1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Montag, 10. Mai 2021, Nr. 107
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 12 / Thema
Die Zurichtungen des Kapitals

Der Rhythmus der Produktion

Ichzeit und Weltzeit: Indem er uns »in Flow« hält, verformt der Kapitalismus unser Zeitempfinden
Von Götz Eisenberg
2014-06-21T120000Z_715415680_GM1EA6L1S1401_RTRMADP_3_USA.JPG
Bürowichtel im spirituellen Bann (Yoga-Happening auf dem Times Square in New York im Juni 2014)

Zur Einschulung schenkte mir mein Großvater eine Armbanduhr. Sie lag in einer aufklappbaren Schatulle und hatte ein dunkelbraunes Armband aus Leder. Meine Armbanduhr war das Produkt einer alten deutschen Uhrenmanufaktur, besaß ein schlichtes Ziffernblatt und musste einmal am Tag aufgezogen werden. Der Großvater hob mich auf seinen Schoß und zeigte mir, wie das Aufziehen vonstatten zu gehen hatte. Man hatte unbedingt darauf zu achten, dass man die Uhr nicht »überzog«. Dann könnte die Feder brechen, die das Uhrwerk antrieb, und die schöne Uhr würde kaputtgehen. Wenn ich sorgfältig mit ihr umginge, ermahnte mich der Großvater, könne mich diese Uhr durchs ganze Leben begleiten. Zwei Jahrzehnte später ging die Uhr nicht mehr, und es fand sich kein Uhrmacher, der sie hätte reparieren können. Der Großvater selbst hielt Armbanduhren für neumodisch und nicht standesgemäß. Sie seien etwas für Eilige, die selbst beim Auf-die-Uhr-Schauen noch Zeit sparen wollten. Er war stolzer Träger einer silbernen Taschenuhr, die an einer Kette hing und in einer Tasche seiner Weste steckte, die über seinem dicken Bauch spannte. Das Ziehen und Aufklappen der Taschenuhr war gewissermaßen ein hoheitlicher Akt. Er war Direktor einer Baugesellschaft, fuhr einen Benz und bekleidete Parteiämter in der bayerischen CSU.

Das Geschenk der ersten Armbanduhr war so etwas wie ein arbeitsgesellschaftlicher Initiationsritus und ein Vorbote der noch fernen Erwachsenenwelt. Das Geschenk enthielt die implizite Aufforderung an mich, ab sofort meine Lebenszeit mit der Weltzeit zu synchronisieren. Die Kinderzeit war eine ungemessene Zeit gewesen und wurde lediglich durch familiäre Regeln strukturiert. Zu den Mahlzeiten wurden die Kinder lauthals hereingerufen und mussten ihre Spiele unterbrechen. »Kannst du schon die Uhr lesen?«, fragten die Erwachsenen bei Familienfesten und Geburtstagen. Das galt als Gradmesser der Reife. Mit der ersten eigenen Uhr begann, was der Ernst des Lebens genannt wurde. Ab jetzt schob sich die lineare Zeit der Erwachsenen über die zyklische Zeit der Kindheit. Mit der Einschulung legte man den ersten Schritt in die gesellschaftliche Fremde zurück. Diese begegnete den Kindern in Gestalt eherner Zeitvorgaben und Regeln. Wer zu spät kam, wurde bestraft. So lang die Verspätung, so lang hatte man in der Ecke zu stehen. Zeit war etwas Fremdes, wie das Alphabet und die Rechtschreibung. All das wurde den Kindern eingebläut, wie man damals noch ungeniert sagte. In meiner Schulzeit durchaus auch noch mit Gewalt. Es war der Rhythmus der Produktion, der seit der industriellen Revolution den Rhythmus der Sozialisation einstellte. In der Schulglocke kündigte sich die Fabriksirene an. Kinder sollten durch den Schulbesuch vordringlich lernen, dass man ein Leben lang morgens irgendwohin hinzugehen hatte, wohin man nicht wollte. Wie in manchen englischen Fabrikstädten von den Unternehmern »Wachklopfer« angestellt wurden, die von Wohnung zu Wohnung gingen und mit Stangen an die Fenster der Arbeiterquartiere klopften, um die Arbeiter aus dem Schlaf zu reißen, so stieß meine Mutter frühmorgens mit dem Besen unter die Decke. Bei notorischen Langschläfern zogen diese englischen Wachklopfer gar an Schnüren, die aus den Fenstern hingen und am Zeh des Arbeiters befestigt waren. Irgendwann hatten die Arbeiter den Zeitrhythmus verinnerlicht, dass sie von allein zur gewünschten Zeit erwachten. Die Verinnerlichung der Zeitdisziplin kann als größtes verhaltensmodifikatorisches Experiment der Geschichte betrachtet werden. Es galt, den Menschen den vorbürgerlichen Schlendrian auszutreiben, und jedes Kind hatte diese Dressur im Zeitraffer noch einmal nachzuvollziehen.

Die Rigidität, die das Alltagsleben bis zum Anbruch des konsumistischen Zeitalters kennzeichnete, war nicht nur das Resultat einer moralisch-religiösen Indoktrination: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, sondern zugleich eine prägnante und ungreifbare Determiniertheit, ein Bündel von verkörperlichten Gewohnheiten, von denen man sich nicht so leicht befreien kann. Der Umgang mit der Zeit bleibt uns, auch wenn wir alles andere vergessen haben. Nach der Verrentung behalten viele Leute diesen Rhythmus, den sie nun wie ein lästiges Korsett ablegen könnten, bis ans Lebensende bei. Ohne dieses Korsett würden sie psychisch auseinanderfallen. Getrimmt auf externe Zeitregulierung wissen sie mit dem plötzlichen Reichtum an freier Zeit nichts anzufangen und verhalten sich wie ein jahrelang im Käfig gehaltenes Tier, das, nachdem man ihm die Freiheit zurückgegeben hat, weiter seine Gitterstäbe abschreitet. Auf einem holländischen Campingplatz sah ich einmal ein Ehepaar, das vor dem Wohnwagen beim Frühstück saß. Der Mann blätterte in einer Zeitung, trank einen Schluck Kaffee und schaute plötzlich auf seine Armbanduhr, wobei er mit der rechten Hand den Ärmel seines Pullovers hochschob. Alle paar Minuten wiederholte sich diese Geste, die offenbar ein bedingter Reflex war, den der Mann auch im Urlaub nicht ablegen konnte. Laurence Sterne erwähnt in seinem Roman »Tristram Shandy«, dass sein Vater die Erledigung seiner ehelichen Pflichten mit dem Aufziehen der Uhr verknüpfte. Während des Zeugungsaktes fragte seine Mutter: »Du hast doch nicht vergessen, die Uhr aufzuziehen?«

Noch die intimsten Regungen werden dem Diktat und dem Rhythmus der Weltzeit unterworfen. Im Laufe der Jahre kommt es zu einer Synchronisation von Ichzeit und Weltzeit. Die Kinder werden an die Regelmäßigkeit akklimatisiert und müssen sich die externen Zeitvorgaben zu eigen machen. Um erwachsen zu werden, müssen sie das Kind in sich zum Verschwinden bringen und den Schlingel umbringen, der hartnäckig in ihnen überleben will. Es beginnt ein langer Prozess der Trennung vom eigenen Körper, der zum Arbeitsinstrument hergerichtet wird und sich seinem Besitzer entfremdet. Erwachsen ist man dann, wenn man all das hingenommen hat. Die alte Goethesche Frage, warum aus so liebenswürdigen Kindern später so häufig unausstehliche Erwachsene würden, würde ich so beantworten: Weil der durchschnittliche Erwachsene unserer Kultur eben nicht nur ein Produkt von Reife ist, sondern vor allem von Repression, Ich-Einschränkung und Wunschvernichtung. Das Glück, das kleine Kinder in guten Augenblicken umgibt, erinnert Erwachsene daran, dass ihre Existenz auf Verzichten und Verlusten aufbaut. Indem sie ihr Kind ermahnen, strafen, züchtigen, zerstören sie in sich selbst die Erinnerung an ein Glück, das auch ihnen einst versprochen war und um das man sie dann im Fortgang eines freudlosen Lebens betrog.

