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Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Scheu vor der Bank

Die Kommune von Paris lehnte es ab, die Kasse der Großbourgeoisie zu beschlagnahmen: Auszug aus Lissagarays Geschichte des Aufstandes von 1871
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60.000 Kämpfer, Hunderttausende von Gewehren, 1.200 Geschütze, fünf Forts, eine Festungsmauer, die von Montmartre, von Belleville und dem Panthéon gedeckt ist: Der Sturz der Siegessäule Colonne Vendôme an der Place Vendôme in Paris in einer zeitgenössischen Darstellung

Die offiziellen Depeschen, die von Versailles ausgehaltenen Journalisten zeichnen Paris als das Pandämonium aller Schurken Europas. 1.500.000 Menschen, von 20.000 Verbrechern unterdrückt, richten ihre Hoffnungen auf Versailles. Der Reisende aber, der sich nach Paris hineinwagt, findet die Straßen, die Boulevards ruhig. Alles geht seinen gewohnten Gang. Diese Plünderer hatten nur die Guillotine geraubt und sie feierlich vor der Mairie des XI. Bezirks verbrannt. In allen Stadtvierteln aber ist dieselbe Empörung über die Ermordung der Gefangenen, über die schändlichen Szenen in Versailles. Paris fieberte von Glauben, Hingebung und Hoffnung. Es handelte sich nicht mehr, wie im Juni 1848, um Verzweifelte, die hinter Barrikaden ihre Flinten mit Eisenstücken oder Steinen laden mussten. Die Kommune von 1871 ist ganz anders bewaffnet als die von 1793. Sie besitzt 60.000 Kämpfer, Hunderttausende von Gewehren, 1.200 Geschütze, fünf Forts, eine Festungsmauer, die von Montmartre, von Belleville und dem Panthéon gedeckt ist, Munition auf Jahre hinaus und, wenn sie will, Milliarden Franken. Was braucht sie, um zu siegen? Ein wenig revolutionären Instinkt. Im Stadthaus gibt es keinen, der sich nicht rühmt, ihn zu besitzen. (…)

Am 5. April wurde auf Antrag von (Charles) Delescluze (1809–1871, Journalist, jW) einstimmig beschlossen, dass jeder, der die Versailler unterstütze, innerhalb 48 Stunden in Haft gehalten werde. Hinrichtungen von Verteidigern der Kommune sollten mit der Hinrichtung der dreifachen Zahl von Geiseln beantwortet werden.

Die Bourgeoisblätter schrien über diese »Ungeheuerlichkeit«, und Herr (Adolphe) Thiers (1797–1877, Politiker und Historiker, am 17. Februar 1871 von der in Versailles tagenden Nationalversammlung zum »Chef der Exekutive« gewählt, jW), der ohne Dekret erschießen ließ, klagte die Kommune der Grausamkeit an. Im Geheimen lachte diese ganze Gesellschaft über die Drohungen der Pariser. In ihrer Verblendung sah die Kommune nicht die wahren Geiseln, die sie in der Hand hatte: die Bank, die Handelsregister, die Domänen, die Depositenkassen usw. Damit hielt man die Lebensquellen von Versailles in der Hand, und ohne ein Menschenleben auf Spiel zu setzen, konnte die Kommune Versailles erklären: »Gib nach oder stirb!« Alle ernsthaften Aufstände begannen damit, den Feind beim Lebensnerv zu packen, bei der Kasse. Die Kommune aber lehnte das ab. Sie schaffte den Kultesetat ab, über den Versailles verfügte, und hielt sich in heiliger Scheu von der Kasse der Großbourgeoisie fern, die greifbar vor ihr lag.

Seit dem 19. März erwarteten die Direktoren der Bank von Frankreich die Beschlagnahme der Gelder. Um die Kasse nach Versailles zu bringen, brauchte man mindestens 100 Gepäckwagen und ein Armeekorps. Der Vizegouverneur (Alexandre Marquis) de Plœuc (1815–1887, jW) schlug sich mit den Delegierten des Stadthauses herum und rückte sein Geld nur Taler für Taler heraus. (…) Die Kommune hatte fast drei Milliarden in der Hand, davon beinahe eine Milliarde flüssiges Geld, womit man tausendmal alle (Gaston de) Galliffets (1830–1909, General, leitete die blutige Niederschlagung der Kommune, jW) und hohen Staatsbeamten von Versailles kaufen konnte. Am 30. März erschien (Charles) Beslay (1795–1878, Ingenieur, Freund des anarchistischen Theoretikers und Ökonomen Pierre-Joseph Proudhon, 1866 Mitglied der Internationale, jW) als Delegierter der Kommune vor dem Allerheiligsten. Zu seinem Empfang hatte de Plœuc seine 430 Angestellten mit ungeladenem Gewehr aufgeboten. Beslay, der ihn gut kannte, verlangte von ihm, die Auszahlung des Solds zu sichern. De Plœuc sprach von Widerstand. »Schließlich«, meinte Beslay, »kann die Kommune, um Blutvergießen zu verhindern, einen Gouverneur ernennen.« »Einen Gouverneur? Niemals!« erklärte de Plœuc, »aber vielleicht einen Delegierten. Wenn Sie dieser Delegierte wären, dann könnten wir uns verständigen.« Und dann wurde er pathetisch: »Helfen Sie mir, dies hier zu retten, das Vermögen Ihres Landes, das Vermögen Frankreichs.« Beslay war davon sehr erschüttert und wiederholte das Argument am Abend in der Kommune: »Die Bank von Frankreich ist das Vermögen des Landes; ohne sie gibt es keine Produktion, keinen Handel mehr; wenn ihr sie antastet, dann macht alles bankrott.« Diese kindlichen Auffassungen gingen im Stadthaus von Mund zu Mund. Die Proudhonisten vergaßen, dass ihr Meister die Beseitigung der Bank an die Spitze seines revolutionären Programms gestellt hatte, und sie unterstützten Vater Beslay. Er wurde delegiert, und de Plœuc empfing ihn mit offenen Armen und atmete wieder auf.

Prosper-Olivier Lissa­gary: Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Hier zitiert nach: Lissagaray: Der Pariser Kommune-Aufstand. ­Soziologische Verlagsanstalt, Berlin 1931, ­Seiten 199–202

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