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Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Forschung

»Wir müssen den Trend der Entpolitisierung umkehren«

Über die Erfahrungen der Pariser Kommune, Rosa Luxemburg und die französische Arbeiterbewegung sowie die Weiterentwicklung der Theorie. Ein Gespräch mit Jean-Numa Ducange
Interview: Andrei Doultsev
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Der Front Populaire am 14. Juli 1936 in Paris

Welche Aufmerksamkeit messen französische Historiker gegenwärtig der Geschichte der Arbeiterbewegung bei?

Es gibt heute im Gegensatz zu den 1960er und 1970er Jahren nur wenige Wissenschaftler, die sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung in Frankreich beschäftigen. In den letzten zehn oder 15 Jahren hat das Interesse zugenommen, und es gibt Forscher, die sich insbesondere mit Jean Jaurès befassen. In gewissem Sinne ist Jaurès eine integrative Figur: 1905 war er Mitbegründer der französischen Sozialistischen Partei, kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde er ermordet. Er wurde zu einer Symbolfigur der linken Bewegung.

Es gibt mehrere Autorenteams, die sich mit der Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs, PCF, beschäftigen, was es ermöglicht, einen breiteren Kreis von Wissenschaftlern zu vereinen. Außerdem gibt es Forscher, die sich der Alltagsgeschichte der Arbeiter widmen. Es ist ein interessantes Forschungsfeld, aber unter diesen Kollegen gibt es viele, die der politischen Ebene der Arbeiterbewegung keine Bedeutung beimessen wollen. Sicherlich ist die Untersuchung des Alltagslebens und der Arbeitsbedingungen sehr wichtig, aber die politische und gewerkschaftliche Komponente darf keinesfalls vernachlässigt werden. Wir müssen den Trend der Entpolitisierung umkehren. Negative Vorurteile und die Ablehnung der Ideologie als solcher sind heute das größte Problem der Geschichtsforschung.

Inwieweit ist die Entpolitisierung in Frankreich, einem Land mit einer großen revolutionären Tradition, eine Folge der westlichen Propaganda und des Geschichtsrevisionismus?

Das Konzept des Antitotalitarismus wurde in Frankreich bis in Schulbücher durchgesetzt, die eine wichtige Rolle in der Erziehung von Jugendlichen spielen. An Schulen, Gymnasien und Universitäten – wenngleich an Universitäten die sogenannte pädagogische Freiheit offiziell gewährleistet ist – herrscht ein Duktus vor, wonach die UdSSR mit Nazideutschland de facto gleichgesetzt wird. Das vielleicht groteskeste Beispiel ist ein Schulbuch, in dem auf einer Seite ein Bild von Hitlers »Mein Kampf« abgedruckt ist und auf der gegenüberliegenden Seite die »Internationale« von Pierre Degeyter und Eugène Pottier.

2018 führte die dem PCF nahestehende Gabriel-Péri-Stiftung zum 200. Geburtstag von Karl Marx eine Umfrage durch: »Ist die kommunistische Idee etwas Positives?« Und allen Widrigkeiten zum Trotz fand ein Drittel der französischen Jugend die kommunistische Idee interessant und diskussionswürdig.

Welchen Einfluss hat der Geschichtsrevisionismus auf die Wahrnehmung der Großen Französischen Revolution heute?

Bis in die 1970er Jahre herrschte ein Konsens über die positive Bewertung der ­Großen Französischen Revolution. Selbst ein Teil der französischen Rechten – Republikaner und Anti-Vichyisten – teilten diese gewissermaßen positive Einstellung gegenüber der Revolution. Anfang des 20. Jahrhunderts argumentierte Präsident Georges Clemenceau, der kein Sozialist war, dass die Französische Revolution als »ein einziger Block gesehen werden muss, der keiner Klitterung unterliegt«. Das heißt, wenn man den Sturz der Monarchie 1789 akzeptiert, muss man auch Robespierre und 1793 akzeptieren, ansonsten würde das Konstrukt der Revolution zusammenbrechen. Diese Einschätzung hat sich seit den 1970er Jahren, vor allem aber seit der Krise des sowjetischen Systems, stark verändert. Obwohl dies nicht der einzige Grund ist.

