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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 6 / Ausland
Nachruf auf Michel Kilo

Für die Freiheit

Syrischer Oppositioneller verteidigte Revolution gegen islamistische Reaktion. Nachruf auf Michel Kilo
Von Karin Leukefeld
Foto Karin Leukefeld 20110709 Michel Kilo Damaskus 02.JPG
Urgestein der syrischen Opposition: Michel Kilo in Damaskus

Es war Anfang Juli 2011, als Michel Kilo mir am Telefon den Weg zu seiner Wohnung beschrieb: »Kommen Sie zu mir nach Hause. Gehen Sie die Bagdad-Straße hinunter bis zu der Moschee. Dann links und die nächste kleine Straße wieder rechts.« Wenige Tage zuvor, am 27. Juni, hatten sich 150 Oppositionelle in einem Hotel im Zentrum von Damaskus getroffen, um über ein gemeinsames Vorgehen in dem Konflikt zwischen Demonstranten und syrischen Sicherheitskräften zu beraten. Auf drei Punkte einigte man sich schließlich, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen: Die Gefangenen sollten freigelassen werden, das Militär solle aus Wohnvierteln abgezogen werden, niemand solle zu den Waffen greifen. Mit der Regierung solle über die Forderungen der Demonstranten verhandelt werden. Die Opposition – »Intellektuelle aus der Zivilgesellschaft«, wie Kilo sie beschrieb – solle sich gemeinsam mit den zumeist jungen Protestierenden organisieren.

Den 27. Juni 2011 bezeichnete Kilo als »historischen Tag. Zum ersten Mal seit 50 Jahren konnte so etwas in Damaskus stattfinden.« Auf Vorwürfe von syrischen Auslandsoppositionellen, dass die innersyrische Opposition mit ihrer Konferenz die Gewalt der Regierung legitimiere, reagierte Kilo gelassen. Nach dem Kommuniqué seien die kritischen Stimmen im Ausland verstummt, sagte er. Man habe gesehen, dass sie »ehrliche Opposition« betrieben und nicht – wie es hieß – »Marionetten des Regimes« seien. »Als es gerade einmal fünf Personen gab, die in Syrien für die Freiheit gekämpft haben, gehörten wir dazu. Und jetzt, wo es Millionen Menschen auf der Straße gibt, die für die Freiheit kämpfen, werden wir die Sache der Freiheit bestimmt nicht verkaufen.«

Das war nicht übertrieben, denn Michel Kilo gehörte zum Urgestein der syrischen Opposition. 1940 wurde er in Latakia geboren, studierte Journalismus in Ägypten und Geschichte, Publizistik und Volkswirtschaft in Deutschland. Er schrieb für die libanesischen Zeitungen Al-Safir und Al-Nahar und veröffentlichte nach dem Beginn des Krieges 2011 viel in der katarischen Zeitung Al-Arabi Al-Dschadid. Politische Weggefährten beschreiben ihn als einen Intellektuellen, der mit seinen politischen Thesen versuchte, in das Geschehen in seiner Heimat einzugreifen.

Als nach einer mehrjährigen gewalttätigen Revolte die syrische Muslimbruderschaft 1982 blutig in Hama niedergeschlagen und deren Mitglieder verurteilt wurden, protestierte Kilo dagegen und kam ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung ging er nach Frankreich, kehrte aber 1991 wieder nach Syrien zurück. Als der junge Präsident Baschar Al-Assad im Jahr 2000 seinen Vater Hafez ablöste, beteiligte sich Kilo aktiv an politischen Diskussionen über Reformen und eine Verfassungsänderung. Die Veröffentlichung der Beirut-Damaskus-Erklärung, die sich für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Syrien und Libanon einsetzte, brachte Kilo 2006 erneut vor Gericht, es folgte eine dreijährige Haftstrafe.

2012 verließ Kilo Syrien und lebte fortan in Paris. Seine Sympathie für die »Revolution« ließ ihn viele Bündnisse eingehen, denen er aber enttäuscht wieder den Rücken wandte. Wenige Tage vor seinem Tod am 19. April 2021 wandte er sich vom Krankenbett noch einmal mit einer Botschaft an die Syrer. Das Wichtigste sei, »an der Freiheit festzuhalten«, denn »nur Freiheit kann Tyrannei besiegen«, schrieb er. Die Islamisten hätten »aus der Revolution für die Freiheit eine Konterrevolution« gemacht. »Wir hätten eine Lösung mit dem Regime finden müssen, bevor unser interner syrischer Konflikt nur noch ein winziger Teil des Krieges war.«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Fadi: Teil der Konterrevolution Personen sterben. Dann sagt man: »Ruhe in Frieden!« Aber was bleibt, ist die Geschichte. Und die Lehre daraus ist für Frieden auf der Erde wichtig. Frau Leukefeld stellt die von Michel Kilo eingenomme...

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