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Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Unfassbar

Zu jW vom 14.4.: »Besuchen Sie Europa, ­solange es noch steht«

Es ist schwer zum Aushalten: Da steht die Welt 2020 buchstäblich in Flammen (Australien, Kalifornien, Brasilien, Tundra bis nördlich des Polarkreises etc.), ein Hitzerekord jagt den nächsten bei einer globalen Kohlendioxidkonzentration weit über dem Limit, Korallenriffe sterben großflächig ab, und bald haben wir mehr Kunststoff als Fisch in den Weltmeeren. Dazu Millionen Menschen, die unter Hunger leiden (…) und keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Obendrauf noch unzählige Kriegstote in aller Welt und »on top« seit über einem Jahr die Coronapandemie mit aktuell fast drei Millionen Toten (…). Und da fällt diesen Wahnsinnigen, diesen für die gesamte Menschheit mittlerweile extrem gefährlichen »Führern der freien Welt«, nichts Besseres mehr ein, als mit »Defender 2021« ein gigantisches Kriegsspiel, ausgerichtet insbesondere gegen Russland, zu spielen? Es ist wirklich unfassbar! (…)

Ulrich Becker, Alfter

Sträfliche Ignoranz

Zu jW vom 10./11.4.: »Die Selbstgerechte«

Der Kommentar zu Sahra Wagenknechts neuem Buch weckt ungute Erinnerungen an den Leipziger Parteitag von 2018. (…) Wie Wagenknecht sich damals in ihrer Parteitagsrede völlig klar zu linken Standpunkten bekannte und alle bösartigen Unterstellungen entkräftete, sollte angesichts der jetzt schon wieder – wie vor jeder Wahl – aufflammenden Intrigen und Konkurrenzkriege nachgelesen werden (…). Gerade die Bewegung »Aufstehen« hat ganz entgegen von Ulla Jelpkes Behauptung nicht nur linke Kräfte parteiübergreifend erfolgreich zusammengeführt, sondern auch ein neues, junges Narrativ für eine Vita politica gefunden. Leider aber wussten hohe Funktionsträger der Partei Die Linke dieser Bewegung nur mit Ignoranz und sträflicher Borniertheit zu begegnen. Wen es jetzt noch wundert, dass (…) sich unzählige Sympathisanten von der Linken abgewandt haben, der allerdings ist wirklich selbstgerecht und agiert nur noch im eigenen Echoraum. Für diese Misere ist keineswegs die Mehrheit der Parteimitglieder verantwortlich. Ursächlich ist das Fehlverhalten mancher Funktionsträger, die mit der ihnen temporär verliehenen Macht nicht umzugehen wissen und damit nicht wiedergutzumachenden Flurschaden anrichten.

Gabilotte Lanzrath, Berlin

Nur auf Papier

Zu jW vom 10./11.4.: »Die Selbstgerechte«

Ich gebe Ulla Jelpke nur in einem Punkt zu 100 Prozent recht. Das sind die Ausführungen zum Rohrkrepierer »Aufstehen«. (…) Sahra Wagenkechts Ausführungen zur Flüchtlingspolitik entsprechen definitiv nicht meiner Meinung, und in ihrer Wirtschaftspolitik ist sie eher keynesianistisch. Das ist zwar auch nicht meine Sache, aber ihre Haltung wie Jelpke als »alte Mär vom schaffenden und raffenden Kapital« zu interpretieren, ist inhaltlich daneben. In der Partei Die Linke gibt es auch eine BAG Linke Unternehmer, also auch »schaffendes Kapital«. Bei den Ausführungen zu den »Lifestylelinken« stimme ich Wagenknecht zu. Ich war selber in dieser Partei und bin aus diesen Gründen »geflüchtet«. (…) In Hochhaussiedlungen sei es sinnlos, Politik zu machen, weil die Einwohner die Inhalte nicht verstünden, bei Kinderfesten müsse darauf geachtet werden, dass die Zuckerwatte zuckerfrei sei, wegen irgendwelcher Hipstereltern usw. (…) So kann auch nur eine Politik zustande kommen wie in Berlin (S-Bahn-Privatisierung, Schulbauoffensive) und Bremen (»sozialverträglicher« Arbeitsplatzabbau im städtischen Krankenhaus). (…) Ein praktisch umgesetzter Keynesianismus ist mir lieber als eine »sozialistische Programmatik« (Jelpke), die nur auf dem Papier steht.

Clint Kohlberg, per E-Mail

Geringeres Übel

Zu jW vom 10./11.4.: »Die Selbstgerechte«

Es gilt für alle Linksparteien und vor allem für solche, die nicht nur an den Parteiensystemen partizipieren wollen, sondern ernsthaft an der ökologisch-sozialen Wende arbeiten: Man muss sehr offen bleiben für neue soziale Bewegungen! Da entstehen viele – oft kleine – Goldpartikel, die in der Summe extrem wertvoll seien können. Die politische Wende in Deutschland wird nicht vom Bundestag ausgehen, sondern von sehr erdgebundenen Massenbewegungen. Wir werden auch das Phänomen haben, dass Leute, die man gern in den Sack »Spießer« steckt, Potentiale entfalten werden, die man ihnen heute nicht im entferntesten zutraut. Die Linke hat gigantische Probleme mit der Theorie (Marx und Engels sind ihr sehr fern). Man sollte nun nicht so tun, als ob man bereits ausgereifte Theorien anwendungsbereit zur Verfügung hat. Wenn eine Parteivorsitzende das Finanzprogramm der Partei, das von der Realität weit entfernt und zu allgemein ist, nicht erklären kann wie jüngst im Fernsehen Susanne Hennig-Wellsow, warum soll ich diese Partei dann wählen? Als geringeres Übel? Der Kern des aktuellen kapitalistischen Systems liegt im Finanzsektor. Wer das nicht versteht, dem kann man auch nicht helfen!

Achim Lippmann, Shenzhen/China

Nicht vergessen

Zu jW vom 10./11.4.: Die Selbstgerechte

(…) Ulla Jelpke schreibt zu Sahra Wagenknecht: »Die Herrschaft der besitzenden Klassen und ihre Fähigkeit zur Ausbeutung beruht auf der Konkurrenz der Lohnarbeiter und ihrer Spaltung in besonders unterdrückte oder diskriminierte Gruppierungen …« Soweit ich mich erinnere, hatte Karl Marx herausgefunden, dass die Herrschaft der besitzenden Klassen auf dem Eigentum an den Produktionsmitteln beruht. Das ist wohl etwas anderes. (…) Das Mehrwertgesetz ist das Grundgesetz der kapitalistischen Produktionsweise. Dass und wie es wirkt, erleben wir täglich. Niemand fragt da nach irgendwelchen Identitäten. Nur wer dies alles ignoriert, kann zu den Schlussfolgerungen von Ulla Jelpke kommen oder sich in seiner Minderheitengruppe beleidigt fühlen. Denken wir auch mal wieder an Bertolt Brecht: »Unsre Herrn, wer sie auch seien, / Sehen unsre Zwietracht gern, / Denn solang sie uns entzweien, / Bleiben sie doch unsre Herrn.«

Gertraude Barth, Berlin

Man muss sehr offen bleiben für neue soziale Bewegungen! Da entstehen viele – oft kleine – Goldpartikel, die in der Summe extrem wertvoll seien können.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

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