Auf Betreiben US-amerikanischer Universitäten wurde ein ideologischer Angriff gestartet, in dessen Rahmen behauptet wurde, dass die Französische Revolution dem Totalitarismus den Weg geebnet habe. Der Historiker François Furet meinte, dass 1789 das Zeitalter der historischen »Verschiebung« eingeleitet worden sei, dass mit der Revolution eine »Zersetzung« begonnen habe, die später zum »Stalinismus« führte. Diese plumpe These wurde aufgestellt, um das demokratische Erbe der Französischen Revolution zu delegitimieren. Die Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt zum 200. Jahrestag der Revolution 1989, der zeitlich mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenfiel.

An französischen Zeitungskiosken gibt es heute jede Menge Geschichtszeitschriften zu kaufen, in den meisten werden die »Schrecken der Revolution« angeprangert. Nur wenige französische Studenten und Schulkinder kennen heute die Geschichte der Großen Französischen Revolution, deren Erbe der Republik zugrunde liegt. Der Kampf gegen die Verfälschung der historischen Wahrheit bedeutet heute einen Kampf für die Französische Republik.

In diesem Jahr feiern wir den 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg. Wie wichtig ist ihr Erbe für die internationale Arbeiterbewegung?

Rosa Luxemburg ist ebenso wie Jean Jaurès eine Symbolfigur der linken Bewegung. Sie war eines der ersten Opfer der Reaktion. Die »neue Linke« stellt sie oft als »antiautoritär« dar, weil Rosa Luxemburg angeblich keine Hierarchie in der Politik mochte. Das ist falsch, weil Luxemburg zeitlebens Mitglied einer politischen Partei war, sie blieb der stark strukturierten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sehr lange treu. Luxemburg kämpfte bis zuletzt gegen Eduard Bernstein und den Reformismus. Als sie es für sinnlos hielt, diesen Kampf fortzusetzen, brach sie mit der Sozialdemokratie und beteiligte sich an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands, KPD. Luxemburg spielte eine sehr wichtige Rolle in der deutschen Arbeiterbewegung, sie kämpfte mutig gegen den Krieg und für den Massenstreik. In der DDR wurde ihr Name zum Symbol für die Novemberrevolution, ihrer wurde als Opfer des Verrats der Sozialdemokratie gedacht.

Sozialdemokraten versuchen oft, die Kritik von Rosa Luxemburg an einigen Aktionen der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution zu nutzen, um sie quasi als eine Gegnerin von Lenin darzustellen. Dennoch war sie eine Bolschewikin. Warum?

Luxemburg hat zweimal mit der Sozialdemokratie gebrochen: 1917 mit der SPD und 1918 mit der USPD. Anschließend beteiligte sie sich im Dezember 1918 an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands. Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen Luxemburg und Lenin in einigen Fragen, aber vom Grundsatz her waren sie sich einig. Sie teilten dieselben Ansichten über den Aufbau der Partei und über die Notwendigkeit von Räten. Während in Russland die Sowjets die Revolution beschleunigten, kamen in Deutschland die Räte nur sehr bedingt bzw. gar nicht der Revolution zur Hilfe. Im Dezember 1918 stellten sich die deutschen Arbeiterräte in ihrer Mehrheit auf die Seite der rechten Sozialdemokraten. Ihre oft zitierten Notizen zur russischen Revolution sind im Sommer 1918 kurz vor Beginn der deutschen Revolution im Gefängnis entstanden. Sie kritisierte einige Maßnahmen der Bolschewiki, erklärte sich aber mit ihnen solidarisch.

