1000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 8. / 9. Mai 2021, Nr. 106
Die junge Welt wird von 2512 GenossInnen herausgegeben
1000 Abos für die Pressefreiheit! 1000 Abos für die Pressefreiheit!
1000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 17.04.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Da blitzt die Nuss

Elaboriertes Totsein: »Dave«, das frische Meisterwerk der kommenden Großtörin Raphaela Edelbauer
Von Stefan Gärtner
10 Kopie.jpg
Ist schöner Wahnsinn nicht das schönste Leben? Tieck sagt ja! (Humanoid »Sophia« von Hanson Robotics)

»Ich habe dir immer gesagt, diese ­Fixierung auf Sprache ist ein Fehler.«

Raphaela Edelbauer, »Dave«

Literatur stellt ja bekanntlich Fragen, und die Frage, die Raphaela Edelbauers zweiter Roman »Dave« stellt, lautet: Ist das Absicht? Oder bloß Unvermögen? Dieser eckig naseweise Jungtantenstil, der erwachsener klingen will als die Erwachsenen, aber bloß Attitüde aus Bildstuss, »Talkshow-Deutsch« (Michael Ziegelwagner) und dem Fremdwörterbuch ist: »Aber die Kräfte waren im Gange: Wer hätte gedacht, dass in diesem fühllosen Ausagieren der Gravitation, im Randbereich einer dieser Galaxien, sich nach viereinhalbtausend Millionen Jahren der Staub zu einem Planetenkörper vereinigen würde? Wüst und wirr schlugen die Elemente, schlugen Wasserstoff, Kohlenstoff und Stickstoff um sich, vereinigten sich zu einem Gewölbe und einem Meer, das schäumend die ganze Erdoberfläche bedeckte, um sich an den gerade erst entstandenen Molekülen satt zu fressen; elaboriertes Totsein letztlich auch dies. Die ersten 10 Milliarden Jahre – metaphorisch, weil niemand die Zeit maß und sie sich damit aus dem Ereignishorizont absentiert hielt – war alles Mechanik.«

So wüst, wirr und elaboriert tot beginnt das bereits, und wer auf Seite acht nach dem Satz: »Die Schlaflosigkeit war zu unserem entscheidenden Zustand geworden« schon die Flinte streichen und die Segel ins Korn wuchten will und sich eine Seite weiter nach der »rüstigen Mittsiebzigerin, die gemeinsam mit ihrer Mutter Getränke feilbot«, an die Lokalzeitung erinnert, der mag trotzdem durchhalten; und sich nach 50, 60 Seiten hüftsteif-altklugen, vor Phrase, Pleonasmus und fühllos ausagiertem Gebrauchtmarktvokabular nicht die mindeste Angst bezeugenden Gequalles vor der Frage von eingangs wiederfinden: Ob man vielleicht den Witz nicht kapiert. Ob es sich hier am Ende um eine neue Ästhetik handelt, eine Art Antimanierismus und Gegen-Mosebach, Kunst aus Schrott nämlich, wie sie eine Zeitlang unsere Sparkassen so gern angekauft haben. Schließlich Alf Mentzer, Jurymitglied des Deutschen Buchpreises 2019: »Eine tolle Autorin, die etwas wagt und die auch vollkommen gewinnt mit dem, was sie wagt«, denn wer Sätze wagt wie »Ich … wartete, bis mein Puls wieder in sein Gleichgewicht geriet« und mutig u. a. die Nazivergangenheit anzeigt, der gewinnt fürs Romandebüt »Das flüssige Land« den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, den Theodor-Körner-Preis und beinah den Österreichischen wie den Deutschen Buchpreis (Schlussrunde). »Einfach phantastische Literatur« (Jury), ja ein »literarischer Totalschaden« (Ziegelwagner, Titanic 1/2020).