Die Öffnung der Zeitschere

Die mühsam zustande gekommene Synchronisierung von Ichzeit und Weltzeit kann auf verschiedene Weise in Gefahr geraten oder gar verlorengehen. Im Falle einer depressiven Erkrankung zum Beispiel verlangsamt sich die innere Zeit und gerät ins Stocken. Der depressive Mensch fällt gleichsam aus der Zeit, die um ihn herum weiter voranschreitet. Auch mit dem Älterwerden geht in der Regel eine gewisse Verlangsamung der subjektiven Zeit einher. Mit dem Nachlassen der Lebensenergien klinken sich alte Menschen häufig aus bestimmten gesellschaftlichen Prozessen aus. Wenn die Gesellschaft sich wandelt und neue Techniken in Gebrauch nimmt, lässt sie an jeder Weggabelung Menschen zurück, die den weiteren Weg nicht mehr mitgehen wollen oder können. Dort bilden sich Kolonien von Zurückgebliebenen, die sich danach sehnen, dass alles wieder so werden möge wie es war und wie sie es kannten. Sie richten sich auf ihren Inseln des Eigensinns ein und leben in eigenen Zeitzonen. Norberto Bobbio hat diesen Rückzug der alten Menschen in seinem famosen Buch »Vom Alter – De senectute« so charakterisiert: »Wenn er von der Vergangenheit spricht, seufzt der Alte: ›Ach, das waren Zeiten.‹ Wenn er ein Urteil über die Gegenwart abgibt, flucht er: ›Was für Zeiten!‹« Je mehr er auf seinen kulturellen Bezugspunkten und seiner subjektiven Zeitwahrnehmung beharrt, desto mehr entfremdet er sich seiner Gegenwart, und es besteht die Gefahr, dass er in eine Position abseitiger Starrheit gerät. Ich beobachte diese Gefahr durchaus auch an und bei mir selbst. Friedrich Hebbel hat 1842 in seinen Tagebüchern notiert: »Der Jugend wird oft der Vorwurf gemacht, sie glaube immer, dass die Welt mit ihr erst anfange. Wahr. Aber das Alter glaubt noch öfter, dass mit ihm die Welt aufhöre. Was ist schlimmer?«

Rasanter Wandel

Es kann sich aber auch infolge rasanter gesellschaftlicher Wandlungsprozesse die äußere Zeit derart beschleunigen, dass Massen von Menschen das Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen. Hebbels Meister Anton, der den Untergang der bäuerlich-handwerklichen Welt und den Aufstieg des industriellen Kapitalismus erlebt, macht diese Erfahrung. Am Ende des Stückes »Maria Magdalena« bleibt er »sinnend stehen« und sagt: »Ich verstehe die Welt nicht mehr.« An der Schwelle zur vierten industriellen Revolution öffnet sich die Schere zwischen Ichzeit und Weltzeit immer weiter, die äußeren Uhren sind toll geworden und verlieren jegliche Anbindung an menschliche Zeitmaße. Das Kapital ist schnell und wird immer schneller, während die Menschen eher langsam bleiben. Das Kapital in seinem Verwertungs- und Expansionsdrang kann nicht innehalten, es kennt nicht die Kategorie des Genug. Eine Art von sozialer Seekrankheit breitet sich aus, Schwindelgefühle und innere Gleichgewichtsstörungen greifen um sich. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass ihnen die Zeit über den Kopf wächst. Die Synchronisation von Identitätsstruktur und Realitätsstruktur droht verlorenzugehen: Der Film der äußeren Realität läuft schneller als die Texte, welche die Menschen dazu sprechen. Es entsteht ein Überhang an sich rapide verändernden Verhältnissen, den die Menschen mit ihren erlernten Verarbeitungskapazitäten nicht wegarbeiten und sich zu eigen machen können. Gefühle der Überforderung und Desorientierung machen sich breit, Panik flackert auf. Viele Menschen haben Angst, aus der Welt zu fallen.