Es ist erwähnenswert, dass Rosa Luxemburgs Notizen zur Russischen Revolution post mortem und ohne ihre Zustimmung von ihrem Anwalt Paul Levi veröffentlicht worden sind. Diese Publikation fiel zeitlich mit einem Fraktionskampf innerhalb der KPD zusammen, kurz bevor Levi die Partei verließ und zur Sozialdemokratie zurückkehrte. Rosa Luxemburgs Aufzeichnungen über die Russische Revolution waren nicht für eine breite Öffentlichkeit gedacht. Ebensowenig wie Lenins »Brief an den Parteitag«. Es sind Texte, von denen wir nicht genau wissen, was ihre Verfasser zu Lebzeiten mit ihnen sagen wollten.

Wie wichtig ist Rosa Luxemburgs Analyse der französischen Arbeiterbewegung?

Als Luxemburg zum ersten Mal Ende des 19. Jahrhunderts nach Frankreich kam, galt dieses Land als wichtiges Zentrum der revolutionären Arbeiterbewegung. Interessant ist die Polemik zwischen Luxemburg und Jean Jaurès. Sie unterstützte Jaurès aktiv bei der Verteidigung von Alfred Dreyfus während des skandalösen antisemitischen Prozesses, kritisierte aber scharf seine Taktik, derzufolge die Sozialisten sich an der Bildung einer Koalitionsregierung beteiligten. 1899 stellte sich Luxemburg gegen die Regierung von Pierre Waldeck-Rousseau, der neben einem Sozialisten auch der General Gaston de Galiffet, der »Schlächter der Kommune«, als Kriegsminister angehörte.

In ihrer Analyse der französischen Zustände betonte Luxemburg, dass es in der Arbeiterbewegung dieses Landes eine positive Seite gab, die mit der revolutionären Tradition und der Streiktradition verbunden war. Aber sie stellte fest, dass die schnell erstarkende sozialistische Bewegung bereits vom Reformismus infiziert war.

Im entscheidenden Augenblick, kurz vor der Ermordung von Jean Jaurès, als es um die Kriegsfrage ging, unterstützte Luxemburg trotz aller Meinungsverschiedenheiten Jaurès, der die Teilnahme Frankreichs am Ersten Weltkrieg scharf verurteilte. Die Einheit der Arbeiterbewegung in dieser Frage war für sie sehr wichtig.

Für russische und deutsche revolutionäre Sozialdemokraten Anfang des 20. Jahrhunderts war die politische Situation in Frankreich wichtiger Gegenstand für eine Analyse, unter anderem weil hier die Sozialisten zum ersten Mal an einer bürgerlichen Regierung beteiligt waren. Die Frage, wie weit man in einem Regierungsbündnis gehen kann, ist eine der Schlüsselfragen der kommunistischen Taktik.

In diesem Jahr begehen wir den 150. Jahrestag der Pariser Kommune. Inwiefern war die Kommune die erste proletarisch-revolutionäre Bewegung?

Ausgehend vom marxistischen Verständnis der Notwendigkeit eines Umsturzes im bürgerlich-kapitalistischen Staat, ist die Pariser Kommune das erste Beispiel für die Diktatur des Proletariats. Genau gesehen, haben sich die Proletarier mit ihren Vertretern zur Kommune zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Unterdrücker zu unterdrücken. Einige Historiker bestreiten diese These und argumentieren, dass die Kommune bunt zusammengewürfelt war, dass die Blanquisten eher den Sansculotten der Großen Französischen Revolution ähnelten als einer sozialistischen Bewegung … Es gibt eine Debatte darüber, ob die Pariser Kommune als die Dämmerung der Französischen Revolution von 1789 oder als die Morgenröte der Oktoberrevolution zu betrachten ist. Eines ist wichtig: Zum ersten Mal in der Geschichte waren Vertreter der Arbeiterklasse an der Spitze der öffentlichen Verwaltung beteiligt. Die Maßnahmen der Kommune haben sich anschließend auf die Arbeiterbewegung ausgewirkt: Die Enteignung von Banken, die Trennung von Kirche und Staat und die Verbesserung konkreter Arbeitsbedingungen wurden zu wichtigen historischen Erfahrungen für nachfolgende Generationen von Kommunisten.

