Gegründet 1947 Freitag, 7. Mai 2021, Nr. 105
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Zeig mir deine Wand

Rauschhaftes Rauschen: Reissues der legendären britischen Band My Bloody Valentine
Von Alexander Kasbohm
My_Bloody_Valentine_180490_Gullick166_18-300dpi.jpg
Sturmflut aus Lärm: My Bloody Valentine

Zu Beginn der 1990er waren für eine kurze Zeit die Shoegazer-Bands populär. Bands wie Lush, Slowdive oder Spacemen 3, die ihren ansonsten recht konventionellen Indie-Britpop vor eine geräuschige Fläche verzerrter Gitarren stellten und bei Konzerten die meiste Zeit auf die Effektpedale vor ihren Füßen starrten. So weit, so gefällig. Am Anfang waren auch My Bloody Valentine nur eine weitere Band dieses Genres, wenn auch eine der besseren.

Vom irischen Musiker Kevin Shields 1983 in Dublin gegründet, durchliefen My Bloody Valentine etliche Umbesetzungen, bis 1987 das recht stabile Gefüge aus Shields (Gitarre, Gesang), seinem Schulfreund Colm Ó Closóig am Schlagzeug, Bilinda Butcher (Gitarre, Gesang) und Debbie Googe (Bass) zusammenfand.

Die ersten EPs und die LP »Isn’t Any­thing« von 1988 machten vor allem das Potential der Band deutlich, aber auch, dass sie es noch nicht voll auszuschöpfen vermochte. Es war spannend, zu beobachten, wie sie sich mit jeder Veröffentlichung dem Ideal ihrer selbst näherten. 1990 erschien die EP »Glider« mit dem Track »Soon«, der schon andeutete, was kommen wird. Ein Jahr später dann das große, alles verändernde Werk »Loveless« – die Geräusch­wände waren keine Dekoration mehr, sie waren das, worum es ging. Melodien und Songfragmente tauchten nur noch zerrissen auf, wie Fetzen, die durch den Sturm ins Gehör gelangten. Die Gitarren waren eine Naturgewalt, eine Sturmflut aus Verzerrung und Lärm. Ein rauschhaftes Rauschen. Tracks wie »To Here Knows When« ließen einen regelmäßig checken, ob die Boxen noch heil sind oder der Plattenspieler unter Gleichlaufschwankungen leidet. Und aus dem dichten Nebel schälte sich dann der bezaubernde Popsong »When You Sleep«, als bräche der Sonnenschein durch dunkle Wolken. Bilinda Butchers feenhafter Gesang schwebte jetzt unbeeindruckt über dem Tosen.

»Loveless« war nicht nur ein Meilenstein des Shoegaze-Genres, es war ein unbegreiflicher Monolith von einem Album. Ein Statement, das heute genauso einzigartig dasteht wie damals. Live wurde das in einer Lautstärke dargeboten, die jegliche Wahrnehmungs- und Schmerzgrenzen sprengte. Ein physisches Erlebnis, an dessen Folgen manche bis heute leiden. Man konnte sich vorstellen, wie Phil Spector mit sturmzerzaustem Haar ein My-Bloody-Valentine-Konzert verlässt und murmelt: »Verdammt, das ist eine Wall of Sound!« Was sollte nach so einem Album noch kommen? Was macht man, wenn man das Ideal erreicht, ein Werk von solcher Tragweite geschaffen hat?

»Loveless« hatte angeblich eine Viertelmillion Pfund gekostet und das Label Creation Records in den Ruin getrieben, da zwar die Kritiker die Platte liebten und sie immerhin auf einen beachtlichen Platz 24 der UK-Album-Charts kam, was aber nicht annähernd reichte, um die Kosten einzuspielen. »Gute Investitionsmöglichkeit!« dachte sich daraufhin Island Records und gab Shields noch mal 250.000 Pfund in die Hand. Der baute damit – wie vereinbart – ein Heimstudio und nahm auch genug Musik für mehrere Alben auf, brachte aber nichts mehr zu Ende. Shields meinte später, dass sich nichts von dem, was er aufnahm, richtig anfühlte. Wie das Beach-Boys-Genie Brian Wilson zog er sich immer mehr zurück. Er spielte zwar gelegentlich mit Bands wie Primal Scream, Yo La Tengo oder Dinosaur Jr. – alles okaye bis sehr gute Bands, aber nichts, was einem Genie wie ihm würdig war.

Als kaum noch jemand erwartete, je wieder neue Musik von ihm zu hören, erschienen 2003 auf dem Soundtrack zu Sophia Coppolas »Lost in Translation« einige neue Songs von Shields. Und dann ging es für die Verhältnisse der Band Schlag auf Schlag: Nur knappe zehn Jahre später war das dritte Album »m b v« fertig. Shields hatte das unmöglich Scheinende geschafft: ein neues Album, das mehr war als eine Wiederholung von »Loveless«. Natürlich schlug »m b v« nicht mit ähnlicher Wucht ein, die Welt war jetzt vorbereitet. Dennoch stellte das Album ein würdiges Comeback dar, innerhalb der Soundparameter der Band hatte es deutliche Verschiebungen gegeben.

Und 2021 verdichten sich die Gerüchte, dass neues Material kurz vor dem Erscheinen steht. Erfahrungsgemäß sollte niemand bis zur Veröffentlichung erwartungsvoll den Atem anhalten, aber man kann ja vorsichtig ein Auge auf den Veröffentlichungsplan von Domino Records werfen, bei denen die Band kürzlich unterschrieben hat. Zunächst verkürzt uns das Label die Zeit mit neuen remasterten Versionen der ursprünglichen Alben in den üblichen Deluxe- und Normal-Varianten, als Sammelbox und einzeln, die noch mal ein neues Rauscherlebnis versprechen. Und vielleicht erscheint ja gen Sommer ein weiteres Kapitel des Buches Valentine. Vielleicht auch nicht.

My Bloody Valentine: »Isn’t ­Anything«, »Loveless«, »m b v« (Domino/Rough Trade)

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton