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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 2 / Inland
Denkmal für faschistische Täter

»Einige machten Karriere, als sei nie etwas gewesen«

Name von KZ-Arzt soll von Kriegerdenkmal entfernt werden. Kritik an Gedenken für faschistische Täter in BRD. Ein Gespräch mit Ulrich Schneider
Interview: Gitta Düperthal
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Kein Hindernis: Wer in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis Menschen folterte und ermordete, blieb in der alten BRD oft unbhelligt (11.10.2001)

Von einem Kriegerdenkmal in Geroldshausen im Landkreis Würzburg wird der Name des leitenden Arztes im Konzentrationslager Auschwitz, Eduard Wirths, entfernt. Welche Verbrechen hatte er dort begangen?

Wollte man alle seine einst begangenen Greueltaten aufzählen, würde eine ganze Zeitungsseite dafür nicht ausreichen. In seiner Medizinerausbildung identifizierte er sich mit der Rassenideologie der Faschisten. 1936 war er im Thüringer »Landesamt für Rassewesen« tätig, bis 1938 an Sterilisationen in der Universitätsfrauenklinik in Jena beteiligt. Anfang Februar 1941 wirkte Wirths bei der Waffen-SS mit, danach bei der 6. SS-Gebirgs-Division »Nord«. Später war er zunächst Lagerarzt im KZ Neuengamme, dann als KZ-Arzt von Auschwitz Vorgesetzter von Josef Mengele. Er beteiligte sich an Menschenversuchen, wobei unter anderem Häftlinge zur Erprobung eines neuen Impfserums vorsätzlich mit Fleckfieber infiziert wurden. Zuerst wurden solche Versuche im Auftrag und für den Profit des IG-Farben-Konzerns gemacht – später auf eigene Rechnung des SS-»Hygieneinstituts«. Auch selektierte er Gefangene unter der Prämisse des »lebensunwerten Lebens«, wie die Faschisten es nannten. Damit war er direkt und indirekt an der Ermordung von kranken, schwachen KZ-Insassen beteiligt, die er in die Gaskammern schickte. Zum Schluss war er noch Standortarzt im KZ Mittelbau-Dora.

Wie kamen solche Namen überhaupt auf ein Denkmal?

Anfang der 1950er Jahre wurden diese zu Ehren der gefallenen Soldaten des Ortes errichtet. In der alten Bundesrepublik war es völlig normal, faschistische Täter als unbeteiligte Kriegsopfer darzustellen. Auch als antifaschistische Verbände Beweise vorlegten, gab man das Verschweigen nicht auf. Als die Kritik aktuell lauter wurde, versteckte sich der Bürgermeister Gunther Ehrhardt (Unabhängige Wählergemeinschaft) dahinter, zunächst eine Expertise einholen zu müssen. Als gäbe es nicht genügend Veröffentlichungen dazu!

Schon beim Erstellen des Denkmals hätte auffallen müssen, dass er kein Kriegstoter war: Wirths starb im September 1945 an den Folgen eines Suizidversuchs im britischen Internierungslager. Bis heute wird verweigert, sich mit Biographien von SS-Ärzten zu beschäftigen. Einige machten Karriere, als sei nie etwas gewesen. Etwa praktizierte Werner Heyde, unter Pseudonym Fritz Sawade, noch bis 1964 als vermeintlich honoriger Arzt. Kurz vor der Eröffnung des Prozesses wegen seiner Verbrechen beging er im Zuchthaus Suizid.

Im nordrhein-westfälischen Kalkar steht ein Nazidenkmal mit eingemeißeltem Hitlerzitat aus »Mein Kampf«. Kennen Sie weitere Beispiele?

An vielen Erinnerungsorten aus den 50er Jahren schwieg man nicht nur über die Naziverbrechen, sondern verdrängte sie bewusst. Mit 70 Jahren Abstand muss diese Debatte jetzt erneut geführt werden. Wie sehr das Erinnern an nazistische Kontinuitäten bis heute auf erhebliche Widerstände stößt, konnte man in Kassel erleben. Dort tobte ein langer, erbitterter Streit um die Würdigung des ehemaligen SPD-Oberbürgermeisters Karl Branner, als dessen juristische Nazithesen bekannt wurden. Ihn nicht mehr zu ehren, fiel vielen Politikern offenbar schwer. Eine nach ihm benannte Brücke wird jetzt endlich umbenannt – sie erhält den Namen des von Neonazis ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Klar, dass man in kleinen Orten wie dem unterfränkischen Geroldshausen noch zögerlicher ist, dort anerkannte Persönlichkeiten wegen ihrer Nazivergangenheit vom Sockel zu stoßen.

Müssten solche Denkmäler im Bundesauftrag in der ganzen Republik auf ihren faschistischen Gehalt überprüft, bereinigt oder mit Aufklärung dazu versehen werden?

Wir dürfen so etwas nicht der Bundespolitik überlassen, sonst dauert derart skandalöses Gedenken vermutlich noch Jahrzehnte an. Antifaschistische Organisationen, Geschichtswerkstätten, Historikerinnen und Historiker sollten weiterhin öffentlich darauf hinweisen. Sich um solche düsteren Erinnerungsorte zu kümmern ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Ulrich Schneider ist Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR)

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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