Da viele Kommunarden als Märtyrer gestorben sind, gilt auch die Pflicht, ihrer zu gedenken. Die Pariser Kommune sollte nicht isoliert von den Aufständen und Revolten, die ihr vorausgegangen und gefolgt sind, sondern in einer kausalen Beziehung zu ihnen betrachtet werden.

Wäre die Große Sozialistische Oktoberrevolution ohne die Erfahrung der Kommune möglich gewesen?

Man sollte sich fragen, was Lenin und die Bolschewiki dazu bewogen hat, eine Partei neuen Typs zu schaffen. Lenin war der Meinung, dass die bisherigen revolutionären Erfahrungen die Notwendigkeit einer starken revolutionären Organisation bewiesen haben. Ich denke, dass es im russischen Zarenreich aufgrund der Unterdrückung und der schrecklichen Lage der Werktätigen auch ohne die Erfahrungen der Kommune zu einer revolutionären Bewegung gekommen wäre. Die eigentliche Frage ist: Wäre die bolschewistische Machtübernahme im Oktober 1917 ohne die Erfahrungen der Kommune erfolgreich gewesen? In seiner Schrift »Staat und Revolution«, die Lenin kurz vor dem bewaffneten Aufstand in Petrograd verfasst hatte, untersuchte er ausführlich die Frage des Machterhalts angesichts der Niederlage der Kommune. Lenin war insbesondere besorgt, dass sich die sozialistische Revolution in Russland nach dem Sieg des bewaffneten Aufstandes in kleine regionale sozialistische Experimente auflösen könne, was einen zentralisierten Sieg ausgeschlossen hätte. Die historischen Erfahrungen zeigen, dass die herrschenden Klassen stets stark und organisiert waren, um sich an der Macht zu halten. Der Sieg der Oktoberrevolution ist ohne Lenins Analyse der Kommune nicht denkbar.

Zum 100. Jahrestag des PCF haben Sie das Tagebuch von Maurice Thorez, dem Generalsekretär des PCF von 1930 bis 1964, kommentiert und veröffentlicht. Was weckte Ihr Interesse an seinen Aufzeichnungen?

Vor einigen Jahren hat mich mein Kollege Pierre Thorez, der letzte lebende Sohn von Maurice Thorez, darum gebeten, das Tagebuch seines Vaters als Historiker gegenzulesen. Das Archiv von Maurice Thorez und seiner Frau Jeannette Vermeersch ist für die Öffentlichkeit zugänglich, aber dieses Tagebuch wurde wenig bzw. falsch aufgearbeitet. Ich fand es hochinteressant. Die Jahre 1952 bis 1964, in denen Thorez sein Tagebuch führte, waren eine Zeit, als der PCF von seiner Mitgliederzahl her die größte Partei in Frankreich war. Thorez war Hauptgegner des damaligen Präsidenten Charles de Gaulle. Das Tagebuch verrät viele Details, die mit seiner Analyse der politischen Situation in Frankreich zusammenhängen.

Maurice Thorez las viel, studierte Latein und sprach fließend Russisch. Er war ein beispielhafter Autodidakt: Arbeiterschulen gaben der kommunistischen Bewegung Anfang und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts einen enormen Auftrieb. Das letzte Buch, das Thorez vor seinem Tod las, war ein Werk über Balzac, eine marxistische Analyse der »Menschlichen Komödie«. Die Symbiose von Kultur und Politik in der Biographie von Maurice Thorez ist äußerst wichtig.