Dieser Angst kann man auf zweierlei Weise begegnen: von der Seite des Subjekts oder der objektiven, gesellschaftlichen Seite aus. Man kann der hinterherhinkenden subjektiven Zeit durch Praktiken der Selbstoptimierung, die Einnahme von Beschleunigungsdrogen und psychoaktiven Substanzen auf die Sprünge helfen. Gegenwärtig bemühen sich Massen von Menschen, ihr Leben dem Rhythmus des entfesselten Kapitalismus und einer verwilderten Selbsterhaltung zu unterwerfen. Wie die um die Welt fließenden Geldströme keinen Feierabend und keine Nachtruhe kennen, so auch die zeitgenössischen Geldsubjekte. Sie sind rund um die Uhr online und passen ihre Schlafgewohnheiten den Finanzmärkten an. Unlängst hörte ich eine Radiosendung, in der davon die Rede war, dass wir uns darauf einstellen müssten, in Zukunft nicht mehr zu festen Zeiten schlafen zu gehen. Da die Märkte den Rhythmus des Lebens einstellen, sollen die Menschen immer in Habachtstellung und allzeit bereit sein. Man werde in Zukunft über den ganzen Tag verteilt immer mal wieder kurz schlafen, aber nicht mehr, wie bisher, nachts und am Stück. »Powernapping« lautet das neue Zauberwort, das den Leuten suggeriert, mit ihrem Verzicht auf den herkömmlichen Nachtschlaf ganz vorne dran zu sein. Der Fußballer Cristiano Ronaldo ist seiner Zeit voraus und propagiert, den achtstündigen Nachtschlaf aufzugeben und statt dessen ein System von »sechs neunzigminütigen Nickerchen« einzuführen – verteilt über den ganzen Tag. Schon gibt es Anleitungen: »Powernapping leicht gemacht. Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt für einen Kurzschlaf«, heißt es da. Jüngster Höhepunkt dieser Verherrlichung der Schlaflosigkeit ist eine Werbekampagne der Zeitarbeitswebseite »Fiverr«, über die die Süddeutsche Zeitung berichtete. Auf Werbeplakaten in den USA zeigt die Firma eine übernächtigte Schönheit, unter deren Bild zu lesen ist: »Wenn dein Mittagessen aus einem Kaffee besteht. Wenn du zu Ende bringst, was du angefangen hast. Wenn Schlafentzug die Droge deiner Wahl ist. Dann bist du vielleicht ein ›Macher‹.« Powernapping, Powerfood und Poweryoga halten den als Maschine konzipierten Körper am Laufen. Wer bremst, verliert und scheidet aus dem Rennen aus.

Wieviel Flexibilität?

