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Aus: Ausgabe vom 13.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Die Frau mit der Bazooka

Ein dichtes Geflecht: Das Debütalbum der Südlondoner Postpunkband Dry Cleaning
Von Christina Mohr
DC by Steve Gullick 2(1).jpg
Dichtes Geflecht: Das Quartett Dry Cleaning

Erinnert sich noch jemand an die aus Akron, Ohio, stammende Band The Waitresses? Deren – 1996 an Krebs gestorbene – Sängerin Patti Donahue perfektionierte in Hits wie »I Know What Boys Like« oder »Christmas Wrapping« den betont kühlen, Rutsch-mir-den-Buckel-runter-Gesangsstil, der so typisch für New Wave werden sollte. Unbeteiligt wirkende Stimme zu intensiver Musik: Das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit der Waitresses und von Dry Cleaning, der angesagten Südlondoner Band, deren von John Parish produziertes Debütalbum nun endlich bei dem Label 4AD erschienen ist.

Seit 2019 veröffentlichte das Quartett in rascher Folge aufsehenerregende Singles, EPs und Videos, und, ja, ältere Menschen konnten sich durch Songs wie »Magic of Meghan« an selige Postpunk- und Wave-Zeiten erinnert fühlen, als dicke, funky Basslinien mit zackigen Gitarrenriffs und den bereits erwähnten distanzierten Vocals einen neuen Sound definierten. Dry Cleaning sind allerdings kein Nostalgieprojekt. Ihre Musik ist vielfältig, verknüpft Spuren von Hard Rock, Dub und Freejazz zu einem dichten Geflecht, das man in ähnlicher Form derzeit auch bei Black Midi und Black Country, New Road findet – aber nur Dry Cleaning haben Florence Shaw, die Sängerin, die keine ist und keine sein will: Erst als ihre früheren Art-School-Freunde Lewis Maynard, Tom Dowse und Nick Buxton ihr versicherten, dass sie sprechen statt singen dürfe, willigte sie ein, Teil dieser Band zu werden.

Und welch phantastische Idee das war: Shaws skurrile Alltagsbeobachtungen und Reflexionen, die sie in einem so unbeeindruckt wie involviert wirkenden Stil vorträgt, ziehen unweigerlich in diese Musik hinein – auch wenn Shaws Storytelling so wirkt, als nähme sie ihre Bandkollegen gar nicht wahr (dass dem keineswegs so ist, kann man bei Konzertaufnahmen wie bei Live on KEXP anschauen). »Do everything and feel nothing«, verkündet sie scheinbar emotionslos in »Scratchyard Lanyard«, zu dem es ein wunderbar verstörendes Video gibt, aber ein solcher Satz ist natürlich eine Finte. Shaw fühlt sozusagen alles: Von Gummibällen über den korrekten Verzehr von Hot Dogs (»Strong Feelings«), einen lollilutschenden Taxi­fahrer bis zu Plüschhausschuhen mit Lamagesichtern nimmt sie jedes noch so kleine Detail in ihren Erzählfluss auf, dem man fasziniert folgt. Oder irritiert stutzt: Was sagt sie da? »I think of myself as a hardy banana with that waxy surface and the small delicate flowers / A woman in aviators firing a bazooka«. Weil sie den letzten Teil selbst so bemerkenswert findet, wiederholt sie ihn: »A woman in aviators firing a bazooka«. Und manchmal kommt Florence Shaw Patti Donahue doch ganz nah, wenn sie insistiert: »Never never talk about your Ex, Never talk about your ex, never never never never, never slag them off because then they know.« Großartig.

Dry Cleaning: »New Long Leg« (4AD/Beggars/Indigo)

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