1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Montag, 14. Juni 2021, Nr. 135
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 19.04.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Nürnberger Prozess

Kein Projekt der USA

Zwei Neuerscheinungen bieten eine andere Perspektive auf den Nürnberger Prozess
Von Markus Bernhardt
KZ_Verbrecher_vor_Ge_45801443.jpg
Blick in den Verhandlungssaal des Nürnberger Prozesses

Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 standen in Nürnberg die 22 wichtigsten Naziführer, die noch am Leben waren, als »Hauptkriegsverbrecher« vor Gericht. Das Gericht, vor dem der Prozess stattfand, war das Internationale Militärtribunal (IMT) und wurde von den vier Siegermächten gemeinsam gebildet. Dennoch gilt der Prozess in der Erinnerung vieler Menschen im Kern als ein US-amerikanisches Unternehmen. Demnach waren es allein oder vor allem die USA, die das Verfahren organisierten, seinen Ablauf bestimmten und sich dabei allenfalls auf die Unterstützung ihrer britischen Verbündeten verlassen konnten. Diese Sicht der Dinge verfestigte sich im Laufe der Jahre durch eine Vielzahl von englischsprachigen Büchern, Filmen und Dokumentationen.

Hier setzen zwei neuere Publikationen an, die nach den Anteilen der Sowjetunion und Frankreichs fragen. Die Historikerin Francine Hirsch will mit »Soviet Judgment at Nuremberg« erklärtermaßen eine gänzlich neue Geschichte des IMT schreiben. Diesem Anspruch wird das Buch in Teilen durchaus gerecht. Hirsch hat eine große Zahl von Akten, Memoranden, Telegrammen, Briefen und weiteren Schriftstücken der sowjetischen Delegation und der involvierten Ministerien ausgewertet. Sie zeigt überzeugend, dass vielfach die sowjetischen Akteure den Gang der Dinge mitbestimmten. So ging etwa auf den sowjetischen Juristen Aron Trainin die Idee zurück, die Naziführer nicht nur für Kriegsverbrechen anzuklagen, sondern sie auch als Verantwortliche für den 1939 begonnenen Angriffskrieg vor Gericht zu stellen. Dass das Planen und Führen eines Angriffskrieges in Nürnberg erstmals als Verbrechen geahndet wurde, war folglich auf eine sowjetische Initiative zurückzuführen.

In ihrer Darstellung klammert sich Hirsch allerdings sehr stark an den chronologischen Ablauf der Ereignisse, was zu zahlreichen Wiederholungen von bereits Bekanntem führt. Dagegen hätte ein systematischer Überblick über Aufbau und Innenleben der sowjetischen Delegation sowie deren personelle Zusammensetzung eine Bereicherung für das Buch dargestellt.

Einen solchen Überblick bietet die Studie des Mainzer Historikers Matthias Gemählich für die französische Seite, deren Rolle in bisherigen Publikationen nur am Rande berücksichtigt wurde. Ähnlich wie es Hirsch für die Sowjetunion tut, zeigt Gemählich, wie sehr auch die französischen Ankläger und Richter den Prozess mitgestalteten.

Insbesondere die Konflikte zwischen den alliierten Delegationen in Fragen der Prozessführung stellt Gemählich heraus. Die französische Delegation arbeitete vor allem mit Aussagen der Opferseite. Ihr ist es zu verdanken, dass mehrere Überlebende deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager als Zeugen gehört wurden. Es waren vor allem Angehörige der französischen KP wie die Auschwitz-Überlebende Marie-Claude Vaillant-Couturier, die hier im Namen der Opfer sprachen und Gerechtigkeit einforderten.

Ausführlich geht Gemählich in seinem Buch außerdem auf die innere Struktur der französischen Delegation in Nürnberg ein. Dadurch werden die Biographien der einzelnen Juristen fassbar, die während des Krieges durchweg der Résistance angehört hatten, und auch interne Konflikte, etwa wegen der französischen Kollaborationspolitik unter deutscher Besatzung. Wir verdanken den beiden Publikationen die wesentliche Erkenntnis, dass die Sowjetunion und Frankreich einen maßgeblichen Beitrag zur Entstehung des Völkerstrafrechts leisteten.

Francine Hirsch: Soviet Judgment at Nuremberg. A New History of the International Military Tribunal after World War II. Oxford University Press, New York 2020, 512 Seiten, 34,50 Euro

Matthias Gemählich: Frankreich und der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/56. Peter Lang, Berlin 2019, 392 Seiten, 72,10 Euro

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Täter: Die Bank der Angeklagten, vordere Reihe von links: Herman...
    20.11.2015

    Sieg des Völkerrechts

    Vor 70 Jahren, am 20. November 1945, begann im Justizpalast in Nürnberg der Prozess gegen die faschistischen Hauptkriegsverbrecher

Mehr aus: Politisches Buch