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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 7 / Ausland
Diplomatische Verstimmungen

Ziemlich konstruiert

»Neue Erkenntnisse«: Tschechien wirft Russland Agententätigkeit vor. Prag und Moskau weisen Diplomaten aus
Von Reinhard Lauterbach
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»Feindlicher Akt«: Tschechiens Botschafter Vitezslav Pivonka wurde am Sonntag ins Außenministerium in Moskau zitiert

Jahrzehntelang hielt sich Tschechien gegenüber Russland an die Devise des Gastwirts Palivec im »Braven Soldaten Schwejk«: »Ich bin Gewerbetreibender. Wenn jemand kommt und sich ein Bier bestellt, schenk ich’s ihm ein.« Russische Investoren kauften sich in die nordböhmischen Kurorte ein, im Gegenzug machten tschechische Unternehmen gute Geschäfte in Russland.

Jetzt hat der Wind gedreht. Am Wochenende wies Tschechien 18 russische Diplomaten aus, Moskau revanchierte sich mit dem Rauswurf von 16 Diplomaten und vier weiteren Mitarbeitern der tschechischen Botschaft in Moskau – die damit weitgehend lahmgelegt ist. Wiederum als Antwort schloss Prag am Montag abend den russischen AKW-Bauer Rosatom von der Ausschreibung für die Errichtung eines AKW-Blocks im mährischen Dukovany aus.

Der Anlass sind angebliche Erkenntnisse des tschechischen Geheimdienstes. Demnach sollen zwei russische Agenten für eine Explosion in einem ehemaligen – aber offenbar niemals geräumten – militärischen Waffenlager nahe Vrbetice am 16. Oktober 2014 verantwortlich sein. Damals waren insgesamt 50 Tonnen Munition in die Luft geflogen, zwei Mitarbeiter des Depots kamen ums Leben. Ministerpräsident Andrej Babis sprach am Sonnabend von »nie dagewesenen Enthüllungen«, auf die sein Land »angemessen reagieren« müsse.

Dass die Enthüllungen »nie dagewesen« seien, kann allerdings bezweifelt werden. Das Polizeidossier, aus dem das tschechische Magazin Respekt (online) am selben Tag zitierte, ist erstens gar nicht so neu und zweitens auch keineswegs eindeutig: Verdächtig sind zwei angebliche russische Agenten, und zwar dieselben, denen 2018 auch der Versuch, den einstigen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien zu vergiften, zur Last gelegt wird. Alexander Mischkin und Anatoli Tschepiga seien im Oktober 2014 unter falschen Identitäten nach Tschechien eingereist und hätten bei dem privaten Betreiber des 2006 von der Armee aufgegebenen Munitionslagers eine Zugangserlaubnis beantragt. Die hätten sie für die Zeit vom 13. bis 17. Oktober auch erhalten. Aber Respekt räumt ein: »Die Polizei hat also keinen direkten Beweis dafür, dass die beiden Männer das Gelände tatsächlich betreten haben. Aber sie hält diese Hypothese für in hohem Maße wahrscheinlich.«

Mindestens zwei Momente sprechen dafür, diese Hypothese für ziemlich konstruiert zu halten. Ende 2014 interviewte der Spiegel den Bürgermeister von Vrbetice, Zdenek Hovezak. Der berichtete über chaotische Sicherheitszustände in dem ehemaligen Militärobjekt. Es habe keinerlei Kontrollen gegeben, auf dem Gelände hätten Jagden und illegale Autorennen stattgefunden. Zudem gab es dort im Dezember 2014, zwei Monate nach der ersten Explosion, eine weitere, in deren Folge sogar die ganze Ortschaft vorübergehend evakuiert wurde.

Der andere Anlass zu solidem Zweifel ist, dass die ganze Geschichte mit Mischkin und Tschepiga im Oktober 2018 in einem Bericht des tschechischen Rundfunks in einem völlig anderen Kontext erzählt wurde. Damals hieß es, die beiden Russen hätten Skripal observiert, der zu diesem Zeitpunkt sein Wissen über russische Spionagetechniken mit dem tschechischen Geheimdienst geteilt habe. Eine Observation und bei Gelegenheit noch ein Anschlag? Respekt berichtete weiter davon, dass die Sprengladungen möglicherweise zu früh explodiert waren. Zwei »Staatsterroristen«, die keinen Zeitzünder einstellen können? Dass die beiden mutmaßlichen Agenten überdies in Tschechien wie in Großbritannien dieselben falschen Identitäten benutzt haben sollen, kann man ebenfalls glauben oder nicht. Mindestens so plausibel ist, dass hier alte Kamellen aufgewärmt werden, zumal der Westen nie in die Verlegenheit kommen dürfte, seine Vorwürfe gegen Mischkin und Tschepiga vor Gericht beweisen zu müssen: Die beiden dürften Russland angesichts der drohenden Strafverfolgung für den Rest ihres Lebens eher nicht mehr verlassen.

Eine Seite ist über die Eskalation im tschechisch-russischen Verhältnis erfreut: die Prager US-Botschaft. Sie erklärte, Washington stehe »an der Seite seines tschechischen Verbündeten«. Zumal mit dem Vorfall eine geplante Moskau-Reise des Innen- und derzeit kommissarischen tschechischen Außenministers Jan Hamacek gegenstandslos geworden ist, bei der er über Lieferungen des russischen Coronaimpfstoffs verhandeln wollen.

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