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Aus: Ausgabe vom 19.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Der Schaffner mag die langen Namen nicht

Von Pierre Deason-Tomory
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Harte Zeiten – aber immerhin kann man Straßenbahn fahren

»Lockdown bis in den Juni!« wurde das Kanzleramt in der vorigen Woche zitiert. Irrtümlich, ruderte Berlin doch zurück, aber wohl realistisch. Die Länderchefs setzen unverdrossen ihr Öffnungspingpong fort, solange sie das noch dürfen. Der fürsorgliche Thüringer Landesvater schickt seine Kinder wieder zur Schule, wo sie für die Bundesjugendspiele im Virenweitwurf trainieren. Beim Inzidenzen führt der Freistaat schon deutlich, die Teststrategie wird den Sieg sichern. Eine Weimarer Mutter schrieb am Mittwoch auf Facebook: »Am Tag eins hat sich in der Klasse meiner Tochter ein Viertel der Schüler (mit Unterschrift der Eltern) nicht testen lassen. Am Tag drei nach der Testmöglichkeitseröffnung gibt es bereits keine Tests mehr.«

Ich bin gerade viel in Nürnberg und habe nichts davon. Hier gibt es schöne Orte und tolle Sachen, die man machen könnte, aber alles hat zu. Immerhin kann ich mit der Straßenbahn durch die eigene Kindheit fahren, mit der »6« durch die Südstadt nach Johannis und wieder zurück. Straßenbahnen sind toll.

Ich hatte Gelegenheit, das hundsmiserable Club-Spiel beim Zweitligatabellenletzten Würzburg (1:1) zu schauen, dazu musste ich nach Fürth reisen. Ich war bei einem Freund und Fußballsachverständigen eingeladen, dessen Namen ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann, weil er, ein waschechter Nürnberger, vor Jahren zur Anhängerschaft einer Fürther Spielvereinigung konvertiert ist, die nach einem Marktflecken in der fränkischen Einöde benannt wurde.

Ich brachte zwei Flaschen Landbier mit, Ammerndorfer, ganz ausgezeichnet und mir bislang unbekannt. Ich hatte es in einem Pizzaladen ausgewählt wegen des authentisch hässlichen Dorfbieretiketts. Mein Gastgeber wollte keins, also musste ich beide trinken.

Es war ein herrlicher Sonntag, strahlend blauer Himmel und 20 Grad warm. Auf den Straßen waren viele Autos unterwegs. Auch in Bus und U-Bahn ging es zu wie an einem Vorseuchenwochentag. »Wo fahren die Leute nur alle hin?« fragte ich, als ich am Abend mit dem Nachbarn auf der Bank vor dem Haus saß. »Raus zum Wandern.« – »Ohne Wirtshäuser?« – »Ja. Hast du Bier?« – »Nein.« – »Ich hole uns eins.«

Mein Fußballsachverständiger hat erzählt, dass der bayernweit bekannte und hochbezahlte Rundfunkmoderator Stefan Meixner seine Radiokarriere beendet hat und in seiner Heimatstadt Busfahrer geworden ist. Völlig unverständlich. Obwohl er in Nürnberg doch auch Straßenbahnschaffner werden könnte! Die durften in meiner Jugend die Ansagen noch selbst machen. »Blatz der Opfer!« rief der Kollege in der »8« aus, wenn wir den »Platz der Opfer des Faschismus« erreichten.

Die Stadt bemüht sich, aufmerksam mit ihrem braunen Erbe umzugehen. Auf dem Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich kann man Autorennen schauen und Tretboot fahren. Und erst neulich, vor 15 Jahren, haben sie das imposante Trafohaus in der Regensburger Straße, das der Speer 1936 für die Lichtsäulen der Riefenstahl gebaut hat, einer zivilen Nutzung zugeführt: Hier werden jetzt Burger gebraten.

Auf der einen langen Seite der nazischicken Muschelkalkfassade leuchtet das Logo von Burger King in Richtung Autobahnzubringer, und an einer der schmalen Seiten verblasst gut sichtbar der Abdruck des abmontierten Reichsadlers mit Ehrenkranz. Einmal habe ich da drinnen »Hitler-Wings« bestellt. Die Mitarbeiterin, die einen türkischen Namen auf dem Firmenleibchen trug, guckte schräg und sagte: »Das ist nicht witzig.« Vielleicht hat sie recht.

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