Bedauerlicherweise enthält das Tagebuch von Thorez keine Notizen über sein Gespräch mit Stalin, das 1952 stattgefunden hat. Thorez war einer der letzten ausländischen KP-Führer, die mit Stalin vor dessen Tod gesprochen hatten, das Treffen wird nur erwähnt. Man sollte bedenken, dass das Tagebuch fast im Kassiberstil geführt wurde, denn damals war das Risiko sehr groß, dass es in die Hände der französischen Polizei fallen könnte. Man bedenke nur den Fall von Jacques Duclos (1896–1975, von 1950 bis 1953 Generalsekretär des PCF, jW) im Jahr 1952, als seine persönlichen Dokumente und Archive beschlagnahmt wurden. Sie sind niemals zurückgegeben worden und müssen irgendwo in den Archiven der französischen Polizei liegen.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU, der mit Nikita Chruschtschows Enthüllung von Stalins »Personenkult« in die Geschichte eingegangen ist, blieb Thorez trotz seiner Meinungsverschiedenheiten mit Chruschtschow und seiner Nähe zu China und Albanien der UdSSR treu. Was waren die Gründe für seine Entscheidung?

Vorweg: Enver Hoxha, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Albanischen Arbeiterpartei, wie auch Ho Chi Minh kehrten in ihre Länder aus Frankreich zurück, wo sie lange im Exil gelebt hatten und im PCF Mitglieder waren. Es gab einen Zeitpunkt, als Thorez zögerte, ob er die Chinesen und die Albaner unterstützen solle: Sie schienen ihm dem Marxismus-Leninismus treuer verbunden zu sein, als es der neue Kurs, den Chruschtschow vertrat, versprach. Thorez schätzte Maos Verständnis für Theorie. Doch Thorez schreckte das aggressive Verhalten der Chinesen ab.

Bis zum Schluss blieb Thorez dem Prinzip treu, dass die Sowjetunion das Zentrum der internationalen kommunistischen Bewegung war. Er unterstützte die Idee der friedlichen Koexistenz, während diese für die Chinesen bedeutete, viele Aspekte der Klassentheorie in Frage zu stellen. Übrigens wurde das Prinzip der friedlichen Koexistenz von Molotow (von 1939 bis 1949 sowie 1953 bis 1956 sowjetischer Außenminister, jW) lange vor 1957 entwickelt. Das Problem lag weniger im Prinzip als in der Umsetzung dieser Doktrin aufgrund mangelnder theoretischer Kenntnisse bei Chruschtschow. Eine historische Figur lässt sich am besten an ihrem theoretischen Nachlass messen. Chruschtschow unternahm zeitlebens nicht die geringste Anstrengung, eine einzige Zeile zu schreiben. Und seine Reden wurden nicht von ihm selbst geschrieben … Eines der Hauptprobleme der modernen kommunistischen Bewegung ist, dass Generationen von Politikern, die auf Thorez, Stalin und Mao folgten, keine Theorie entwickelt haben, mehr noch – die Theorie hat sie kaum interessiert. Unter Georges Marchais (1920–1997; von 1972 bis 1994 Chef des PCF), der kein Interesse für Theorie hatte, erreichten wir den Tiefpunkt, dass jeder schreiben konnte, was er wollte. Die Ideologen der Partei stellten die Parteilinie nicht mehr in Frage, während der Führung die Inhalte egal waren. Dabei hat der Marxismus ohne theoretische Analyse der Gegenwart keinen Wert.

Jean-Numa Ducange …… ist Professor für europäische ­politische und soziale Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Rouen. Das Forschungsgebiet des französischen Historikers (Jahrgang 1980) umfasst die ­Geschichte der Großen Französischen Revolution, des Marxismus sowie der ­französischen und deutschen ­Arbeiterbewegung. Bekannt sind das von Jean-Numa Ducange herausgegebene Tagebuch von Maurice Thorez, die Biographie von Jules Guesde und die von ihm kommentierten Rosa-Luxemburg-Texte. Im März ist Ducanges neues Buch über marxistische Theorieansätze zur nationalen Frage erschienen.

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