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Aus: Ausgabe vom 21.04.2021, Seite 1 / Titel
Klassenkampf

Im Osten brennt die Hütte

Streiks: IG Metall mobilisiert Belegschaften für Angleichung bei Arbeitszeit und Löhnen – Kapitalseite in Sachsen geht auf Konfrontationskurs
Von Oliver Rast
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Konflikt mit Zündstoff: Protest vor dem Werkstor – beim Autobauer stehen die Bänder still (Leipzig, 20.4.2021)

Die Botschaft ist klar: keine Spaltung der Belegschaften. Auch mehr als 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD malochen Beschäftigte im Osten drei Stunden länger als ihre Westkollegen. Konkret: 38 statt 35 Stunden. Unbezahlt, versteht sich.

Und dagegen wird gestreikt. Seit Dienstag morgen. Die IG Metall (IGM) im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen verlangt ein sogenanntes tarifliches Angleichungsgeld, also einen Ausgleich für den materiellen und monetären Verlust. »Unsere Kolleginnen und Kollegen erhalten rund 8,5 Prozent weniger Entgelt in der Stunde«, sagte die IGM-Bezirksleiterin Birgit Dietze gleichentags gegenüber jW. Und das, »obwohl die Unternehmen in unserem Bezirk hochproduktiv arbeiten«.

Die Kapitalseite blockiert. An vorderster Front der Verband der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie (VSME). Die vierte Runde der Tarifgespräche wurde seitens des VSME am Montag nach nur zwei Stunden Onlinesitzung beendet: ergebnislos. Die Bosse verlangen die Eins-zu-eins-Übertragung des Pilotabschlusses aus Nordrhein-Westfalen von Ende März für den Industriezweig auf die ostdeutschen Tarifgebiete. Das ist mit den Ostmetallern nicht zu machen. Dietze: »Unser Bezirk hat von Beginn an ein tarifliches Angleichungsgeld gefordert.«

Schon im Vorfeld hatte der VSME mit arbeitsgerichtlichen Mitteln versucht, Warnstreiks in der laufenden Tarifrunde zu unterbinden. Das Landesarbeitsgericht Chemnitz kassierte am vergangenen Freitag den Eilantrag des Unternehmerverbands. Ein Punktsieg für die IGM. Deshalb haben die Metaller nun Mitglieder und Anhänger aktiviert, in Leipzig beim Autobauer BMW etwa zu einem ganztägigen Streik. »Wir haben den Aufschlag gemacht«, sagte Bernd Kruppa, Erster IGM-Bevollmächtigter in der Messestadt, am Dienstag im jW-Gespräch. Der Effekt? »Hey, die Bänder stehen still!« In einem Werk mit zirka 5.500 Beschäftigten, wohlgemerkt. Kruppa will nachlegen, der Schwerpunkt liege zunächst bei automobilen Großkonzernen, ein Streikaufruf an Arbeiter im örtlichen Porsche-Werk soll folgen.

Das ist längst nicht alles. Befristete Arbeitsniederlegungen werden von kurzen Warnstreiks und kleineren Kundgebungen flankiert. Ein Beispiel: Die Chemnitzer IGM mobilisierte am Dienstag morgen die Frühschicht beim Autozulieferer Vitesco in Limbach-Oberfrohna. Mario John, Erster Bevollmächtigter, sagte gegenüber jW: »200 Kolleginnen und Kollegen waren am Start, eine tolle Aktion.« Der Protest vor dem Werkstor sei ferner nur ein Auftakt. Zahlreiche Beschäftigte seien emotionalisiert, verstärkt zum Ausstand bereit, betonte John und kündigte weitere, schärfere Kampfmaßnahmen an. »Wir werden auch in Chemnitz und Umgebung zu ganztägigen Streiks aufrufen.« Binnen kurzem. Wenn Beschäftigte im Osten drei Stunden länger placken müssen, fordern sie entsprechend einen höheren Stundensatz, bringt John das Motiv der Arbeiter auf den Punkt.

Die Industriekapitäne bleiben stur und auf Konfrontationskurs. Nein, ein neues Gesprächsangebot gebe es nicht, bestätigte eine Sprecherin des Unternehmerverbands VSME am Dienstag auf jW-Nachfrage. Ansonsten verwies sie auf frühere Statements – und darauf, dass der Verband juristisch weiter gegen Arbeitskampfmaßnahmen vorgehen werde.

Drohgebärden, von denen sich die IG Metall nicht einschüchtern lasse, versichert Kruppa. »Wir kämpfen für Gleichheit, für Gerechtigkeit in Ost und West.« Und überhaupt: Streiken gegen die Spaltung der Belegschaften sei eine politische Mission.

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