Zur gegenwärtigen Gesellschaft gehört ganz zentral der Imperativ, flexibel zu sein, was letztlich nichts anderes heißt, als ohne Bindungen zu existieren, weil Bindungen Flexibilität und Mobilität behindern. Die wirtschaftlichen Mächte sind gegenwärtig damit beschäftigt, in einer sich totalisierenden Warenproduktion menschliche Bindungen bewusst zu zerstören. Die Menschen sollen gänzlich mit den Imperativen des flexiblen Kapitalismus verschmelzen, und viele Zeitgenossen scheinen diese Imperative als ihre intimsten Leidenschaften und ihre Erfüllung zu erleben. Ein in den Alltag eingezogenes Netz von Ernährungscoaches, Yogalehrern und Gesundheits-Apps soll dafür sorgen, dass das »Leben auf der Überholspur« nicht in einem Crash endet. Durch all diese Praktiken lässt sich die Kluft zwischen der rasenden Weltzeit und der hinterherhinkenden Ichzeit von der subjektiven Seite her verringern. Die Menschen passen sich an Bedingungen an, die sich von ihnen losgerissen und verselbständigt haben. Die Null nullt vor sich hin und verliert sich in Abstraktionen. Menschen, die da mithalten wollen, werden gewissermaßen selbst zu Nullen und Abstraktionen. Nullidentitäten in einer Welt der nullenden Nullen.

Man weiß spätestens seit Richard Sennett, dass der Begriff »Flexibilität« sich ursprünglich von der Fähigkeit der Bäume herleitet, sich der Bewegung des Windes zu beugen, um dann in ihre ursprüngliche Gestalt zurückzukehren. Bleibt die Frage: Wieviel Flexibilität erträgt der Mensch? Wie beweglich ist er, wo sind seine Bruchstellen? Auf diese Fragen antwortet die Pharmaindustrie mit ihrer wachsenden Produktpalette. Ihr kommt im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess die Aufgabe zu, Substanzen bereitzustellen, die die Menschen unabhängig machen von ihren hemmenden und störenden emotionalen Befindlichkeiten. Nach Einnahme bestimmter Stoffe gehen sie über Grenzen. Schon der Aufstieg der »New Economy« Ende der 1990er Jahre wurde von Speed getragen. Seitdem ist es in gewissen Kreisen üblich geworden, sich mittels Drogen und Medikamenten in Schwung zu bringen und eine gewisse Mindestspannung aufrechtzuerhalten. Schon Kinder werden durch die Verabreichung von Ritalin an den Modus der pharmakologischen Moderation von leib-seelischen Zuständen gewöhnt. Studenten pfeifen sich Ritalin rein, wenn sie sich auf Klausuren vorbereiten. Das als Kleinstunternehmen konzipierte Subjekt kann den Anforderungen nur gerecht werden, wenn es sich regelmäßigem Doping unterzieht. Ein chemisch-pharmakologisches Selbstmanagement scheint erforderlich, um mit der rasenden Weltzeit mithalten zu können und nicht auf die Seite der Loser zu fallen.

Wir könnten aber auch Schluss machen mit dieser Perversion und die wild gewordene Ökonomie zurückpfeifen. Wir könnten sie an menschliche Zeitmaße binden und zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verpflichten. Oskar Negt und Alexander Kluge haben ganz in diesem Sinn einmal geschrieben: »Man kann sagen: Kapitalismus ist massenhafte Güterproduktion mit dranhängenden Menschen. Sozialismus ist massenhafte Produktion der Beziehungen zwischen den Menschen und zur Natur, mit dranhängender Güterproduktion.« Statt dass die Menschen einer immer weiter in die Abstraktion schießenden Ökonomie hinterherhecheln, könnte und sollte diese sich an den Bedürfnisse und Zeitrhythmen der Menschen orientieren. Das käme nicht nur unserer leib-seelischen Gesundheit zugute, sondern auch dem Ökosystem, das wegen des permanenten Raubbaus an der Natur kurz vor dem Kollaps steht.

