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Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Noch lange nicht vergessen

Eigentum vor Wohnrecht: Brutale Räumung des Berliner Hausprojekts »Liebig 34« in Bildern dokumentiert
Von Sandra Schönlebe
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In den frühen Morgenstunden des 9. Oktober 2020 tönt es aus dem Gebäude der Liebigstraße 34 in Berlin-Friedrichshain: »Wir werden wiederkommen und uns das wiederholen, was uns genommen wurde.« Ein einzigartiges Hausprojekt, bewohnt von Frauen und Queers. Umringt von Hunderten, später Tausenden Unterstützern, von Flutlicht beleuchtet, vom Brummen des Helikopters begleitet, bedankten sich die Bewohnerinnen für die auch internationale Solidarität. Das letzte Aufbäumen vor dem Unausweichlichen.

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Denn nur eine Stunde später begannen Hunderte Polizisten mit der Räumung.

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Schon kurz vor sieben Uhr bauten sie ein Gerüst auf, welches bis in den ersten Stock ragte. Mit schwerem Gerät, Kettensägen, Trennschleifern und Brechstangen drangen sie von allen Seiten in das Gebäude ein und führten Dutzende Menschen hinaus. Viele von ihnen mit stolz in die Luft gestreckter Faust.

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Drei Stunden später hatte Gijora Padovicz, Immobilienmogul, sein langjähriges Ziel mit Hilfe von insgesamt 1.500 Beamten aus verschiedenen Bundesländern erreicht. Das Haus stand nach 30 Jahren wieder leer. Menschen, die gegen die Räumung demonstrierten, wurden mit teils brachialer Gewalt abgedrängt. Protest sollte nicht stattfinden. Der Einsatz kostete mindestens eine Million Euro und damit erheblich mehr als der verhasste Eigentümer Padovicz damals, 2008, für das Objekt gezahlt hatte.

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Direkt im Anschluss führte die Polizei sensationsgierige Pressevertreter durch das demolierte Haus, ermöglichte voyeuristische Triebbefriedigung und die Zurschaustellung von Räumen, die wenige Stunden vorher noch grundgesetzlich geschützt waren. Das Zuckerbrot zur vorangegangenen Peitsche, denn zuvor hatten Beamte Journalisten mehrfach in ihrer Arbeit behindert und eine »rote Zone« errichtet, die den Zugang weit um das Gebäude erschwerte oder verhinderte.

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In den vergangenen sechs Monaten kam es zu vielen Solidaritätsaktionen. Erst am vergangenen Wochenende wurde ein Haus nicht weit entfernt von dem ehemaligen Symbol der linken Szene der Stadt besetzt. Das Hausprojekt ist Geschichte, doch vergessen wird es wohl noch lange nicht sein.

Diese Bilder wurden mit einer »Point and Shoot«-Kamera aufgenommen, weil ich schnell und in Bewegung sein musste. Ich bin absichtlich mitgelaufen, deshalb die Unschärfe. Ich wollte diese Art von Energie, nicht nur stillstehen und beobachten, sondern Teil der Bewegung und des Ärgers sein. Abgesehen davon habe ich die Abzüge in der Dunkelkammer gemacht und beschlossen, sie eher real und weich wirken zu lassen. (Mia Marina)

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