seine medizinische Haftbetreuung zuständigen Anwälte laut einer Mitteilung von Prison Radio am Dienstag morgen. Am Abend konnte Abu-Jamal seine Frau Wadiya anrufen, die bereits seit dem Morgen vom guten Verlauf des Eingriffs wusste, aber gesagt hatte: »Ich werde erst wirklich wissen, ob es ihm gut geht, wenn ich direkt von ihm höre.« Nach dem Telefonat sagte sie der Solidaritätszeitung Jamal Journal, beide hätten »ein gutes Gespräch« gehabt und »Mumia klang stark«.

Die Ärzte des Herzzentrums einer namentlich nicht genannten Klinik hatten den Anwälten kurz berichtet, Abu-Jamal befinde sich nach der Operation am offenen Herzen auf der Intensivstation. Die Operation sei erfolgreich verlaufen. »Es gab keine Komplikationen.« Der Patient werde »minimal mit Sauerstoff und einer Infusion« versorgt.

Beredtes Schweigen

»Die nächsten Tage, Wochen und Monate werden für Mumias Genesung entscheidend sein«, sagte Noelle Hanrahan von Prison Radio. Sie fügte hinzu, Abu-Jamals Haftbedingungen hätten zu seiner Herzerkrankung beigetragen. »Er wurde über ein Jahr lang in Isolationshaft gehalten, ohne die Möglichkeit, sich beim Hofgang körperlich zu betätigen«. Wie seine Mithäftlinge habe er wegen der Coronapandemie den Zellentrakt nicht verlassen dürfen und nur »in seiner sehr kleinen Zelle hin und herlaufen« können, so die Radioproduzentin.

Aus diesen Gründen fordern die Komitees der »Free Mumia«-Solidaritätsbewegung einhellig »von den Verantwortlichen in der Klinik und in der Gefängnisbehörde von Pennsylvania«, Abu-Jamal solle während seiner Genesung von der Herzoperation »nicht in seinem Krankenhausbett fixiert werden«. Prison Radio zitierte die Forderungen, wonach sich der 66jährige während seiner Erholung von der schweren Operation an der frischen Luft bewegen und eine Ernährung erhalten müsse, die zur Gesundung seines Herzens beitrage. Die Initiativen erwarteten dazu »die Bereitstellung eines entsprechenden Rehaplans zur Wiederherstellung seiner Gesundheit«. Zur Klärung all dessen müsse Abu-Jamal endlich Gelegenheit bekommen, mit seinem Vertrauensarzt Ricardo Alvarez zu sprechen.

In diesem Zusammenhang äußerten UN-Menschenrechtsexperten am Dienstag in Genf »ernsthafte Bedenken über die Behandlung und das Wohlergehen von Mumia Abu-Jamal« wegen dessen Fesselung ans Krankenhausbett. Sie forderten die US-Behörden zusätzlich auf, seine »Kommunikation mit Familie und Beratern« und allen, »die mit seinem Gesundheitszustand und seinen Haftbedingungen zu tun haben, sofort wieder herzustellen«. Außerdem müssten die Behörden sich »dringend mit den Vorwürfen der Diskriminierung, einschließlich der rassistischen, bei der medizinischen Behandlung von Gefangenen in Pennsylvania befassen«, um »die körperliche Unversehrtheit und das Leben aller Gefangenen zu schützen, insbesondere älterer Gefangener«, die »unverhältnismäßig stark von Covid-19 betroffen sind«, so die Experten.

Während im Fall des rechten russischen Populisten Alexej Nawalny die westlichen bürgerlichen Medien unisono den Gesundheitszustand des Oppositionellen zur Lebensgefahr hochstilisieren, und höchste Regierungsstellen auch in Berlin ultimativ fordern, Nawalny müsse »endlich von seinen Vertrauensärzten behandelt und freigelassen werden«, herrscht im Fall Mumia Abu-Jamals beredtes Schweigen. Sicher kann man mit Schlagzeilen über Abu-Jamal keine Sanktionen gegen Konkurrenten auf dem Weltmarkt begründen oder gar Kriegspropaganda lancieren, aber bezeichnen Nawalnys Unterstützer in der BRD die Menschenrechte nicht als unteilbar?

»Das letzte i-Tüpfelchen«

Seit den 1990er Jahren ist nur in dieser Zeitung konsequent über die 40jährige Geschichte des Unrechtsurteils gegen einen der wichtigsten Sprecher der außerparlamentarischen Opposition der USA berichtet worden. Kurz vor seiner Verhaftung hatte die »Vereinigung schwarzer Journalisten« in Philadelphia ihn noch zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Seine Artikel und Radiobeiträge über Korruption und Polizeigewalt waren mit Preisen ausgezeichnet worden. Das FBI hingegen legte bereits eine Akte über ihn an, als er mit 16 Jahren Pressesprecher der Black-Panther-Party in Philadelphia wurde.