Meditierende Manager

Als ich Stan Nadolnys Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit« vor Jahren bei einem Bekannten liegen sah, der ein kompletter Workaholic und Hektiker ist, wurde ich misstrauisch. Plötzlich redeten alle Erfolgsmenschen von »Entschleunigung«, ohne indessen das Geringste an ihrem Lebens- und Arbeitsstil zu ändern. Lothar Baier hat in seinem im Jahr 2000 erschienenen Buch »Keine Zeit! 18 Versuche über die Beschleunigung« den Verdacht geäußert, dass »undifferenzierte Plädoyers für Verlangsamung«, die offenließen, was denn nun langsamer gehen möge, Gefahr liefen, die Begleitmusik zu immer neuen Beschleunigungsschüben abzugeben. So ist es inzwischen denn auch gekommen. Entschleunigung und wachsender Stress sind eine unappetitliche Allianz eingegangen und kommen bestens mit- und nebeneinander aus.

Zum Beispiel stieß ich vor einiger Zeit auf einen Artikel über meditierende und Yoga betreibende Banker und Manager. In Washington erregten dreihundert Banker Aufsehen, als sie zusammen mit dem Präsidenten der Weltbank, Jim Yong Kim, dem Zenmönch Thich Nhat Hanh und zwanzig seiner in braune Roben gekleideten Mitbrüder eine »Gehmeditation« mitten in Downtown veranstalteten. Beim »World Economic Forum« in Davos, bei dem jedes Jahr die Mächtigsten und Reichsten der Welt zusammentreffen, stand morgens um acht eine gut besuchte Achtsamkeitsmeditation auf dem Programm, die der US-amerikanische Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn leitete. Goldman-Sachs-Vorstand William George wies in Davos darauf hin, dass inzwischen Hunderte von Investmentbankern an der Wall Street regelmäßig meditieren. Auch die Deutsche Bank und die EZB sollen mit Meditationsgruppen experimentieren. Insgesamt ist eine ganze Yogaindustrie entstanden, die weltweit 80 Milliarden Dollar umsetzt und riesige Gewinne abwirft. In Deutschland sollen fünf Millionen Menschen regelmäßig Yoga betreiben und dafür viel Geld ausgeben. Es gibt Yogakurse für alle möglichen Zielgruppen: Es gibt Yoga für Schwangere, für Singles und junge Mütter, für Frauen in den Wechseljahren und Senioren, für Männer oder Babys, Poweryoga für gestresste Manager in der Mittagspause und besondere Programme für Paare.

Spiritueller Kapitalismus

Wie kann man das deuten? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Kapitalismus und Buddhismus? Es ist höchste Zeit, Max Webers Studie über die »Protestantische Ethik« fortzuschreiben und zu fragen, welche Form der Religiosität zu welcher Stufe der kapitalistischen Entwicklung passt. Slavoj Zizek hat einmal gesagt, dass Max Weber sein bekanntestes Werk heute »Die taoistische Ethik und der Geist des globalen Kapitalismus« nennen müsste. Die protestantische Ethik schien Weber der mentale, ideologische Treibstoff der beginnenden kapitalistischen Akkumulation zu sein, die auf Sparsamkeit setzte und den erzielten Gewinn reinvestierte. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Buddhismus und dem hochfluiden, spekulativen Kapital der Gegenwart? Wie kommt es zu der perversen Verschmelzung von Spiritualität und Kapitalismus, die wir gegenwärtig erleben? Die Anforderungsstruktur des Finanzkapitalismus der Gegenwart scheint jedenfalls eher mit fernöstlicher Spiritualität oder dem, was man dafür hält, kompatibel zu sein, als mit der puritanischen Zwangsneurose vergangener Stufen der kapitalistischen Entwicklung.

Die Medienunternehmerin Arianna Huffington begründet die Begeisterung der Firmen für Yoga und Meditation so: »Das, was für uns als Individuen gut ist, ist auch für die amerikanischen Unternehmen gut.« Der Buddhismus treibt die Dialektik von Selbstverwirklichung und totaler Inanspruchnahme durch die Firma auf die Spitze, die in der neuen Unternehmenskultur ohnehin schon seit längerem angelegt ist. Dem erleuchteten Angestellten verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, Büro und Privatsphäre. Bisher war das Büro nur in die sozialen, kulturellen und psychischen Schichten der Angestelltenperson vorgedrungen, nun könnte es auch noch ihre metaphysische Seite erobern und sie damit vollends in Besitz nehmen. Der sogenannte Flow, englisch für »Fließen, Rinnen, Strömen«, bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die wie von selbst vor sich geht und keinen Anfang und kein Ende kennt. Die Unternehmen bedienen sich fernöstlicher Spiritualität, um ihre Bürowichtel in diesen für sie äußerst profitablen Zustand zu versetzen.