In »Dave« geht es um künstliche Intelligenz (namens »Dave«), und wen es ekelt vor den allzeit brühheißen »Themen«, die aufs öde Interesse von ­Zeitungskundschaft spekulieren und der »verinhaltlichung von kunst« (Schernikau) zuarbeiten, der mag auch hier der schmerzfreien Wienerin, Jahrgang ’90, aus dem Weg flüchten; und lieber was von Dath oder die Aufsätze von Neurath bis Turing lesen, die der Anhang »artig« (Edelbauer) auflistet. Und, wie die Zuständigen gleich gemerkt haben, schon wieder Orwell verpassen, weil die Metaebene – und nur auf der, so überhaupt, können Menschen von Geschmack das lesen – tatsächlich in Ozeanien liegt: Denn wo Unwissen Stärke und zwei plus zwei gleich fünf ist, ist Mist Kunst und wird, wo sprachlich und bis in die Rechtschreibung hinein so gut wie alles falsch ist, der Unterschied zwischen falsch und wahr ganz einfach unwirksam.

Und dann ist »Dave« nicht ein neuerlicher »Tiefpunkt« (Rudi Völler) der zeitgenössischen Literatur nominell deutscher Sprache (»Ich … erschreckte vor diesem, meinem eigenen Schrei«), sondern die finale Umwertung aller einschlägigen Werte, über Lewitscharoff und Zehs Juli noch sehr hinaus, mit denen Edelbauer das hart an der Übergeschnapptheit wohnende Selbstbewusstsein teilt – in der Danksagung (die im gedruckten Leseexemplar fehlte, vielleicht ahnte jemand was) heißt es: »Ich danke meiner Mutter für die Gewissheit, dass die Welt aus zu vielen beweglichen Einzelteilen besteht, als dass es jemals eine Möglichkeit gäbe, aufgeben zu müssen. Ich danke meinem Vater für die philosophische Beweglichkeit, die er mir vererbt und in Hunderten Gesprächen lebendig gehalten hat.« Nein, der Zweifel wohnt hier nicht, und von der Möglichkeit, aufgeben zu müssen, möchte man da schon allzugern Gebrauch machen; und kapitulieren vor dem Faktum, dass der gespreizt-halbliterate Streberinnenton, vor dem sich noch der freundliche Leser zum »imbezilen Idioten« (Edelbauer in typischer Dopplung) gemacht sieht, zum Markenzeichen werden wird, und zwar nicht obwohl, sondern weil natürlich auch der Unterschied zwischen »scheinbar« und »anscheinend« nicht bekannt ist. Aber der programmierende Ich-Erzähler, der damit angibt, Proust und Nabokov zu lesen, unentwegt von »Ambitus«, »dispergieren« und »Pareidolien« kakelt – die Herrschaft der Fachleute, kein Zweifel, nur dass, scheint’s, keiner mehr für Deutsch, gar Literatur darunter ist. »Im Stechschritt gingen die Menschen zwischen den Pavillions umher« – neun Wörter, zwei Fehler, ein kommender Star. Recht so.

»Es dauerte nur wenige Wochen, dann war die allgemeine Hysterie von der Strömungsmechanik des Alltags wieder erodiert« – dass Menschensprache im maschinellen Zeitalter sterbe, ist eine Diagnose, die sich durch die nähere, dystopische Zukunft der Romanhandlung bestätigt findet, und ob die grandios ungelenke, latent größenwahnsinnige Prosa von »Dave« (»die Nut, an der mein Inneres zusammengeschweißt war, blitzte auf«) diesem Tod nicht schon wieder enteilt, weil schöner Wahnsinn, Tieck wusste es, das schönste Leben ist, ist eine so gute Frage wie die, ob hier in Billigroutinen befangene Maschinensprache triumphiert (die, stand in der Zeitung, zumal an der Metapher scheitert) oder doch die angemaßt genialische des Menschen; der nach Sportgymnasium, Studium der Sprachkunst und »Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung« dem Algorithmus in Fernen des Ramsches und der Katastrophik davonrudert, die sich, denkbar wär’s, schlicht nicht errechnen lassen. Denn die Rechenmaschine als solche ist, wie es gelegentlich heißt, »inhärent human«, und was womöglich als Rechtfertigung einer inhärent maschinellen Autorin gedacht war, die wie der Computer klingt, der sie beizeiten ablösen wird, könnte auch die Hoffnung bedeuten, dass der, was Menschen anrichten, dereinst schlicht nicht mehr zulässt.

Raphaela Edelbauer: Dave. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 432 Seiten, 25 Euro

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

Für alle, die es wissen wollen: Die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) gratis kennenlernen. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton

Drei Wochen gratis lesen: Das Probeabo endet automatisch.