Nach der antifaschistischen VVN/BdA ist nun die Partei Die Linke die zweite gesellschaftliche Organisation der BRD, die Gerechtigkeit für Abu-Jamal fordert. Ulla Jelpke, die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, nannte ihn am Mittwoch gegenüber jW »das derzeit prominenteste Opfer der durch und durch rassistisch geprägten Klassenjustiz in den USA«. Trotz »unzähliger Beweise für seine Unschuld« bleibe Abu-Jamal weiter in Haft. Ein »neuer fairer Prozess« werde ihm »auf Druck faschistoider Polizeibruderschaften bislang verweigert«. Wie Abu-Jamals Anwälte vermutet auch Jelpke dahinter »die Absicht der Regierenden und der Justizverwaltung in Pennsylvania, den schwer erkrankten Bürgerrechtsaktivisten im Gefängnis sterben zu lassen«.

Die menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Zaklin Nastic, sagte jW, es mache sie »fassungslos, dass die US-Behörden weiter Mumia Abu-Jamals Gesundheit gefährden«. Sie sieht darin »das letzte i-Tüpfelchen auf den rassistisch motivierten 40jährigen Justizskandal gegen den unschuldigen Journalisten«. Abu-Jamal, der indigene Bürgerrechtler Leonard Peltier, der frühere Black Panther Sundiata Acoli und viele andere müssten »sofort aus den unmenschlichen Bedingungen in US-Haftanstalten entlassen und für das ihnen angetane Unrecht entschädigt werden«, so Nastic.

Hintergrund: Freedom Weekend

Unter dem Slogan »Alle auf die Straße für Mumia!« mobilisiert die US-Kampagne für Mumia Abu-Jamal zusammen mit der internationalen Solidaritätsbewegung ein »Freedom Weekend« für das verlängerte Wochenende vom 23. bis zum 25. April. Anlass ist Abu-Jamals 67. Geburtstag am 24. April. Es finden vor allem in dessen Heimatstadt Philadelphia zahlreiche Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen statt, die zum Ziel haben, die Innenstadt um das Rathaus mit einem revolutionären »Shutdown« für drei Tage dichtzumachen.

Den Auftakt macht am Freitag die virtuelle Veranstaltung »The People for Mumia«, in der Aktivisten, Jugendliche, Autoren, Musiker und ehemalige politische Gefangene »zum Ausdruck bringen, was Mumia heute für die Bewegung bedeutet«. Es folgt am Geburtstag die Demonstration »Holen wir uns die Straße zurück für Mumia«, mit der die Forderung nach seiner sofortigen Freilassung vor das Rathaus getragen wird.

»In the Spirit of Maroon« heißt am Sonntag die Veranstaltung für den Ex-Black-Panther und politischen Langzeitgefangenen Russell »Maroon« Shoatz, und unter dem Titel »Long Live Walter Wallace Jr.!« wird am selben Tag in einer weiteren Veranstaltung an den 27jährigen Afroamerikaner aus Philadelphia erinnert, der im Oktober 2020 Opfer tödlicher Polizeigewalt wurde.

Weitere Veranstaltungen wird es am »Freedom Weekend« in New York City, Washington D. C., Chicago, San Francisco und anderen US-Städten geben. Motto: »Brick by Brick, Wall by Wall, We’re Going to Free Mumia Abu-Jamal!«

Infos über alle Termine:
mobilization4mumia.com/new-events

jamaljournal-movement.blogspot.com/

Von Oaxaca, Mexiko, bis Paris werden am 24. April weitere Kundgebungen veranstaltet. In der französischen Hauptstadt lautet der Aufruf für eine zentrale Demonstration am Sonntag, dem 25. April: »Für Mumias sofortige Freilassung und gegen Polizeirerror!«

Das Berliner »Bündnis Freiheit für Mumia Abu-Jamal« mobilisiert am Sonnabend um 15 Uhr in Berlin-Neukölln, Weisestr. 9, zu einer Kiezkundgebung: »Für die Freiheit, für das Leben!«

freiheit-fuer-mumia.de/#kundgebung67geb

»Schreibt Mumia!«

Die internationale Kampagne ruft dazu auf, ihm Geburtstagskarten und Briefe mit Genesungswünschen zu schreiben. Kurze Grüße kann er auch auf Deutsch lesen. Als zentrale Adresse der Postzensur für alle Gefängnisse Pennsylvanias gilt seit 2018:

Mumia Abu-Jamal
Smart Communications/PADOC
Mumia Abu-Jamal, AM 8335
SCI Mahanoy
c/o PO Box 33028
St Petersburg, FL 33733, USA

(Absender nicht vergessen!) (jh)

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