Die Firma will nicht länger nur die Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter, sie will sie mit Leib und Seele und Haut und Haaren. Am Ende sollen sie gar nicht mehr merken, dass sie arbeiten und den Zwang zur permanenten Selbstoptimierung als Selbstverwirklichung erleben. Wenn der zeitgenössische Arbeitnehmer »im Flow« ist, geht er ganz in seiner Arbeit auf, identifiziert sich so sehr mit seiner Firma und seiner Aufgabe, dass er gar nicht mehr damit aufhören möchte. Die Mitarbeiter treffen sich am multifunktionalen Coffeepoint, um aus freien Stücken ihre tägliche Potentialanalyse vorzunehmen und Sätze wie diese zu sagen: »Ich werde demnächst noch mehr arbeiten«, oder »Ich werde mich im Empathiefeld noch weiterentwickeln müssen«.

Triumph der linearen Zeit

Die Industrialisierung schob die »lineare Zeit« über die »zyklische«, in deren Rahmen sich bisher das Leben gemäß seinen eigenen biologischen Rhythmen und denen der äußeren Natur entfaltet hatte, und ersetzte sie durch die immer gleiche, nur noch quantitativ verschiedene, abstrakte Zeit, die zur Substanz des Wertes wird, in dessen selbstverwertende, im Grunde tautologische Bewegung sie hinfort gerät. Es blieben aber zunächst Inseln erhalten, auf denen nach wie vor die zyklische Zeit den Rhythmus vorgab. Familie, Kindheit und weite Teiles des Alltagslebens wurden weiterhin von ihr bestimmt. Rund zweihundert Jahre, nachdem sich die Arbeit aus vorbürgerlichen Lebenszusammenhängen herausgelöst und als abstrakte, kapitalverwertende Arbeit verselbständigt hatte, legt sie sich wie ein Alp auf die gesamten Lebensverhältnisse der Menschen. Am Ende der kapitalistischen Entwicklung durchdringen die ökonomische Vernunft der »herausgelösten Ökonomie« (Karl Polanyi) und ihre lineare Zeitstruktur alle Lebensbereiche, und es kommt zu einer pervertierten Wiedervereinigung von Arbeit und Leben. Das zerrissene Leben wird wieder ein Ganzes, aber eben ein vollständig kapitalistisch integriertes und dem Kommando des Kapitals und seiner Logik unterstelltes. Die Reservate, in denen eine gebrauchswertbezogene Zwischenmenschlichkeit überleben konnte, werden geschleift und dem Regiment der linearen Zeit unterstellt. Es ist dies die Zeit der Maschinen, der toten Arbeit, der erstarrten und eingefroreren Lebensprozesse. Wird das Lebendige sich noch einmal aufbäumen und den Panzer sprengen, der es zu ersticken droht?

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Bis 2016 arbeitete er als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 11. März 2021 zur von Wolfgang Thierse (SPD) angestoßenen Debatte um Identitätspolitik.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. (21. April 2021 um 11:28 Uhr)
    Ein wunderbarer Artikel! Danke an Götz Eisenberg.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Martin Küpper: Zeit ist Leben Zwei Probleme tauchen in dem Artikel auf. Erstens: Der Autor legt zu Recht die Finger auf die Zurichtungsmethoden des kapitalistischen Alltags, deren Integrationskraft und sich dadurch ergebende Verwe...
  • alle Leserbriefe