1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Mittwoch, 19. Mai 2021, Nr. 114
Die junge Welt wird von 2519 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Großes Spiel

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

Die Reaktionen der deutschen Großmedien auf den NATO-Rückzug aus Afghanistan fallen verdruckst aus. Kein Wunder, hatte doch Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) erst kürzlich gemeint, die Voraussetzungen für einen »vollständigen, verantwortungsvollen Abzug« des Paktes seien momentan »noch nicht gegeben«. Nun geht es auch verantwortungslos.

Bidens Abmarschbefehl bringt den Nibe­lungentreuen in Berlin erst einmal nur politischen Profit, zeigt das Handelsblatt am Freitag. Unter dem Titel »Anti-­China-Allianz nimmt Gestalt an« analysieren mehrere Korrespondenten der Wirtschaftszeitung in einem gemeinsamen Artikel, was die USA anzubieten haben. Untertitel: »Präsident Joe Biden erzielt beim Versuch, Amerikas Partner auf Linie zu bringen, erste Erfolge. Doch Vorbehalte bleiben«. Die sind gratis, aber zählen nicht. Es gelte der Grundsatz, so das Blatt: »Amerika will sich wichtigeren Problemen widmen als dem Partisanenkrieg am Hindukusch.« Das wichtigere trägt den Namen China, und Biden dränge »das noch zögernde Europa, auf seinen aggressiven Kurs gegen Peking einzuschwenken«. Der neue US-Präsident sehe etwas, was sein Vorgänger Donald Trump »nicht sehen wollte«: »Dass die USA über etwas verfügen, was China nicht mit einem Fünfjahresplan aus dem Boden stampfen kann: ein weltumspannendes Bündnissystem.«

So erklärt sich Bidens Antrittsmotto »America is back«: Der Appetit, der beim »Essen« in Westafrika, im Nahen Osten und am Hindukusch kam, richtet sich wieder einmal auf die ganze Welt. Das ist ein Angebot, das die Häuptlinge der kleineren Sippen, zu denen nun auch Ost- und Südostasiaten, Indien und der Pazifik kommen sollen, dem Paten nicht ablehnen können. Da ist noch was zu holen, lautet das Angebot des obersten Clanchefs. Also begann, wie es im Handelsblatt heißt, mit dem Staatsbesuch des japanischen Premiers Yoshihide Suga am Freitag bei Biden »die chinakritische Gipfeldiplomatie«. USA und Japan werden ein Investitionsprogramm starten, »das ein Gegengewicht gegen Chinas Seidenstraßeninitiative bilden soll«. Es gehe »immer auch« um die Frage: »Wieviel Emanzipation von China können sich die großen Handelsnationen leisten?« In der wachstumsstarken Pazifik­region habe nämlich »das große Spiel um Macht und Einflusszonen« begonnen. EU-Europa und die Bundesrepublik stünden allerdings »etwas orientierungslos am Rande«. Indien habe dagegen »die ökonomische Entkopplung« von China längst begonnen.

Aber nun ändere sich das mit der deutsch-europäischen Konfusion, hält die Zeitung fest und wählt dafür als Beleg: Die deutsche Fregatte »Bayern« soll im August »Wilhelmshaven verlassen und Kurs Richtung Südchinesisches Meer setzen«. Das Handelsblatt zitiert Außenminister Heiko Maas (SPD): »Wenn wir nicht aktiver werden, dann schreiben andere die Regeln der Zukunft.« Wer »Regeln der Zukunft« als Synonym für »Platz an der Sonne« nimmt, weiß ungefähr, was in deutschen Oberstübchen vorgeht: Hauptsache, beim großen Spiel dabeisein und alles auf die US-Karte setzen. Am Dienstag trafen sich Kramp-Karrenbauer und Maas per Videokonferenz mit ihren japanischen Amtskollegen, berichtet das Blatt, und fährt fort: »In der Bundesregierung reift die Erkenntnis, dass sich Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zu einseitig auf den chinesischen Markt ausgerichtet hat.« Daraus seien gefährliche Abhängigkeiten entstanden.

In solch die Form wahrender Formulierung gelangt das Pegida- und AfD-Gebrüll »Merkel muss weg« in die Spalten der Qualitätspresse. Die herrschende Klasse hat nach 16 Jahren den Daumen gesenkt: Nur die gefährlichste Abhängigkeit, die von den USA, sichert Macht und Eigentum – ein Kanzlerkriterium.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. (18. April 2021 um 14:59 Uhr)
    Ja ja, so sind sie im Westen. Freie Märkte und freier Handel, das ist solange gut, wie man on top ist und selber am meisten davon profitiert und die anderen als Werkbänke der Welt billig Konsumkrempel für das westliche Wahlvolk produzieren, damit dieses halbwegs zufrieden ist und in einem akzeptablen Meinungskorridor abstimmt (also nicht zu links, zu rechts ist je nach Lage zwar auch nicht wünschenswert und unter Umständen schlecht für den Standort, aber im Zweifel natürlich deutlich weniger schlimm), damit man sich dort wiederum als freiheitlich-demokratische Krone der Menschheit fühlen kann, woraus man wiederum die moralische Legitimation zieht, dem Rest der Welt vorschreiben zu dürfen, wie Gesellschaft und Wirtschaft organisiert zu sein haben, um wiederum das globale System zu erhalten, was sie an der Spitze hält.

    Und jetzt droht China die USA zu überflügeln, und das auch noch unter Einhaltung der westlichen (WTO- usw.) Spielregeln! Ja, sapperlot! So war das aber nicht gedacht. Jetzt heißt es China eindämmen und sich ökonomisch »entkoppeln«, weil: Wenn der Westen auf dem Spielfeld des von ihm selbst so angebeteten freien Wettbewerbs nicht gewinnen kann, boykottiert er das Spiel lieber.

    Der Herr hat verständlicherweise keine Lust darauf zum Knecht zu werden.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. (18. April 2021 um 00:37 Uhr)
    Ein Jammer: »Wenn wir nicht aktiver werden, dann schreiben andere die Regeln der Zukunft.« Etwas Dümmeres kann aus vielen Ecken kommen, aber jeder Hinweis ist wertvoll.

    Übrigens gibt es keinen Vizekanzler in der BRD.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Zukunft verschlafen Es ist Tatsache: »Dass die USA über etwas verfügen, was China nicht mit einem Fünfjahresplan aus dem Boden stampfen kann: ein weltumspannendes Bündnissystem.« Ergänzend dazu zu bemerken ist, dass dies...

Ähnliche:

  • Japans Premier Yoshihide Suga am Donnerstag in Tokio auf dem Weg...
    16.04.2021

    Roter Teppich für Suga

    Japans Premier erster Gast in Washington. Ziel ist Einbindung als Partner in Anti-China-Strategie
  • Die Volksrepublik will unabhängig von Importen werden. Halbleite...
    13.04.2021

    Wettrennen um Mikrochips

    Halbleiterproduktion wird weltweit ausgeweitet. Washington und Beijing treiben Autarkie voran. USA schmieden Bündnis gegen China. Boom auch in BRD

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage